Marcel Callo und Gefährten

Ein deutlicher Beleg für die grundsätzliche Gegnerschaft zwischen katholischer Kirche und Nationalsozialismus ist u.a. auch die Behandlung der französischen Zwangsarbeiter während des Krieges in Thüringen. 51 katholische Franzosen, die sich auch im fremden  Deutschland zu ihrem Glauben bekannten, wurden von der Gestapo überwacht und schließlich verhaftet und zu Tode gefoltert. Die Nationalsozialisten spürten den elementaren Gegensatz zwischen nationaler Ideologie und universaler Katholizität. Der bekannteste Märtyrer dieser Gruppe ist Marcel Callo. Er wurde 1921 in Rennes in der Bretagne in eine kinderreiche Arbeiterfamilie hineingeboren. Der junge Marcel wurde schon mit acht Jahren ein eifriger Messdiener und bald auch Pfadfinder. Nach der Schulentlassung wurde er Buchdrucker und Mechaniker für Druckmaschinen. 1943 musste er unter dem Regime der deutschen Besatzung als Zwangsarbeiter seine Familie und seine Verlobte verlassen, um in Thüringen in einer Fabrik zu arbeiten. Dort versuchte er die französischen Katholiken unter den zahlreichen Zwangsarbeitern in einer religiösen Gemeinschaft namens Christliche Arbeiterjugend (IOC) zusammenzufassen, um ihnen eine religiöse Heimat zu bieten. Nach der Arbeit und an freien Sonntagen beteten und sangen sie gemeinsam und besuchten auch Gottesdienste deutscher Pfarreien. Im überwiegend protestantischen Thüringen gab es aber nur wenige katholische Pfarreien, wo die Ausländer Gottesdienste besuchen konnten. Das Haupthindernis für Gottesdienstbesuche war jedoch, dass die Gestapo (Geheime Staatspolizei) den deutschen Pfarrern verboten hatte, gefangene Ausländer zu den Gottesdiensten zuzulassen.  Marcel Callo wurde vom Arbeitsplatz weg verhaftet, „weil er viel zu katholisch“ sei. Im Gefängnis traf er bald viele seiner Freunde, die auch verhaftet worden waren. Die Gefangenen gaben ihre religiösen Aktivitäten freiwillig zu, aber die Vernehmungsbeamten waren damit nicht zufrieden. Sie wollten mit Schlägen staatsfeindliche Geständnisse erpressen. Politische Ziele konnten die Gefangenen jedoch nicht zugeben, weil sie solche Ziele nicht hatten.  Eine Gruppe von diesen Franzosen kam zunächst in das KZ Flossenbürg und dann nach Mauthausen. Dort starb Callo im März 1945 nackt auf einer Pritsche liegend. Ein Mitgefangener erzählte später: „Der Blick des Sterbenden verriet die tiefe Überzeugung, dass er auf das Glück zuging. Es war der Blick eines Heiligen.“  Papst Johannes Paul II. hat Marcel Callo in Rom in das Verzeichnis der Seligen aufgenommen. Ein ähnliches Schicksal wie Marcel Callo musste auch sein Freund Henri Marranes erleben. Als Neunzehnjähriger ging er 1942 stellvertretend für einen Familienvater zum Arbeitsdienst nach Deutschland. Dort nahm er wie Callo zu katholischen Franzosen Kontakt auf, um als Mitglied der „Action Catholique“ die Gefangenen in religiöser Hinsicht zu stärken. An Sonntagen besuchte er seine Leidensgenossen in den thüringischen Nachbarorten. Durch strikte Überwachung entdeckte die Gestapo die Kontakte der Franzosen untereinander und verhaftete viele Gefangene. Auch Henri kam ins Gefängnis, wo er bei Vernehmungen blutig geschlagen wurde. Später im KZ Flossenbürg erkrankte er an der Ruhr. Weil er infolge seiner Durchfall-Erkrankung den Strohsack etwas beschmutzt hatte, hat ihn ein KZ-Kapo, ein ebenfalls Gefangener aus Russland,  kaltblütig erschlagen. Der auf ein Skelett abgemagerte Henri konnte sich nicht wehren. Nach dem Kirchenvater Tertullian ist das Blut der Märtyrer der Same für neue Christen – doch dieser Same kann erst aufgehen, wenn das Martyrium dieser Helden bekannt wird. Trotz der tröstlichen Verheißung Tertullians erschrecken wir heute noch über die Menschen verachtende Grausamkeit der Täter.

Eduard Werner

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