Das merkwürdige Bibelverständnis des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider

Die Reaktion nicht nur von Seiten der ökumenischen Partner und der säkularen Medien, der die EKD-Ratsspitze doch so gerne folgt, auf die EKD-Orientierunghilfe zu Ehe und Familie, fällt sehr heftig aus. Aus der evangelischen Kirche selbst kommt es knüppeldick von Landesbischöfen, Theologen, Pfarrern und prominenten Laien, die diese „Orientierungshilfe“ nicht mittragen wollen und mit zunehmender Schärfe das Papier kritisieren und die Zurücknahme fordern. Das Papier wird zur Zerreißprobe des Protestantismus in Deutschland vier Jahre vor der groß angekündigten Fünfhundertjahrfeier der Reformation. All dieses kann den EKD-Ratsvorsitzenden Präses Nikolaus Schneider aber nicht erschüttern.
In einem sehr aufschlußreichen Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung FAZ vom 6.7.2013 schließt er eine Änderung am Papier kategorisch aus.
Von dem Interviewer Reinhard Bingener sehr pointiert zu den Fakten befragt und mit den Aussagen Luthers konfrontiert, kommt Präses Schneider dann allerdings ins Schwimmen und wird in einigen Aussagen ausgesprochen schwammig.
Besonders bemerkenswert sind aber seine Aussagen zur Heiligen Schrift, die wohl aus der dunkelsten Ecke der Klamottenkiste des protestantischen Liberalismus stammen und die schon im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der evangelischen Theologie und vor allem im Glaubensverständnis der Gemeinden qualifizierten und entschiedenen Widerspruch erfahren haben. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an einen der größten Theologen des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beginnenden 20. Jahrhunderts, den in Tübingen lehrenden evangelischen Schweizer Theologen Adolf Schlatter (1852-1938), dessen zehnbändige Exegese des Neuen Testamentes sowie sein ganzes Werk auch heute noch sogar in der katholischen Theologie große Beachtung finden. Das machte Josef Kardinal Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) 1996 anlässlich des Erscheinens der großen Schlatter-Biographie von Werner Neuer deutlich.
Nikolaus Schneider vertrat in der FAZ die Ansicht, dass zur Zeit der Bibel die wissenschaftliche Erkenntnis über die sexuelle Festlegung von Menschen auf das gleiche Geschlecht nicht bekannt waren. „Deshalb halte ich es für vertretbar, dass wir in dieser Frage zu anderen ethischen Bewertungen kommen als biblische Texte.“
Da wird man unwillkürlich an Karl Raimund Popper erinnert, der auf die Vorläufigkeit der meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse hinwies, und sie immer hinterfragt wissen wollte. Das gilt besonders für die von Schneider zitierten, unter Wissenschaftlern höchst umstrittene „Erkenntnis“ zur Sexualität des Menschen. Wenn die EKD-Spitze in einer grundlegenden anthropologischen Frage zu einer anderen Bewertung als die Heilige Schrift kommt, dann muß doch gefragt werden, welchen Stellenwert die Bibel denn noch für die EKD-Leitung hat. Ist sie dann noch Gottes Wort oder Menschenwort, das den Moden der Zeit angepaßt werden muß? Hier ist doch das „sola scriptura“ Martin Luthers glatt vom Tisch gewischt zugunsten des „Geistes dieser Welt in der Zeit“.
