Eine Aktion, die „von aussen“ kommt, wird nicht unterstützt

Wenn in einer Gesellschaft die Bereitschaft fehlt, für die eigenen Wertüberzeugungen und für die eigene Kultur, notfalls mit dem Leben einzutreten, können auch gewaltige Befestigungen, wie die Chinesische Mauer, der römische Limes oder wie im 20. Jahrhundert die französische Maginotlinie das Überleben nicht sichern. Was für den staatlichen und militärischen Bereich gilt, trifft auch für andere Lebensbereiche zu. Wir sind heute beispielsweise nicht mehr bereit, für den Schutz des Lebens zu kämpfen. Ungeborene Kinder, Embryonen, sind weitgehend schutzlos. Nun gibt es seit dem 18. Oktober 2011 in der Europäischen Union ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (AZ C-34/10) gegen den Forscher Oliver Brüstle, für den Lebensschutz, das in allen EU-Staaten gilt: Eine „Erfindung ist von der Patentierung ausgeschlossen, wenn das technische Verfahren, der Gegenstand des Patentantrages ist, die Zerstörung menschlicher Embryonen oder deren Verwendung als Ausgangsmaterial voraussetzt“ (Tagespost 6.7.13). Der Europäische Gerichtshof stellte klar: „Ein menschlicher Embryo ist jede menschliche Eizelle vom Stadium ihrer Befruchtung an“.
Die europäische Bürgerinitiative „One of Us“ (Einer von uns) greift das Urteil des Europäischen Gerichtshofes auf und will bis zum Stichtag, dem 31. Oktober, eine Million Unterschriften sammeln. Das ist die Zahl, die die EU-Kommission verpflichtet, sich mit dem Anliegen der Bürgerinitiative zu befassen. Für jedes Land gibt es ein „Quorum“, d.h. eine Quote an Stimmen. Sie beträgt für Deutschland 74.250 Stimmen. Bis Anfang Juli wurden 24.000 (32%) in den übrigen EU-Ländern 667.000 Stimmen für „One of Us“ abgegeben. Acht Länder hatten ihr Quorum erreicht. Sie hatten die Unterstützung ihrer Bischofskonferenz hinter sich. Auch die Päpste Benedikt und Franziskus riefen zur Unterstützung dieser In­itiative auf. Die Deutsche Bischofskonferenz hat dies auf der Sitzung des ständigen Rates am 24./25. Juni abgelehnt. „Sie berief sich auf einen alten Grundsatzbeschluss, Aktionen, die von außen kommen, nicht zu unterstützen“ (Tagespost 6. Juli 13). Sie will aber einzelnen Bischöfen, die „One of Us“ unterstützen, nicht im Wege stehen. Bischof Hanke hatte bereits im Herbst 2012, Kardinal Meisner im Juni und die Bischöfe Voderholzer und Zdarsa im Juli 2013 sich für die Unterstützung ausgesprochen. Inzwischen haben sich, lt. Pressemeldung, insgesamt 23 deutsche Diözesanbischöfe für eine Unterstützung von „One of Us“ ausgesprochen. Diesen Gesinnungswandel, nach dem ursprünglichen Beschluss „Aktionen von außen“ nicht zu unterstützen, kann man nur begrüßen.
Zu den Führungsaufgaben der Bischöfe zählt aber auch, gehbare und praktikable Wege aufzuzeigen, damit eine Initiative zum Erfolg wird. Die Bischöfe haben die Organisationsstruktur der Pfarreien dafür zur Verfügung.
Es muss aber auch gefragt werden: Wo bleiben bei dieser Initiative die Verbände, die gerne mit großen Mitgliederzahlen aufwarten? Ich nenne den Bund der Katholischen Deutschen Jugend, BDKJ (660.000), Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands kfd (550.000) und Katholischer Deutscher Frauenbund KDFB (220.000), zusammen fast 1,5 Mio.. Sie haben eine flächendeckende Organisationsstruktur, hauptamtliche, von der Kirche bezahlte Mitarbeiter, also beste Voraussetzungen für eine Unterschriftenaktion. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat am 29.05.13 die katholischen Verbände als „Aktivposten unserer Kirche in Deutschland“ gewürdigt und von ihnen gesagt: „Sie sind gelebte und praktizierte Bereitschaft, Kirche, Politik und Gesellschaft mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen im Geiste Jesu… die Verbände bezeugen dort, wo sie in der Gesellschaft stehen, Christus und seine Kirche. Sie sind mehr als ein zusätzlicher Fachverband. Sie lassen erfahrbar werden, dass ihr Tun der Liebe Gottes entspringt“.
Das Problem, „Aktionen, die von außen kommen“ stellt sich auch für andere Bereiche. Ich nenne den Marsch für das Leben oder das Credoprojekt von Peter Seewald.
Beim Marsch für das Leben in Berlin gingen 2010 die Weihbischöfe Wolfgang Weider und Matthias Heinrich mit, danach nicht mehr. Warum? 2013 nahm Weihbischof Florian Wörner an einer ähnlichen Initiative in Lindau teil. Da es sich bei der Abtreibung um das wichtigste gesellschaftliche Thema handelt, hat sich Kurienkardinal Raymond Leo Burke engagiert an die Bischöfe gewandt und sie aufgefordert, sich persönlich an Demonstrationen für das Leben zu beteiligen: „Es muss deutlich gesagt werden, dass der einzelne Bischof hier Verantwortung trägt“. Mit gelegentlichen Stellungnahmen sei es nicht getan… „zuweilen geschieht es, dass einzelne Bischöfe nicht bereit sind etwas zu tun, weil sie darauf warten, dass die nationale Bischofskonferenz das Heft in die Hand nimmt (Tagespost 27.04.13).
Das Credo-Projekt von Peter Seewald „war nicht nur für kirchliche Insider, sondern auch für religiös heimatlose und randständige Christen“ gedacht. Für dieses Medienprojekt konnte Peter Seewald Bischof Hanke von Eichstätt gewinnen. Der in kirchlichen Besitz sich befindende Weltbildkonzern weigerte sich, das Projekt zu unterstützen. Eine weitere Hilfe hat dieses Projekt „von außen“ durch kirchliche Stellen nicht erfahren.
„Verlorene Siege“ heißt der bekannte Buchtitel von Generalfeldmarschall von Manstein. „Verlorene Siege“ gibt es auch in der Kirche in Deutschland – zu viele!
Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Eine Aktion, die „von aussen“ kommt, wird nicht unterstützt

  1. ARoem sagt:

    Ich vermisse in der Diskussion um die Abtreibung die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Empfindungsfähigkeit Ungeborener. So neu sind die noch nicht mal. Ich habe noch irgendwo die Ergebnisse der Forschungen von Alessandra Piontelli aus den 90er Jahren zitiert gefunden, zum Beispiel. Wir WISSEN doch (oder könnten es wissen, wenn wir uns informierten), dass ungeborene Kinder Schmerz und Angst empfinden können. Es ist absolut unerträglich, dass einerseits durch Ultraschall die Aktionen und Reaktionen Ungeborener bereist im ersten Trimester stolzen Eltern vorgeführt werden – und die Bindung an das Kind übrigens enorm beeinflussen – und beim Thema Abtreibung spielen diese Erkenntnisse und Bilder auf einmal keine Rolle mehr. Bei einer Einzelrperson würde man das massive Dissoziation nennen.

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