Was erhofft sich ein Pfarrer vom Ponitfikat von Papst Franziskus?

Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen, sehr geehrte Damen und Herren!

Seit dem 13. März dieses Jahres 2013 ist Papst Franziskus der 266. Papst der Weltkirche. Dies sind rund sieben Monate, eine kurze Zeitspanne, in der doch so viel geschehen ist, in der so vieles anders wurde im Bereich um den Papst. Eine kurze Zeitspanne und doch gibt es schon so viele Zeichen, so viele Reden und Ansprachen. Ja tagtäglich spricht Papst Franziskus zu den Gruppen unterschiedlichster Prägung, die er zur Morgenmesse in der Kapelle seines Wohnhauses „Santa Marta“ empfängt .Wie soll man sich, bei dieser Fülle von Eindrücken und Botschaften diesem ersten Nichteuropäer seit Jahrhunderten, diesem so „speziellen“ Papst nähern? Wie ihn charakterisieren, wie seine Erwartungen ordnen und sortieren?

Es ist fast unmöglich ein „Bild“ ein Portrait, eine Zusammenfassung von dem wieder zu geben, was dem argentinischen „Papst der Armen“ wirklich gerecht wird. Bei meinen Überlegungen: „Wie stellst Du es an?“, kam mir ein Wort seines Vorgängers, unseres geliebten Papstes Benedikt in den Sinn, ein Wort, das er sowohl bei seiner Amtseinführung am 24. April 2005, als auch bei seiner letzten Generalaudienz, am 27.Februar dieses Jahres gebraucht hatte: „Die Kirche lebt und die Kirche ist jung!“ Und da wir alle uns diese lebendige und junge Kirche wünschen, möchte ich meine heutigen Gedanken, meine und unsere Erwartungen ganz orientieren an dem wohl wichtigsten Ereignis, welches das bisherige Pontifikat von Papst Franziskus geprägt hat, an seinen Worten und Predigten beim Weltjugendtag im Juli 2013 in Rio de Janeiro in Brasilien.

Dort hat er den jungen Menschen Wegweisungen gegeben für eine junge und lebendige Kirche, die Priestern und Gläubigen aller Generationen aufzeigen können, was Leben in der Kirche bedeutet, wie Papst Franziskus sein Hirtenamt versteht und welche Hoffnungen die Pfarrer vor Ort hegen und ersehnen dürfen.

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich dem Papst danken, dem bald heiligen Papst Johannes Paul II, der der Welt die Weltjugendtage geschenkt hat, und dessen Festtag die Kirche am vergangenen Dienstag gefeiert hat. Seliger Johannes Paul bitte für uns!

In ZEHN PUNKTEN möchte ich das erklären, vorstellen, was uns alle mit Papst Franziskus verbinden könnte, und was wir nicht nur erwarten sondern mitgestalten, erbeten und mit Gottes Hilfe vielleicht sogar verwirklichen können.

Punkt 1: „Füg Christus hinzu!“

Bei der Eröffnungsfeier am 25. Juli 2013 in Rio stellt Papst Franziskus sich mit den Jugendlichen unter das Weltjugendtagkreuz. Wo könnten Christen auch anders stehen, als unter dem Kreuz. Und, wie es seine Art ist, stellt er ein Beispiel aus dem Leben vor: er redet von einem Essen, einem zubereiteten Gericht, das nicht schmackhaft ist, weil die Würze fehlt. Er beschreibt die Gewohnheit des Menschen, dem Essen dann Salz, Öl, Gewürz hinzuzugeben.  So müsse einem Leben, das scheinbar fad, leerlaufend und dahinplätschernd sei- etwas hinzugefügt werden.

„Gib Glauben hinzu! Gib Hoffnung hinzu! Gib Liebe hinzu“ skandiert er mit den jungen Menschen. Und er fasst zusammen: “Diese Worte hat das Weltjugendtagkreuz auf seinem Weg durch die Welt den Menschen zugerufen. Daher rufe ich euch heute zu, einem jeden von euch: „Füg Christus hinzu, nimm Christus in dein Leben hinein und du wirst einen Freund finden, auf den du dich immer verlassen kannst!“

„Füg Christus hinzu!“- ist das nicht eine wunderbare kurze und doch so wegweisende Botschaft des Papstes für uns alle. Besonders für die Priester. Unser Tagesablauf wird sooft bestimmt von Routine, Bürokram, Konferenzen und Verwaltung. Oft bleibt kaum noch Zeit zur Vorbereitung auf die Eucharistie, das Gebet, das Sammeln von Glaubensfreude. „Füg Christus hinzu!“- sagt Papst Franziskus: Er wartet auf dich auch in der Eucharistie, dem Sakrament seiner Gegenwart, dem Opfer seiner Liebe!“ Wunderbare Worte der Ermutigung für die jungen Menschen damals in Rio, und für uns alle in einer „jungen Kirche“- und für die Hirten vor Ort.

