Franz Sperr – Ein Leben aus dem Glauben

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten viele Politiker direkt nach ihrer Befreiung aus Gefängnissen und KZs ihre Wiederaufbau-Arbeit beginnen. Beispiele dafür sind in Bayern die ersten drei Landtagspräsidenten Stang, Horlacher und Hundhammer, sowie der CSU-Vorsitzende Dr. Josef Müller. Manche ihrer politischen Freunde haben dagegen das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen. Sie sind heute leider vergessen. Einer von ihnen ist der bayerische Gesandte Franz Sperr. Er wurde 1878 in Karlstadt am Main in einer streng katholischen Familie geboren. Nach einer ausgezeichneten Abiturprüfung ging er zum Militär, wo er rasch Karriere machte. Seine Vorgesetzten bescheinigten ihm Verantwortungsbewusstsein und Urteilsvermögen. Wegen seines Organisationstalents bei der Demobilisierung des Militärs nach dem Ersten Weltkrieg stieg er bald zur Verwaltungsspitze im Bayerischen Ministerium des Äußeren auf. Erst im Alter von 43 Jahren heiratete er. 1932 wurde er zum Bayerischen Gesandten in Berlin ernannt. Das war eine dramatische Zeit vor der damals schon drohenden Machtergreifung Hitlers. Sperr sah klar die Gefahr, die vom Nationalsozialismus ausging. „Wenn der an die Macht käme, das wäre das Ende Bayerns – finis Bavariae“ rief der humanistisch gebildete Gesandte aus. Deshalb sammelte er in München und Berlin einen Kreis mutiger Persönlichkeiten, die wie er entschlossen waren, den Rechtsstaat zu verteidigen. Mit Hilfe eines „Staatsnotstandes“ sollte Kronprinz Rupprecht zum König ausgerufen werden und Bayern dem Einfluss des Reiches auf legale Weise entzogen werden. Leider musste er aber seinen Freunden in München bald berichten, dass der altersschwache Reichspräsident Hindenburg für diese Idee nicht zu gewinnen war. Am 30. Januar 1933 ernannte der Reichspräsident Adolf Hitler zum Reichskanzler, und dieser schaltete mit Hilfe einer Notverordnung nach dem Reichstagsbrand die Demokratie sofort aus. So nahm das Unglück seinen Lauf. Nach einem Jahr waren die Hoheitsrechte der Länder abgeschafft, und die „alten“ Beamten hatten nichts mehr zu tun. Am 26. Juni 1934 trat Sperr von seinem Amt zurück – vier Tage vor der deutschlandweiten Mordnacht anlässlich des so genannten Röhmputsches. Zurück in München hoffte Sperr immer noch auf einen militärischen Umsturz in Berlin und sammelte weiterhin Gesinnungsgenossen in Bayern. Über die Jesuiten Augustin Rösch, Alfred Delp und Lothar König fand er Kontakt zum Kreisauer Widerstandskreis und zu Graf Stauffenberg, dem Haupt der militärischen Verschwörung. Dieser traf sich am 6. Juni 1944 in Bamberg mit Franz Sperr, um den „katholischen Beitrag“ zum Umsturz und zur moralischen Neugestaltung Deutschlands zu erkunden. Nach dem gescheiterten Attentat am 20. Juli 1944 wurde bald auch Franz Sperr verhaftet. Weil er die Attentatspläne Stauffenbergs nicht verraten hatte, wurde Sperr zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
In der NS-Zeit kamen vor allem Priester mit der nationalsozialistischen Weltanschauung unweigerlich in Konflikt. Aber auch Laien, die aus christlicher Verantwortung Recht und Ordnung wieder herstellen wollten, haben ihr Leben riskiert, und viele haben es verloren. Ihre Tapferkeit und ihr christliches Gewissen sollte dem Vergessen entrissen werden, damit sie für die Jugend Vorbilder werden können.

Eduard Werner

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