Die katholische Stimme wird schwächer

Kluge Leute, Politikwissenschaftler und Journalisten haben lange vor den Wahlen zum Landtag und den Bundestagswahlen vorhergesagt, Volksparteien sind im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich. Die Erosion der Parteienbindung, der Wertewandel mit dem Trend zur Individualisierung und zu unterschiedlichen Lebensstilen etc. würden solches nicht mehr zulassen. Eine Trendwende sei ausgeschlossen. Die CSU hat diese These widerlegt. Trendwenden sind also möglich.
Wenn Parteien mit dem „C“ im Namen bei Wahlen stärkste politische Kraft geworden sind, heißt das noch nicht, dass nun christliche Wertpositionen für die Entscheidungen in den Parlamenten mehr beachtet werden. Das liegt nicht nur am Koalitionspartner, der evtl. gebraucht wird, sondern zuerst daran, dass der C-Gehalt im Programm und bei den Abgeordneten der Union immer leichtgewichtiger geworden ist. Das gilt für Protestanten und Katholiken. Statistisch stellen die Katholiken rund 30% der Abgeordneten im Bundestag. Die katholische Stimme wird aber schwächer. Das „Katholische“ in der Union wird vor allem durch „herausragende Repräsentanten“ garantiert, so Hermann Kues, der bisherige parlamentarische Staatssekretär im Familienministerium. Aber, wo sind die Kämpfer z.B. für den Vorrang der Kindererziehung in der Familie statt in Kitas, für ein Betreuungsgeld, das die Erziehungsleistung der Mütter honoriert etc.? „Empfindlicher Aderlass – prominente einflussreiche Katholiken verlassen den Bundestag“ ist ein Bericht in der „Katholischen Sonntagszeitung“ (27./28.7.13) überschrieben. Warum? Auch deswegen, weil Parteigremien solche nicht mehr haben wollten, wie beispielsweise den aufrechten Norbert Geis!
Der „empfindliche Aderlass“ erklärt sich außerdem durch den fehlenden Nachwuchs. Katholische Sozialverbände (Kolping etc.), die katholische Landjugend, katholische Corporationen wie CV, KV, UV stellten einmal kompetente und standfeste Katholiken für die Parlamente. Die katholische Sozialethik hat so in der parlamentarischen Arbeit ihre Spuren hinterlassen: Im christlichen Menschenbild, in der Vorstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung, die dem Gemeinwohl (Bonum commune) verpflichtet ist. Prof. Anton Rauscher SJ hat kürzlich die „nachlassende Wirkung der katholischen Soziallehre“ beklagt.
Die Blutzufuhr aus katholischen Verbänden ist weitgehend versiegt, weil sich diese selber dem Zeitgeist angepasst haben und sich politisch korrekt verhalten. Hinzu kommt, dass die Jungendlichen generell politisch desinteressierter geworden sind. Gilt das auch für die neuen geistlichen Gemeinschaften, auf die manche ihre Hoffnungen setzen?
Bernhard Heinzelmaier, Leiter des Instituts für Jugendkulturforschung in Hamburg hat sich in einem Interview über die Befindlichkeit der Jugend von heute geäußert. Das Ergebnis: Die Jugendlichen leben in Internet-Scheinwelten, in lose verbundenen Netzwerken von Egos. Es sind keine Gemeinschaften, in denen der Einzelne aufgeht oder sich aufgehoben fühlt, weil die Online-Beziehungen oberflächlich bleiben. Jugendliche denken nicht mehr in Gemeinschaftskategorien. Die neuen Kommunikationsmedien sind nicht nur Hilfsmittel, die Arbeits-vorgänge erleichtern und beschleunigen, sondern „überformen das ganze Leben“. „Der Bildschirm ist heute die Wirklichkeit, nicht die Realität des gegenständlichen Lebens“. Die Sogwirkung der neuen Medien bleibt attraktiv, „weil sie immer verfügbar“ sind und weil „Beziehungen ohne Vorleistungen und Verbindlichkeiten spontan geknüpft und aufgelöst werden können“. (Tagespost, 17.8.13)
Heinzelmaier spricht allgemein von der Jugend. Wie sieht es bei religiös orientierten Jugendlichen aus? Gemeint ist die Jugend, die sich z.B. auf Weltjugendtagen oder in Rom mit dem Papst trifft, ihm zuhört und begeistert applaudiert. Wie steht es mit den Jugendlichen, die sich z.B. in neuen geistlichen Gemeinschaften zusammenfinden und Treffs und Festivals organisieren? Auch sie benutzen Handys, Internet und stehen unter dem Einfluss der modernen Kommunikationsmedien. Was ist bei denen anders? Denken sie über die eigene Gruppe hinaus, um sich punktuell für eine große Aufgabe zusammenzuschließen? Haben sie das Ganze im Blick? Die Situation der Gesamtkirche, die Christenverfolgungen in Nordkorea, Pakistan, im Irak, in Ägypten? Interessiert diese Jugendlichen zumindest die Situation der Kirche in Deutschland? Schließlich gibt es auch in unserem Land heftige innerkirchliche Auseinandersetzungen und die Tatsache, dass die Kirche im öffentlichen Raum immer mehr an den Rand gedrängt wird. Beteiligen sich diese Jugendlichen am Marsch für das Leben oder überlassen sie das den Lebensrechtsgruppen? Rufen sie ihre Mitglieder und Freunde auf, sich an Initiativen z.B. für „One of us – Einer von uns“ oder für einen bedrängten Bischof zu beteiligen? Ein Blick in die Homepages der neuen geistlichen Bewe-gungen ist eher ernüchternd. Die neuen geistlichen Gemeinschaften nennen sich papsttreu. Das wollen sie sicher auch sein. Aber, hören sie auf den Papst wenn er sie zu sozialem Engagement auffordert, was mehr bedeutet als in einer karitativen Einrichtung mitzuarbeiten?
Korrekturen sind angesagt und auch möglich, wenn die katholische Jugend auf Papst Franziskus hört und ihre Aufgaben in Gesellschaft und Politik erkennt und wahrnimmt. Denn diese Gesellschaft ist auch ihre Gesellschaft und dieser Staat ist auch ihr Staat, der Gesetze macht und Freiräume einengt oder schafft für die dringend notwendige Neuevangelisierung. Theologen, Soziologen und andere Experten haben zwar das Ende der Volkskirche vorhergesagt und die Entwicklung scheint ihnen Recht zu geben. Aber wir haben selbst in gleichen Milieus erhebliche Unterschiede in der Kirchenbindung. Wäre der negative Prozess der Entchristlichung unumkehrbar, bräuchten wir uns über Neuevangelisierung nicht zu unterhalten. Aber wir haben doch damit noch kaum begonnen. Warum? Weil in den deutschsprachigen Ländern die Zeit und die Kraft dafür durch die innerkirchlichen Auseinandersetzungen um die altbekannten „Reformthemen“ (Zölibat, Diakonat für Frauen, geschiedene Wiederverheiratete), die mit Verbissenheit immer neu auf die Agenda gebracht werden, absorbiert werden und der Neuevangelisierung jeden Schwung nehmen.

