Er war Gott gleich – hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein

Der Philipperbriefhymnus – ein Gebet für die Fasten- und Osterzeit.
„Er war Gott gleich, / hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein (…) Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich / und war gehorsam bis zum Tod, / bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht (…) damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde / ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: / ‚Jesus Christus ist der Herr‘ 0150 / zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (vgl. Phil 2, 6-11).
So heißt es in einem der wohl bekanntesten Hymnen des Neuen Testamentes, dem Christushymnus aus dem Brief des heiligen Paulus an die Philipper. Der Text hat nicht nur eine bedeutende Wirkungsgeschichte in der Theologie, weil er die Grundfragen der Dogmatik von der Göttlichkeit und der Menschwerdung Jesus Christi bis hin zu Kreuzestod und Erhöhung behandelt, er ist auch ein ausgezeichneter Gebetstext für die Passions- und Osterzeit. Und damit macht er zudem deutlich, dass das sogenannte Triduum paschale – die Zeit von Gründonnerstag bis zum Osterfest – Mittelpunkt des Kirchenjahrs und des ganzen kirchlichen Lebens ist.
Die erste entscheidende Aussage des Philipperhymnus ist: Jesus Christus ist Gott. Die meisten Theologen gehen davon aus, dass Paulus den Hymnus nicht gedichtet, sondern bereits vorgefunden hat. Damit ist er ein Bekenntnis der ersten Christen. Und die waren schon davon überzeugt, dass Jesus Christus nicht nur ein jüdischer Rabbi oder ein Prophet, also ein bloßer Mensch war, sondern gottgleich. Dies zu betonen ist gerade in unserer Zeit wichtig, weil – auch in der Theologie und Verkündigung – die Gottessohnschaft Jesu oftmals ignoriert wird. Jesus gilt dann zwar als vorbildlicher Mensch, der ungerecht hat leiden und sterben müssen. Dann wird noch gesagt, dass er eine besonders tiefe Beziehung zu Gott hatte, aber von der Wesenseinheit von Gott und Mensch in ihm ist kaum die Rede. Zuweilen werden Parallelen zur griechischen Mythologie gezogen, wo ja auch die Götter auf Erden wandelten. Aber bei Jesus Christus ist das völlig anders. Denn in ihm ist Gott total Mensch geworden, er hat sogar gelitten und ist am Kreuz gestorben. Dabei hat er aber seine Göttlichkeit nicht abgelegt. Während in der griechischen Mythologie mehr oder weniger verkleidete Götter auf Erden wandelten, ist in Jesus Christus Gott radikal Mensch geworden, er ist aber dennoch Gott geblieben. Auch den Philippern, an die Paulus seinen Brief mit dem Hymnus richtet, war der Glauben an diesen Gott, der so radikal Mensch geworden ist und doch Gott war, vollkommen fremd.

Gott selbst nun macht sich in seiner Menschwerdung klein, und er tut dies freiwillig – ganz anders als es oft die Art der Menschen ist, die groß herauskommen möchten, Karriere machen und im Luxus leben wollen. Franz von Assisi wird später von der Demut Gottes sprechen, die sich dreimal zeigt: in der Menschwerdung, in der Passion und im Kreuzestod und schließlich in der Eucharistie. Diese Demut Gottes ist Zeichen seiner übergroßen Liebe und seines Erlösungswillens. Im Grunde fordert sie jeden Menschen guten Willens zur Antwort, zur Gegenliebe heraus.
Andererseits sind wir Menschen so gestrickt, dass Selbsterniedrigung auch Respektlosigkeit und Verachtung provoziert. Kinder, die zu sehr verwöhnt worden sind, denen jeder Wunsch erfüllt wurde, werden irgendwann einmal undankbar. Sie nehmen alle Geschenke mit großer Selbstverständlichkeit hin. Und überhaupt: Wer sich aufopfert, wird in unserer Gesellschaft gern als nützlicher Idiot missbraucht oder verlacht. Aber wer andererseits für großzügige Geschenke nicht mehr dankbar sein kann, wird auf Dauer immer gieriger. Er ist wie ein Kind, das man bittet, sich zu bedanken – dann aber nicht „Danke“ sagt, sondern seinem Gegenüber ein „Mehr“ ins Gesicht schleudert. Und wenn irgendwann einmal dieses „Mehr“ nicht mehr erfahrbar ist und der andere vielleicht auch Wünsche oder gar Forderungen hat, wendet man sich – gleichgültig oder sogar mit richtiger Wut im Bauch – ab.
Während die ersten Christen ihr Leben noch aus dem Dank Gott gegenüber gestalteten, genauso wie viele Heilige und heiligmäßige Christen in der Kirchengeschichte bis heute, macht sich gerade in unserer Zeit in vielen Kreisen die oben genannte Gleichgültigkeit, sogar bis zur Verachtung des Glaubens, breit. Ich persönlich komme jedoch mehr und mehr zu der Überzeugung, dass eine Erneuerung des Glaubens nur durch ein tieferes Verständnis für die Liebe Gottes möglich ist, die vor allem unseren tiefen Respekt verdient. Und das muss dann wieder dazu führen, sich auf den Willen dieses Gottes einzulassen. Er wünscht von uns, dass wir die Begegnung mit ihm suchen im Gebet, dem Bibelstudium und vor allem der heiligen Messe, doch auch dadurch, dass wir als Menschen zu einer Gemeinschaft werden, die getragen ist von Liebe zu allen Menschen, von Wahrhaftigkeit und Treue.
Dabei mag es vielleicht bequemer sein, sich von Gott abzuwenden. Am Ende – das bedeutet nach unserem Tod und bei unserer Auferstehung – wird es aber genau darauf ankommen, wie wir zu dem Gott, der sich klein gemacht hat, der gelitten hat bis zum Tod am Kreuz aus Liebe zu uns, stehen. Er aber ist es auch, der von den Toten auferstanden ist und als Sohn vom Vater erhöht ist. Ewiges Leben in der himmlischen Herrlichkeit bedeutet in seiner Nähe zu sein, und demzufolge kommt es entscheidend darauf an, hier in dieser Welt sich auf ihn und seine Liebe einzulassen.
Die Passions- und Osterzeit ist eine gute Möglichkeit, sich auf diese Liebe Christi einzulassen und Antwort darauf zu geben, in dem festen Willen, nach dem Tod in seiner Gemeinschaft ewig glückselig zu leben. 

Raymund Fobes
Bild: (c) R. Fobes

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