Der Heilige Geist rettet aus menschlichen Nöten

Seit Beginn unseres Glaubens sprechen wir Christen vom Heiligen Geist. Was meinen wir eigentlich damit. Ist er nicht vielen von uns fremd geblieben, dieser „vergessene Gott“, wie er schon genannt worden ist? Und wo sollte er auch Platz finden in der nüchternen Atmosphäre unserer Alltagswelt? In den Büros und Werkstätten regieren eher die Kühle des Verstandes und ein oft unentrinnbarer Leistungsdruck. Im Lärm von Sensationen und Reklame, da ist kein Raum für den Heiligen Geist. Sollten wir also lieber vom Heiligen Geist schweigen?
Andrerseits erleben wir in unserer Zeit eine Art Wiederentdeckung des Heiligen Geistes. Seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts entstehen in vielen Ländern neue Gruppen von Christen. Diese Gruppen wollen zur Erneuerung der Kirche beitragen nicht mit Reden, Plänen, Strukturreformen, Sitzungen und Konferenzen. Sondern sie wollen sich in gemeinsamem Gebet öffnen, bereithalten für das Wirken des Heiligen Geistes. Auf unsere Weise wollen auch wir das heute tun. Wir wollen den Geist zu erkennen versuchen in seinen Wirkungen und wir wollen uns seinem Wirken öffnen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie der Heilige Geist drei Nöte des Menschen lindert; wie er eine dreifache Sehnsucht des Menschen stillt.