Auf dem II. Vatikanischen Konzil sagte ein evangelischer Theologe, der dort als offizieller Beobachter war, dem Jesuiten P. Mario von Galli, es sei doch so, dass die Kirche sich nicht der Welt anpassen dürfe, sondern umgekehrt die Welt sich der ewigen von Gott geoffenbarten Wahrheit in Seinem Wort anpassen müßte. Darin liege ihr Heil. Davon rückt die EKD-Leitung seit Jahren immmer mehr zugunsten der zeitbedingten Mode ab, die sie wie in diesem FAZ-Interview Präses Schneider über die Heilige Schrift und die evangelischen Bekenntnisschriften stellt. Manchmal hat man den Eindruck, dass lehramtstreue Katholiken mit mehr Überzeugung Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen könnten als die EKD-Spitze.
„Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.“
Diese Liedverse waren vor 500 Jahren gegen die Katholiken gerichtet. Heute können sie nur als Bekenntnis zum Wort Gottes verstanden werden.
So verwundert es auch nicht, dass sich die bibeltreuen evangelischen Christen und viele der protestantischen Theologen gegen diese Auffassung des EKD-Vorsitzenden heftig zur Wehr setzen. So nennt der Generalsekretär der Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb im kath-net-Interview mit Petra Lorleberg (kath.net/news/41965) die „Orientierungshilfe“ eine Schrift der Desorientierung und wirft dem Papier und Schneider vor, das „sola scriptura“ der Reformation aufgegeben zu haben.
Aber noch eine anderen Aussage Nikolaus Schneiders im FAZ-Interview muß betrachtet werden. „Schauen Sie sich die Institutionsethik von Ehe in der Bibel an: Dort wird die rechtliche Gestalt der Ehe vorrangig unter dem Gesichtspunkt des Eigentumsrechts verhandelt. Die Ehefrauen gehören dem Mann (sic!), sie haben gehorsam zu sein. Von Geschlechtergerechtigkeit sind wir hier weit enfernt. Auch in dieser Hinsicht ist es gut, ´Familie neu zu denken´.“
Man fasst es geradezu nicht. Soviel Ignoranz des 500 Jahre alten evangelischen Bekenntnisses ist nun wirklich unbegreiflich. Dazu Harmut Steeb im kath.net-Interview: „Die Ehe ist nach biblischer Überzeugung – sowohl im Alten als auch im Neuen Testament – die lebenslängliche Liebes- und Treuegemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau….Sie ist Gottes Idee.“ Mit Recht weist Steeb darauf hin, dass die Ehe von Mann und Frau immer wieder als ein Abbild der Liebes- und Treuebeziehung zwischen Gott und seinem Volk gesehen wurde und wird. Das gilt besonders für den Apostel Paulus, wie die neuere Paulusforschung aufzeigt. Spätestens seit dem grundlegenden Werk des Paulusforschers Norbert Baumert SJ „Frau und Mann bei Paulus. Überwindung eines Mißverständnisses“ (Würzburg 1992), muß jedem theologisch Kundigen klar sein, dass das von Schneider zitierte angebliche Eheverständnis der Bibel aus der völlig verstaubten Klamottenkiste stammt.
Aus all diesem stellen sich uns doch einige Fragen: Was will die EKD-Leitung im Jahre 2017 nun eigentlich feiern? Den Abfall von Martin Luther und wesentlichen Aussagen der Reformation? Und was sollen wir Katholiken bei dieser Feier? Schließlich sind doch nicht wir es, die von Martin Luther abgefallen sind!
Das alles kann uns mit Hartmut Steeb nur sehr traurig machen. Was geschieht hier mit der Ökumene? Die Kritik aus der evangelischen Kirche selbst ist so hart, dass wir kein Öl ins Feuer giessen wollen, sondern den heiligen Geist aus tiefstem Herzen für unsere evangelischen Schwestern und Brüder bitten wollen.Und deshalb schließen wir mit zwei Versen Martin Luthers:

