Wenn Gott aus dem Mittelpunkt gerückt wird oder die anthropozentrische Wende.

Am 14. September 1998 veröffentlichte Papst Johannes Paul II. sein Schreiben „Glaube und Vernunft“ (Fides et Ratio). Dem Papst ging es darum, den Menschen auf ihrem Weg in das 21. Jahrhundert darzulegen, dass Glaube und Vernunft keine Gegensätze bilden, vielmehr hilft der Glaube, die Wahrheit zu erkennen. „Die wirkliche Liebe zum Menschen ist der Wunsch, ihm das zu geben, was er am nötigsten braucht: Erkenntnis und Wahrheit“ sagte Kardinal Joseph Ratzinger bei der Vorstellung des Schreibens am 5. Oktober 1998.
Wer heute auf das Geschehen in Gesellschaft und Kirche einen Blick wirft, muss den Eindruck haben, dass beide, Vernunft und Glaube, an Kraft verlieren. Wenn aber Gefühle, Ressentiments und bloße Meinung die Oberhand gewinnen, warten Katastrophen vor der Tür.
Wie sollen sich Menschen in echten oder ausgerufenen Extrem¬situationen ein abwägendes Urteil bewahren, wenn sie nicht mehr glauben, dass jemand über dem Geschehen steht, der das Geschick in seiner Hand hat. Das ist allein Gott! Wer diesen Glauben nicht mehr hat, ist dem Tsunami der Meinungen und Medien ausgeliefert. Der jüdische Publizist Henryk Broder sagte in einem Interview: „Ich glaube, dass der Glaube an den Klimawandel das ausgleicht, was es an Christentum und gläubiger Überzeugung nicht mehr gibt … In dieser Gesellschaft ist das Engagement die höchste Form des Konformismus … Je leerer die Kirchen werden, umso größer werden die Fridays for Future Umzüge“ (kath.net. 6.12.19).
Natürlich sind die Forderungen berechtigt, Verschwendung natürlicher Ressourcen zu stoppen, den Raubbau an der Natur zu bremsen, Alternativen zu fossilen Treibstoffen zu entwickeln. Das ist nur vernünftig. Verstand und Forschung sind dafür die Werkzeuge. Aber das apokalyptische Gerede vom nahenden Weltuntergang, drohenden Massensterben, alternativlosen Lösungen und monokausalen Erklärungen hat das Niveau eines Glaubenskrieges erreicht (Dieter Stein, 9.12.19). Dahinter steht, wie Henryk Broder konstatiert, die Folge des Glaubensverlustes. Dieser kann für die katholische Kirche mit religiöser Unwissenheit, Massenabkehr von der Kirche und Fernbleiben von den Gottesdiensten charakterisiert werden. Wer den Ursachen dafür nachspürt, wird auf diesem schon jahrzehntelangen Auszehrungsprozess auf Wegmarken stoßen, wie „Konigsteiner Erklärung“, die „Würzburger Synode“, die Einbindung der Bischöfe – außer Dyba – in das staatliche System der „Abtreibungsregelung mit Beratungsschein“ etc.. Alle Teilaspekte lassen sich bündeln: Gott wurde aus dem Mittelpunkt gerückt. Der Mensch trat an seine Stelle. Theologisch ausgedrückt: Die anthropozentrische Wende. Sie hat uns in die heutige Sackgasse geführt.
Wenn der im September begonnene „Synodale Weg“ diskutiert, ob die priesterliche Lebensform (Zölibat), die Sexuallehre der Kirche, die Nichtzulassung von Frauen zur Priesterweihe „noch zeitgemäß“ sind, so haben wir nur die Fortsetzung der angeblichen Hinwendung zum Menschen. Aus Sackgassen führen nur Um- und Rückkehr zum Evangelium bzw. zur Lehre der Kirche: Theologisch die theozentrische Wende. Dazu ist es nie zu spät. Sie ist möglich! Alle Reformer in der Kirche sind diesen Weg gegangen. Wer katholisch bleiben will, wird sich dem Weg der Neuevangelisierung anschließen.

Hubert Gindert

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