Hubert Gindert

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5 Antworten auf Die katholische Stimme wird schwächer

  1. ARoem sagt:

    Es ist immer gefährlich, den Articulus absolutus vor eine Gruppenbezeichnung zu stellen. „Die“ Jugend ist kein so einheitliches Phänomen. Einmal sind die auch im Artikel angesprochenen Phänomene der frühen Fremdbetreuung, sowie Patchworkfamilien, wechselnde Wohnorte (aka Flexibilität der Arbeitnehmer) die Normalität, mit der viele Jugendliche aufgewachsen sind. Sich in realen Beziehungen geborgen fühlen – was war das noch gleich? Diese Erfahrungen passieren nicht einfach im Leben eines Menschen, auch nicht, wenn er in einen Verein eintritt, sie brauchen einen Ermöglichungsgrund und dann auch noch Glück – oder Gnade. So wie Familie heutzutage ist und auch propragiert wird, ist es schwerer denn je, solche Geborgenheitserfahrungen zu ermöglichen.
    Aber es gibt Jugendliche, die sich bewusst darum bemühen, die nach Werten wie Idealismus, Loyalität, Aufopferung für ein Ideal, Ehrfurcht und Respekt vor Älteren u.a. zu leben versuchen, nur wird die Kirche nicht so begeistert über sie sein: es sind die sogenannten Ultras auf den Fußballplätzen. Sie verweigern sich zum Teil bewusst den Internet-communities und suchen m.E. in ihrer Identifikation mit ihrem Verein genau das, was früher von Familie, Glaubensgemeinschaft und Nation geboten wurde: die Hingabe an etwas, das größer ist als man selbst. Das steckt im Menschen, auch im Jugendlichen von heute, und ihm einzureden, das Größte, was er ersehen kann, sei das neueste iPhone, ist einer der perfidesten Schachzüge entweder der Ökonomie oder des Durcheinanderwerfers. Vielleicht sind sie eh identisch.