Geheiligt werd der Name dein,
Dein Wort bei uns hilf halten rein,
dass wir auch leben heiliglich,
Nach deinem Namen würdiglich.
Behüt uns Herr vor falscher Lehr,
Das arm verführet Volk belehr.

Es kommt dein Reich zu dieser Zeit
Und dort hernach in Ewigkeit.
Der heilig Geist uns wohnet bei
Mit seinen Gaben mancherlei.
Des Satans Zorn und groß Gewalt
Zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt. (Quelle: „Diakrisis“ 2, Juni 2013)

Michael Schneider-Flagmeyer

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6 Antworten auf Das merkwürdige Bibelverständnis des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider

  1. Rüdiger Kosinski sagt:

    Ich suchte gerade bei Google die mail-Adresse des EKD-Ratsvorsitzenden, um ihm eine biblische Sicht der Entstehung der jüngsten Weltreligion, des ISLAM zur Beurteilung zu senden. Dabei stieß ich auf diese Reaktionen zu Herrn Schneiders „Orientierungshilfe“, von der ich noch nichts wusste. Da habe ich wohl was verpasst . . . Natürlich ist das ein Unding, die Homos bzw. die Homo-Ehe zu verharmlosen. Mag ja sein, dass die damaligen Menschen von ‚gleichgeschlechtlichen Orientierungen‘ noch nichts wussten – aber Gott wusste es doch – und wenn Er das eine Greuelsünde nennt, dann ist es auch eine. Wer das als ‚Multi-Kulti‘ abtut, der hat sein Haus nicht auf Fels gebaut !
    Da fällt mir ein, wie ich schon Ende der 80er Jahre aus der ev. Kirche ausgetreten bin, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, wie in der Lehramtsausbildung für kath. und ev. Religion die Bibel mehr und mehr zum Märchenbuch degradiert wurde. („Das rote Meer hat sich nicht geteilt, sondern das soll nur bedeuten . . . “ oder „Jesus ist nicht auf dem Wasser gegangen, sondern damit wollten die Jünger Gott verherrlichen !“ Dass Gott durch eine Lüge verherrlicht werden kann, entsprang eindeutig dem Ungeist Bultmanns ! Ich war nur ein gläubiger Lehrer für Mathematik und Physik, aber unter diesen Bedingungen hätte ich ein Theologie-Studium sofort abgebrochen oder hätte den Kindern auf meine Kappe die Bibel nähergebracht. Bultmanns Intention war, mit seiner Bibelkritik „dem modernen Menschen das Glaubenkönnen zu erleichtern“. So ein Irrsinn, denn nun merken selbst Zweifelnde, das dies unglaubwürdig ist ! Als ich bei der hiesigen Stadtbehörde dem Angestellten sagte, „Ich trete nicht aus Unglauben aus, sondern…“ unterbrach er mich und sagte, „Das interessiert hier nicht, ich stelle nur die Tatsache als solche fest !“ Klar, dass bei einer Diskussion über Kirchenaustritte bedauert wurde, dass man keine Gründe wüsste – diese werden ja bewusst nicht erfasst !! Sehr schade !

  2. J.G.D.Werner sagt:

    Die evangelische Kirche sollte diesen unsäglichen Herrn Nikolaus Schneider umgehend absetzen oder abwählen. Er ist der Totengräber der evangelischen Kirche, die nach seinen Vorgaben irgendwann nur noch aus Homosexuellen bestehen wird..
    Martin Luther dreht sich im Grabe heraum.
    Dieser Herr Schneider sägt mehr am Kern der christlichen Kirchen als der Bischof von Limburg mit seiner Prunksucht.

  3. Heinz sagt:

    Die EKD hat doch bereits vor diesem Papier biblisch gesehen schwere Irrtümer verbreitet wie die Schwulen-„Ehe“ in Pfarrhäusern erlaubt. Das neue Papier ist lediglich die weitere Folge des bereits längst vorhandenen Unglaubens in den evangelischen Kirchen, die vielfach bereits Homosexuelle einsegnen. Dieser Weg wird immer weiter gehen, denn es sind kaum einflussreiche Leute in der EKD vorhanden, die dem ein Veto entgegensetzen, eher das Gegenteil. Man hat soagr erleben können, dass einige Evangelikale komplett desen Homopfarrhäusern zugestimmt haben. Von denen hätte das kein Mensch erwartet, es war aber so.
    Die EKD mit ihren Vertretern wie Käßmann, auch wenn sie nun keine Funktion mehr in der EKD hat, hat das doch längst in der Pipeline gehabt. Einsichtige Leute werden sich ernsthaft fragen müssen, was sie in einer ev. Kirche noch wollen. die mehr und mehr dem Zeitgeist huldigt.

  4. Vitt, Klaus sagt:

    Lieber Bruder Schneider,
    wenn jemand von einem Fehler übereilt wird, so helfet ihm wieder zurecht mit sanstmütigem Geist …. Galater 6. Darum schreibe ich Ihnen. Sie kennen den Vers des Paulus. Nehmen sie ihn für sich selbst zum umkehren in Anspruch. Sie merken aus den vielen Berichten und Briefen die an Sie gerichtet sind, dass Sie mit Ihrem Schreiben (Papier) Schaden am Wort Gottes anrichten und somit uns als Gemeindeglieder unserer evangelischen Kirche im Glauben und Vertrauen auf Gottes Wort erhebliche Zweifel bringen. Ist Ihnen bewußt oder stört Sie das nicht, dass Sie mit Ihrer Schrift nur der Anbiederung an den Zeitgeistes Rechnung tragen? Wir brauchen Botschafter des Evangeliums, die mit Freudigkeit und klarem Bekenntnis das biblische Wort ohne Abänderung und Streichung den christlichen Gemeinden bieten. Hören Sie auf die Stimmen, die Ihnen in brüderlicher Weise zur Seite stehen und Sie wieder auf den Weg der biblischen Botschaft bringen möchten. Sie sind an verantwortlicher Stelle, werden Sie sich Ihrem Auftrag des Wortes Gottes bewußt und ziehen Sie dieses so zweifelhafte Papier mit der Erkenntnis, um Jesu willen mit der Bitte um Vergebung zurück. Römer 16, 17 – 18 oder 2. Thessalonicher 3, 6 + 14-15 werden Sie kennen, lassen Sie sich bitte von diesen biblischen Hinweisen auf den rechten Weg bringen. Gottes Geist möge Sie in Ihrem Amt begleiten und führen. Lassen Sie sich von ihm an die Hand nehmen. Zu meiner Person: ich bin Presbyter und ehrenamtlicher Laienprediger und brauche wie auch Sie Schwestern und Brüder, die mir mit Rat und Gebet zur Seite stehen. Unser Herr Jesus geht mit uns, aber sein Wort allein gilt.

