Der Startschuss muss kein lauter Knall sein

Der seit Jahrzehnten andauernde beklagenswerte Zustand der deutschen Ortskirche hat nicht seine Ursache in zu wenig Geld, sondern dass sie zu viel davon hatte. Die „Entweltlichung“, die Benedikt XVI. in Freiburg mit dem Wort angemahnt hatte: Eine „von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche, kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden“ fand nicht statt. Jetzt geschieht, was Benedikt in Freiburg auch gesagt hat, dass „die Geschichte der Kirche durch Epochen der Säkularisierung zu Hilfe kam, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben“.
Ein bekannter Kirchenhistoriker hat einmal geäußert: Die Säkularisierung musste kommen, weil in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehr Reichsfürsten als loyale Mitarbeiter des Papstes waren. Wie immer bei „Entweltlichung“ mussten in der Säkularisation auch gute Bischöfe und vitale katholische Klöster die Folgen mittragen, weil ungetreue Verwalter von sich aus nicht bereit waren, die Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Antiklerikale Politiker, wie Mongelas u. co. die Situation in ihrem Sinne geregelt haben. Ein jüngeres Beispiel für vertane Entweltlichung ist der Weltbildverlag, der einmal im Eigentum und in der Verantwortung deutscher Bistümer stand. Der Weltbildverlag hat einen Teil seines Umsatzes mit Pornographie und Satanismus erwirtschaftet. Die verantwortlichen Bischöfe wurden durch umfangreiche Dokumentationen auf den Übelstand hingewiesen. Geändert wurde nichts, bis der finanzielle Crash das Problem löste.Der massive Kirchensteuereinbruch wird überfällige Reformen erzwingen. Was soll mit dem weniger Geld geschehen?
Guido Horst (Vatikan, 6-7/2020, S.3) zitiert den Pastoraltheologen Andreas Wollbold. Dieser sprach sich dafür aus „lebendige Zentren der Kirche zu stärken“. Einzelne glaubensstarke Gemeinschaften sollten in „schöpferischer Destruktion“ mit der verbleibenden Kirchensteuer gefördert werden. Horst meint „die Bischöfe sollten sich ein Herz fassen und in die Hot Spots des Glaubens investieren. Der „Synodale Weg“, der nur in einer großen Frustration enden kann, ist das mit Sicherheit nicht. Nur: die große Mehrheit der Bischöfe steht hinter diesem „Synodalen Weg“. Der Versuch, von Woelki und Voderholzer ihn zu einem Hot Spot umzuwandeln, wurde auf der Versammlung der Bischöfe am 15. September 2019 abgeschmettert. Voderholzer gab damals zu Protokoll „dass es zumindest eine Minderheit von Bischöfen gibt, die von der Sorge erfüllt ist, dass die wahren Probleme nicht angegangen werden“…
Horst meint „die überwiegende Mehrzahl der Priester wäre bereit, mit missionarischem Geist einen Aufbruch in die Neuevangelisierung mitzutragen“. Weiter auch viele Laien stünden bereit, die Priester dabei zu unterstützen. Beides ist nicht so sicher. Aber die Reformer in der Kirche waren nie die große Zahl. Es waren meist Einzelpersonen, die die ersten Schritte vielfach allein aber mit dem heiligen Geist gegangen sind. Der Startschuss muss kein lauter Knall sein.
Der Anfang einer Neuevangelisierung könnte nach Bischof Voderholzer auch so aussehen, dass reformwillige Gläubige die Möglichkeiten eines kirchlich gelebten Glaubens kennenlernen. Voderholzer meint, die Katholiken sollten die Auskunftsfähigkeit über den Glauben stärken, sprachfähig und sprachwillig werden nach dem Wort „seit bereit Rede und Antwort zu geben über den Grund eurer Hoffnung“ (vgl. 1 Petrus 3 15). Ein weiterer Schritt wäre die Selbstvergewisserung im Glauben:
• Wo zeigt sich der Glaube in meinem Leben?
• Was würde mir ohne Gott und Kirche fehlen?
• Warum ist mir die heilige Messe am Sonntag wichtig?
• Wer hat mich eigentlich zum Glauben geführt?
• Wer hat mir Jesus nahe gebracht?
• Welches Glaubenszeugnis hat mich so beeindruckt, dass ich ohne es nicht sein möchte?
(kath.net, 10.03.2020)

Hubert Gindert

Der Artikel wird auch in der Monatszeitschrift „Der Fels“ erscheinen.

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