  2. Juergen sagt:

    Die Kirche in Deutschland ist fett und lau.

    Fett ist sie, weil sie durch finanzielle Mittel gut ausgestattet ist, um alles mögliche zu machen. Wir sind Weltmeister, wenn es um soziale Projekte geht, doch das Fett macht träge – träge im Glauben. Die Projekte tragen den Namen „katholisch“, doch könnte es jeder Sozialverein ebensogut machen. Es fehlt das katholische Profil. Nur durch Vorbildfunktion funktioniert Neuevangelisierung nicht; es braucht auch entsprechende Lehre. Aber das Wort „Mission“ ist ja in Deutschland sowieso verpöhnt.

    Lau ist sie, weil ihr angeblich nichts passieren kann. Niemand muß für den Glauben stark sein und niemand muß stark sein im Glauben. So ein bisschen katholischsein auf dem Papier reicht aus. Etwas Kirche „für das gute Gefühl“ etwa an Heiligabend oder bei einer Trauung oder Tauffeier reicht aus. Einmal, zweimal oder dreimal im Jahr etwas Kirche muß genug sein. Wer so lebt, ist schal gewordenes Salz. Von dem braucht niemand erwarten, daß ihn das Thema Neuevangelisierung interessiert.

    Und die lauen Leute, die in der fetten Kirche aufgewachsen sind, sind als Politiker aktiv: da braucht man sich nicht zu wundern, wenn vom katholischen Profil bei ihnen nicht viel zu sehen ist.

    • Mathias Wagener sagt:

      Was heißt fett ? Das finde ich nun reichlich unpassend. Auch macht die Kirche nicht „alles Mögliche“. Wenn die Kirche gut ausgestattet ist, lassen wir es einmal bei dieser Meinung, dann hängt dies doch auch damit zusammen, dass sie Aufgaben übernimmt, die ansonstem dem Staat zufielen wie Kindergärten etc.
      Was soll das mit der neuen Lehre ? Das führt doch weg von der Diskussionsgrundlage.

      • Juergen sagt:

        Ich habe nichts von „neuer Lehre“ gesprochen.

        Ich habe auszudrücken versucht, daß das Beispielgeben alleine nicht reicht, wenn nicht auch gleichzeitig die kirchliche Lehre vermittelt wird.
        „Verkündigt das Evangelium, und wenn es nötig sein sollte, dann auch mit Worten.“ (Papst Franziskus)

  3. Hans sagt:

    Der „negative Prozess der Entchristlichung“, von dem gegen Ende des Artikels die Rede ist, hat m.E. auch damit zu tun, dass die katholische Kirche auf dem Wege ist zur Beliebigkeit einer NGO, einer Hilfsorganisation ohne spirituellen Tiefgang. Zu tagesaktuellen Fragen (Krieg in Syrien, Flüchtlinge) kann man ihre öffentlichen Stellungnahmen von denen eines Rupert Neudeck (oder gar eines Wolfgang Niedeggen) in den Mainstream-Medien nicht mehr unterscheiden. Kritische Punkte wie die Christenverfolgung im Mittleren und Nahen Osten, im Maghreb und Ostafrika werden nur mehr verschämt und von wenigen mutigen Vertretern überhaupt öffentlich angesprochen. Und der Geist, der dem vorgenannten Übel (Religiöse Intoleranz im Islamismus) zugrundeliegt wird mit Unterstützung der katholischen Kirche über (vorgeblich humanitäre) Einwanderung importiert.

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