  5. Michael Wolfgang Krug sagt:

    Jetzt reicht es mir endgültig!

    DIESE Kirchenleitung werde ich nicht mehr mittragen. Ich trete noch in den nächsten Tagen aus!
    Erst war ich rasend vor Wut, inzwischen bin ich nur noch traurig…..
    55 Jahre lang war ich evangelisch-lutherischer Christ – seit Generationen ist meine Familie aktiv in der evangelischen Landeskirche gewesen. Wir waren stets aufrechte Verfechter einer klaren, bekennenden und evangelistischen Verkündigung im Bibelverständnis Dr. Martin Luthers.
    Kindertaufe, Konfirmation, aktive Mitarbeit im Kindergottesdienst, evangelische Dekanats-Jugend, zahlreiche Osternachtsfreizeiten, Mitarbeit auf Kirchentagen und Mitwirkung über Jahrzehnte an Gottesdiensten in neuer Form….
    Doch der falsche Prophet Nikolaus Schneider und seine Synodalen haben mit dem starrköpfigen Festhalten an dieser widerlichen, vor Anbiederung an den abwegigen Zeitgeist des ‚Gender Mainstreaming‘ strotzenden sogenannten ‚Orientierungshilfe‘ die offensichtlich gewollte Ablösung der evangelischen Kirche in Deutschland vom Felsgrund der Heiligen Schrift endgültig eingeläutet.
    Martin Luther würde sich im Grabe umdrehen und wäre vermutlich schon längst ausgetreten aus dieser Mainstream-Friede-Freude-Eierkuchen-Wohlfühl-Kirche.
    Ich und meine Familie werden es diese Woche tun. Endgültig.

    Mein Respekt gehört stattdessen als Protestant dem wirklich mutigen Papst Franziskus in Rom, der es (im Gegensatz zum windigen Herrn Schneider) nicht nötig hat, vor dem Zeitgeist nieder zu fallen und dessen Götzenbilder anzubeten.

    Das war’s dann, meine Kirche – mit Wut und Enttäuschung im Bauch – aber endgültig entschlossen:

    TSCHÜSS…….

    MichaeL Wolfgang Krug

  6. Heinz Hoppstädter sagt:

    Für diese Kirchenleitung kann man sich nur schämen. Wenn die Katholiken nach diesen Auswüchsen auf Distanz gehen ist das nur konsequent.
    In der Nazi-Zeit hat die Kirchenleitung ihre bekennenden Mitglieder und Amtsträger im Stich gelassen, die Geschundenen wurden ohne hörbaren Aufschrei ihren Schergen überlassen.Paul Schneider hat sein Leben für die Wahrheit eingesetzt , die aktuell schamlos verraten wird. In der EX-DDR haben Mitglieder der Kirchenleitung mit der Stasi gekungelt und trotzdem im Westen sichere Pöstchen erhalten . Aktuell verfälscht der Ratsvorsitzende ohne Not grundlegende Aussagen zum christlichen Familienbild. Merkt Herr Schneider eigentlich überhaupt nicht , dass er diese Kirche und ihre Führung der Lächerlichkeit preisgibt ? Jeder Arbeitnehmer , der wie Herr Schneider so seinem Arbeitgeber schadet und treue Kunden vergrault , muß mit einer Kündigung rechnen. Herr Schneider und seine „Getreuen „erhalten aber für ihre Sabotagetätigkeit als Kirchenbeamte ministrable Gehälter und Ruhebezüge vom Steuerzahler. Kein Wunder, wenn man durch Beliebigkeit in der Evangeliumsauslegung in der Welt nicht anecken will . Fundamentlose Beliebigkeit sichert letztlich die eigenen Pfründe .Das dabei die Identität und Glaubwürdigkeit der gesamten Kirche verlorengeht wird hingenommen.Verständlich , daß sich die kath.Kirche in diesen Abwärts-Sog nicht mit reinziehen lassen möchte.

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