Eine erste Not: Wir Menschen machen immer wieder die Erfahrung, dass wir uns nicht verstehen. Ich denke jetzt nicht nur an die großen Auseinandersetzungen zwischen den Völkern, an Krieg und Terror. Ich denke an unseren Alltag. An die Meinungsverschiedenheiten und Missverständnisse am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Familie. Eltern verstehen ihre Kinder nicht mehr. Jugendliche kommen mit ihren Eltern nicht zurecht. Ehepartner leben sich auseinander. Streit und Unfrieden trennt die Menschen, nicht zuletzt auch in den christlichen Gemeinden. Die Situation ist genau so, wie sie die berühmte Geschichte vom Turmbau zu Babel schildert: Die Menschen leben in der Zerstreuung, denn sie sprechen nicht die gleiche Sprache. Aber in ihnen ist eine Sehnsucht nach Gemeinschaft. Sie leiden unter der Zerstreuung. Sie leiden unter den Sprachgrenzen, die quer durch die Völker, die Familien und inzwischen auch durch die Diözesen gehen. Dieser Not begegnet der Heilige Geist. Wir haben es im Pfingstbericht aus der Apostelgeschichte gehört. Nun können sich die Menschen verschiedenster Herkunft wieder verstehen. Der Heilige Geist einigt sie. Und so entsteht die Kirche. Sie ist eine Gemeinschaft aus Menschen aller Rassen und Klassen, jeden Alters und Temperamentes. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, weil und soweit sie sich vom Heiligen Geist vereinen lassen. Wer sich nach Gemeinschaft sehnt, ist deshalb aufgefordert zur Kirche zu gehen, denn sie ist – wie Hippolyt von Rom sagt – der Ort, wo der Heilige Geist blüht.
Doch bei all unserem Bemühen um gegenseitiges Verständnis und um Gemeinschaft scheitern wir immer wieder. Das ist unsere zweite Not. Wir werden aneinander schuldig. Und wir werden mit der Schuld nicht fertig. Wir machen alles Mögliche mit der Schuld: Wir streiten sie ab. Wir verstecken sie. Wir machen aus ihr eine Heldentat. Wir setzen uns über sie hinweg. Wir verdrängen sie.
Wir entschuldigen uns mit psychologischen Erklärungen. Wir laden unsere Schuld anderen auf. Es gibt immer mehr Menschen unter uns, die mit einer fremden Schuld herumlaufen. Ohne Schuld haben sie Schuldgefühle. Sie leiden unter Ängsten, Zwangsvorstellungen und Depressionen, weil andere ihnen die eigene Schuld aufgeladen haben. Aber auch die eigene versteckte und verdrängte Schuld macht den Menschen krank. Schuld kann eben nicht einfach weggeschoben werden. Schiebung ist kein Weg, mit ihr fertig zu werden. Wer schuldig geworden ist, der braucht nicht Entschuldigungen, sondern Vergebung und wenn möglich Versöhnung. Im Menschen ist eine Sehnsucht nach Befreiung; er möchte freiwerden von seiner Selbstsucht, seiner Selbstgefälligkeit und seiner Selbstverherrlichung. Er möchte sich aussöhnen mit Gott und den Menschen. Und wieder ist es der Heilige Geist, der nach dem Glauben der Kirche dieser Not begegnet. Es ist der Geist, der uns befreit und begnadigt. Davon ist im Evangelium, das wir gehört haben, die Rede. Denn Jesus beschenkt seine Jünger mit dem österlichen Frieden, indem er sagt. „Empfanget den Heiligen Geist. Allen, denen ihr die Sünden erlasst, sind sie erlassen.“ Und weil es eine Vergebung der Schuld wirklich gibt, darum brauchen wir unsere Schuld weder zu verdrängen noch zu verschieben; wir können uns ihr stellen. Wir können sie annehmen, damit sie uns abgenommen wird vom Heiligen Geist.
Die Schuld ist eine große Not des Menschen. Sie ist nicht seine einzige. Das Leben ist nur zu oft eine Last. Es ist gezeichnet von den Mühen um den Lebensunterhalt, von unsäglichem Leid, von Krankheit und Tod. Und so ist es nicht verwunderlich, dass wir Menschen uns in dieser Welt nie so ganz heimisch fühlen können. Wir leiden unter der Ungeborgenheit der Welt. Wir haben Angst vor dem Nichts, vor der Sinnlosigkeit. Einerseits fürchten wir den Tod; andrerseits sehnen wir ihn herbei, damit er uns befreie aus diesem Tal der Tränen. In uns ist die Sehnsucht nach einem unverlierbaren und unvergänglichen Glück. Sie lässt uns immer wieder aufbrechen, um dieses Glück zu suchen, um eine Antwort zu finden auf unsere letzten Fragen. Der Mensch ist unterwegs in der Fremde auf der Suche nach seiner wahren Heimat. Und noch einmal ist es der Heilige Geist, der dieser Not begegnet. Er ist es, der uns heimholt. Er bringt uns in Bewegung hin zum himmlischen Vater. Er ist bei uns als unser Beistand, bis der Herr wiederkommt. Er tröstet die Verlassenen. Er schenkt den Müden Ruhe. Er heilt, was verwundet ist. Er beugt, was verhärtet ist. Er wärmt, was erkaltet ist. Er lenkt, was da irre geht. All diese Erfahrungen seines Wirkens sollen ein Zeichen dafür sein, dass er uns durch alle Dunkelheit des Lebens ins Licht der Auferstehung Jesu Christi führen will. Sie sind eine Vorgabe, ein Vorgeschmack des ewigen Lebens, das uns verheißen ist. Indem der Heilige Geist uns heimholt, gibt er unserem Leben Sinn und Richtung.
Liebe Brüder und Schwestern, wir haben über das Wirken des Heiligen Geistes nachgedacht. Können Sie das Gehörte behalten? Ich will Ihnen eine kleine Hilfe anbieten. Wir haben nämlich im Grunde nichts anderes getan, als den dritten Teil des Apostolischen Glaubensbekenntnisses ausgelegt:
Ich glaube an den Heiligen Geist. Das ist der Geist, der die heilige katholische Kirche zum neuen Gottesvolk vereinigt, der die Menschen aus der Zerstreuung und Zertrennung zusammenführt zur Gemeinschaft der Heiligen Das ist der Geist, der die Vergebung der Sünden schenkt. Er gibt uns die Kraft zu einem neuen Anfang, wenn wir gescheitert sind. Das ist der Geist, der uns heimholt aus der Fremde und Ungeborgenheit dieser ‚Welt. Es ist der Geist der Liebe, die den Tod überwindet. Es ist der Geist, der uns in der Auferstehung der Toten das ewige Leben eröffnet. Amen.
(Messe zu Ehren des Heiligen Geistes auf der 27. Theologische Sommerakademie)

Christoph Casetti

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