Wenn wir die Themen nicht besetzen, werden andere es tun

In der Fuggerei zu Augsburg, der Sozialstiftung der Fuggerfamilie, ist auf der Außenwand der dortigen Kirche eine Sonnenuhr mit dem Spruch „Nütze die Zeit“ abgebildet. Dieses Wort haben die Fugger beherzigt und sind so aus bescheidenen Verhältnissen zu einer der reichsten und mächtigsten Familien im 16. Jahrhundert aufgestiegen. Die Chancen im Leben sind an die Zeit gebunden, die genutzt oder ungenutzt vorbeizieht. Das gilt auch für die Gnade und für das Leben der Kirche.
Papst Benedikt XVI. hat noch im Amt das „Jahr des Glaubens“ ausgerufen, um die Kirche von innen her zu erneuern. Auch das bedeutet eine Chance! Wir müssen uns fragen, ob sie genutzt wird. Als Kardinal Bergoglio zum neuen Papst gewählt wurde, hat er keine der Initiativen seines Vorgängers, auch nicht das „Jahr des Glaubens“, außer Kraft gesetzt. Im Gegenteil! Kardinal Bergoglio hat bereits im Vorkonklave und unmittelbar nach der Wahl zum Papst die Probleme der Kirche mit deutlichen Worten angesprochen und aufgerufen „aufzubrechen“.
Es war klar, wenn dieser Aufbruch im Glauben nicht einsetzt, werden bald die bekannten Themen, wie Zölibat, Frauenpriestertum, geschiedene Wiederverheiratete etc. die Medienbühne wieder beherrschen. Davor können uns auch das unsägliche EKD-Papier zu Ehe und Familie, das Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Ehegattensplitting homosexueller Partnerschaften oder die Flutkatastrophe nicht schützen. Denn die Zielscheibe der Medien bleibt die katholische Kirche, das letzte Bollwerk, das dem Zeitgeist im Wege steht.
Am 21. Juni 2013 titelte die Augsburger Allgemeine Zeitung: „100 Tage Hoffnung“. Dort heißt es:
„Papst Franziskus hat die Welt verzaubert … Bislang ist der argentinische Pontifex Taten weitgehend schuldig geblieben … Die Hoffnung will dennoch niemand fahren lassen, dass Papst Franziskus in seiner Regierungszeit etwas Besonderes in Bewegung setzen wird … Werden es Materien von der To-do-Liste des viel beklagten Reformstaus der katholischen Kirche sein? Etwa eine Neubestimmung der Rolle der Frauen – auch bei den Weiheämtern? Eine zeitgemäße Sexualmoral? Die Freistellung der Priester vom Zölibat?“
Die Zielrichtung ist klar, die alten „Reformforderungen“ werden schon wieder in Szene gesetzt. Und der Verfasser Alois Knoller, Ritter vom heiligen Grab von Jerusalem, fährt im Stil des Marat, jenes Jakobinerjournalisten der Französischen Revolution, im Bestreben, der Kirche etwas anzuhängen, fort: „Franziskus, der Mann von außen, muss den Augiasstall in seiner unmittelbaren Umgebung ausmisten. Eine in Machtkämpfen und Korruption verstrickte Kurie raubt der Kirche jede Glaubwürdigkeit.“
Die Kirche ist eine göttliche Stiftung. Sie ist aber auch eine menschliche Institution und deswegen die „Ecclesia semper reformanda“. Sie ist nicht so, wie sie der Artikelschreiber charakterisiert. Sie hat eine unermessliche Zahl von Heiligen, auch heute in ihren Reihen. Papst Franziskus muss nicht die Kirche neu erfinden, weder das Credo, noch die Moral- und Sittenlehre der Kirche. Papst Franziskus muss die Menschen, wie seine Vorgänger, mit dem Evangelium Jesu Christi konfrontieren. Und hier verliert der Papst keine Zeit!

Hubert Gindert

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