Maria, Mutter der Kirche – Überlegungen zur Rolle Mariens in der Heilsgeschichte

Die Deutschen tun sich schwer mit dem Pfingstfest. Aktuellen Umfragen zufolge weiß die Hälfte der Menschen in unserem Land nicht, was die Christen an Pfingsten feiern, nämlich die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die im Gebet versammelten Jünger. Noch schwerer tut man sich hierzulande mit dem Pfingstmontag. Früher war das Pfingstfest ebenso wie Weihnachten und Ostern mit einer Oktav verbunden, das heißt das Festtagsgeheimnis wurde eine ganze Woche lang gefeiert. Als die Pfingst¬oktav infolge der Liturgiereform von 1970 wegfiel, blieb in manchen Ländern jedoch der Pfingstmontag als blasse Erinnerung erhalten. In Deutschland gehört Pfingsten gemeinsam mit Weihnachten und Ostern zu den drei Doppelfeiertagen. Da es in den meisten europäischen Ländern diesen Festtag nicht gibt, wurde auch bei uns immer wieder dessen Abschaffung diskutiert, zum Beispiel in Zusammenhang mit der Finanzierung der Pflegeversicherung in den neunziger Jahren. Doch auch viele Gemeinden tun sich schwer mit dem zweiten Pfingsttag. Vielerorts wird er in Deutschland als großer Ökumene-Tag begangen; es finden große ökumenische Gottesdienste statt, oft – entgegen kirchlicher Regelung – unter Wegfall der Messfeier.
Im vergangenen Jahr hat Papst Franziskus einen überraschenden Vorstoß gemacht: Der Pfingstmontag soll jetzt weltweit als kirchlicher Gedenktag begangen werden. Da das Pfingstfest als Geburtstag der Kirche gilt, blickt die katholische Christenheit am Pfingstmontag auf Maria als „Mutter der Kirche“. Dies ist eine Logik, die im liturgischen Kalender immer wieder begegnet. Eine Woche nach Weihnachten (am ersten Januar) wird das Hochfest der Gottesmutter Maria gefeiert; am Tag nach dem Fest Kreuzerhöhung der Gedenktag der Schmerzen Mariens und am Tag nach dem Herz-Jesu-Fest der Gedenktag des unbefleckten Herzens Mariens.
Da es in Deutschland ein eigenes Messformular für den Pfingstmontag gibt, soll dieses jedoch weiterhin benutzt werden und nur das Offizium vom neuen Gedenktag gebetet werden. Die Messe von „Maria, Mutter der Kirche“ kann als Votivmesse an einem Werktag in der Woche nach Pfingsten gefeiert werden. Lediglich Kirchen, die den Titel „Maria, Mutter der Kirche“ tragen, dürfen am Pfingstmontag ihr Patrozinium feiern.

Theologischer Hintergrund des neuen Gedenktags ist die Eva-Maria-Parallele, die als Ergänzung zur biblischen Adam-Christus-Parallele seit den frühen Kirchenvätern nachweisbar ist. Eva wird als Mutter aller Lebendigen gesehen. Maria ist als „neue Eva“ die Mutter aller Glaubenden, also die Mutter der Kirche. Viele Päpste haben diesen marianischen Titel verwendet, auch die beiden Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) gab es Bestrebungen, diesen Titel in die Konzilstexte aufzunehmen. Dies scheiterte jedoch an den deutschen und skandinavischen Konzilsteilnehmern, die darin ein Hindernis für die Ökumene erblickten. Papst Paul VI. verkündete daher eigenständig am 21. November 1964 diesen Marientitel „Maria, Mutter der Kirche“, der dann auch als Anrufung in die Lauretanische Litanei aufgenommen wurde.
Als 1990 von der päpstlichen Liturgiekommission ein eigenes Marienmessbuch veröffentlicht wurde, wurden darin auch drei verschiedene Messformulare unter dem Titel „Maria, Urbild und Mutter der Kirche“ aufgenommen. Während weniger marianisch gesinnte Pfarrer das Buch im Schrank stehen lassen oder erst gar nicht angeschafft haben, ist das Buch an Marienwallfahrtsorten und in Pfarrgemeinden, die die traditionelle Marienverehrung pflegen, sehr beliebt, da es die Rolle Mariens in der Heilsgeschichte in vielen theologisch tiefen Gebeten meditiert.
Jetzt hat also Papst Franziskus wieder einen überraschenden Vorstoß gemacht. Er ist der Papst, der in keine Schublade passt. So tun sich eher traditionelle Katholiken oftmals schwer mit seinen politischen Aussagen und auch mit seinem Ansatz in der Pastoral; progressive Katholiken – gerade im Land der Reformation – können seine südamerikanische Marienfrömmigkeit nicht nachvollziehen. Der Mann, dessen erster Weg nach der Wahl zum Papst zum vielverehrten Gnadenbild „Maria Salus Populi Romani“ führte, hat jetzt der Christenheit einen neuen Mariengedenktag geschenkt und er ist davon überzeugt, dass dies die Einheit der Christenheit nicht behindert, sondern fördert. Denn von ihm stammen auch solche Aussagen wie „Marienverehrung ist eine Notwendigkeit des christlichen Lebens.“ Oder „Wo Maria im Haus ist, da kommt der Teufel nicht rein.“ Was meint wohl Benedikt XVI. zu diesem neuen Gedenktag? Er hat sich bekanntlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und wohnt im Kloster „Mater Ecclesiae“ – Mutter der Kirche.

Georg Alois Oblinger 

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