Reformer und Wegbereiter in der Kirche: Eduard Müller

Ein Priester in der katholischen Kirche versteht sich nicht als einer, der sich einen Job wählt, seine Existenz finanziell absichert und in eine Karriere einsteigt. Er weiß sich von Gott gerufen, erwählt durch den Bischof, übernimmt einen Dienst in der Kirche und stellt sich den ihm anvertrauten Menschen zur Verfügung. Im Gehorsam gegenüber seinem Bischof verkündigt er das Evangelium, spendet die Sakramente der Kirche und weiß sich in der Verantwortung vor Gott.
So muss Eduard Müller, geb.am 15. November 1818 in Quilitz bei Glogau, seine Lebensentscheidung verstanden haben. 1843 wurde er in Breslau zum Priester geweiht und war dann Kaplan in Löwenberg in Schlesien sowie Religionslehrer in Sagan. In der Seelsorge und im Lehren erwarb er sich einen guten Ruf.
Auf dem ersten Katholikentag in Mainz hörte man deutschlandweit zum ersten Mal etwas von der katholischen Gemeinde in Berlin. Friedrich der Große (1749-1786) hatte mit der Errichtung eines Rundtempels in Anlehnung an das Pantheon in Rom in besonderer Weise der Freimaurerei dienen wollen. Nach der Eroberung des katholischen Schlesiens wollte er sich die Katholiken geneigt machen. Er übertrug den Katholiken den Rundtempel mit dem Patrozinium der hl. Hedwig, der Schutzpatronin Schlesiens. Ein Jahr nach dem Katholikentag sagte der Bischof von Münster, Johann Müller: „Ich kenne keine der Fürsorge bedürftigere Missionsgemeinde auf dem Kontinent als Berlin.“
Eduard Müller meldete sich freiwillig für die Seelsorge in der Diaspora von Berlin und bekam 1852 die Stelle eines Vikars. Sein Mühen und Arbeiten im Weinberg Gottes verglich man mit der Arbeit eines Sämanns und Ackerers auf dem kargen Sandboden Berlins, Brandenburgs und Pommerns, welcher der breslauischen Delegatur angehörte. Müller gründete Gemeinden als Seelsorgeeinheiten, mangels Kirchen mietete er Lokale an, um dort die hl. Messe zu feiern. Er suchte Wege der Verkündigung: Katechismusunterricht, Versammlungen, Gründung von Schulen und anderen katholischen Bildungseinrichtungen. Von Adolph Kolping lernte er die Bedeutung der Vereine für die christliche Bildung, die berufliche Entwicklung und das gesellschaftliche Engagement kennen. Eduard Müller wurde der erste Präses des Berliner Gesellenvereins und des späteren Kolpingwerks. Das Netzwerk seiner um die Bildung bemühten Vereine fand seinen Knotenpunkt in der Akademie der allgemeinen und beruflichen Fortbildung. Ein Historiker schrieb: „Als wahrer Hausknecht Gottes heizte er überall ein, um katholisches Leben zu entzünden.“ Auch die studentische Jugend wusste er in St. Hedwig zusammenzuführen und Kontakte zu den jungen Handwerkern oder auch Arbeitern, sog. Proletariern, herzustellen.
Müller hatte ein Herz für Schwache in der Gesellschaft: Das Gesellenhaus wurde zum Zentrum für Arbeiter, sozial Schwache und Durchwanderer. Er war Mitbegründer eines akademischen Lesevereins, der schließlich in eine studentische Verbindung einmündete. 1848 gab er das „Märkische Kirchenblatt“, eine Wochenzeitung für die Katholiken in der Mark Brandenburg, heraus, ab 1863 zusätzlich den „Berliner St. Bonifatius-Kalender“.
Eduard Müller war Abgeordneter des Preußischen Landtages, ab 1871 auch Mitglied des Deutschen Reichstages für die deutsche Zentrumspartei, an deren Gründung er 1870 beteiligt war. Im antikatholischen Kulturkampf Bismarcks geriet Eduard Müller mit dem preußischen Staat in Konflikt. Der Berliner Gesellenverein wurde als staatsgefährdend eingestuft, der geistliche Präses Müller wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Auf Drängen des Breslauer Fürstbischofs Kopp legte Müller 1891 sein Mandat nieder und zog sich auch von seinen kirchlichen Aufgaben zurück. Bis zu einem Tod am 13. Oktober 1895 lebte er im Kloster der Grauen Schwestern in Neisse. Nachdem Müller zunächst auf dem Alten St. Hedwigs-Friedhof beigesetzt worden war, fand er 1920 seine letzte Ruhestätte in der Kirche. St. Eduard in Berlin-Neukölln.

Gerhard Stumpf

Foto:  revolvy.com/page/ Eduard M.

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