Aber stellen Sie sich einmal vor, jemand, der zum Pfarrbüro kommt und den Pastor sprechen will, bekommt gesagt: „Warten Sie etwas, etwas Geduld: der Pastor betet!“ Wie viel Verständnis wäre da zu erwarten? Wäre er in einer Konferenz, zum Einkauf, vielleicht noch beim Autoputzen. Klar! Aber beim Beten?  „Füg Christus hinzu!

Möge Papst Franziskus den Priestern auch bei diesem „Zufügen“ den Rücken stärken. Wir brauchen wieder mehr die „Freiheit der Kinder Gottes!“, als Priester und Gläubige. Und für den heute so schwierigen Dienst  im Weinberg des Herrn ist nichts wichtiger als der Ratschlag des Papstes: „Füg Christus hinzu!“

2. Punkt: „Hoffnungsbringer sein!“

Beim Besuch eines Hospitals „St. Franziskus“ in Rio, einer Einrichtung für Drogenabhängige erinnerte der Papst an die Begegnung des Heiligen Franziskus mit einem Leprakranken. Er sagte: „Dieser leidende Mitbruder wurde zum Mittler des Lichtes für den heiligen Franz von Assisi, denn in jedem Bruder und jeder Schwester in Not umarmen wir den leidenden Leib Christi. Heute möchte ich an diesem Ort des Kampfes gegen die chemische Abhängigkeit jeden und jede von euch, die ihr der Leib Christi seid, umarmen und darum bitten, Gott möge euren Weg – und auch den meinen – mit Sinn und fester Hoffnung erfüllen!“

Die Notleidenden umarmen, Mittler des Lichtes sein, Hoffnungsbringer sein. Das ist der Weg, den Papst Franziskus sich erwählte. Er, der nicht Bischöfen, sondern Strafgefangenen die Füße wäscht, und der auf Lampedusa der Flüchtlingspolitik von Europa zum Stachel im Fleisch wird.

Und seine Worte im Hospital gipfelten in den Sätzen: „Lasst euch nicht die Hoffnung rauben! Rauben wir uns nicht die Hoffnung, sondern lasst uns vielmehr alle zu Hoffnungsträgern werden!“

Sicherlich ist und war die deutsche Kirche Hoffnungsträgerin für viele Armen. Kaum eine andere Ortskirche hat so viele kirchliche Hilfswerke, Einrichtungen und Organisationen: Wir alle kennen Misereor, Adveniat, Missio, Renovabis und viele andere mehr.

Sind dies Hilfswerke aber nicht vielen Christen zu einer guten Gewissensberuhigung geworden? Mein Tütchen in den Beutel und das meine ist getan. Und wie viele Pfarrer brüsten sich nach den Feiertagen über ihren „Adveniat-oder Misereor Spendenrekord!“, der ein „Wahnsinnsergebnis“ war. Wie schwer ist es dann aber oft in den Verwaltungsgremien vor Ort Geld loszueisen für eine arme Familie vor Ort. „Sind die überhaupt katholisch? Gehen die zur Kirche? Es gibt doch das Sozialamt“!  Alles schon erlebt und da gewesen.

Die Gesten und Worte des Papstes stärken uns Priester „Hoffnungsträger“ zu werden. Vielleicht auch eine neue Art und Variante des „kölschen Fringsens“ zu wagen, damit die Menschen, die in Not sind und im Pfarrhaus anklopfen erfahren- auch materiell, was Franziskus in diesem Hospital aussprach: „Die Kirche ist euren Mühen nicht fern, sondern begleitet euch mit eurer Liebe!“

Werden wir: Hirten und Herde „Hoffnungsträger“, nicht nur beim Renovieren von Gebäuden, beim Restaurieren von Orgeln und Altären – auch das ist nötig – vor allem aber, wenn es um den Anspruch geht: „Was ihr für einen meiner geringsten Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ (Mt 25,40)

3. Punkt: Terra de Santa Cruz- Land des Heiligen Kreuzes

Beim Kreuzweg mit den Jugendlichen am 26.Juli durch die Straßen von Rio erinnerte der Papst an die erste Bezeichnung, den ersten Namen, der Brasilien gegeben wurde. „Terra Santa Cruz“. Er sagte: „Das Kreuz wurde nicht nur vor fünfhundert Jahren am Strand aufgestellt, sondern es ist auch in die Geschichte, ins Herz und in das Leben des brasilianischen Volkes und vieler anderer Völker eingepflanzt worden!“

Ja, auch in das Leben in die Kultur unseres Volkes ist dieses Kreuz einst eingepflanzt worden. Kreuze stehen noch an unseren Straßen und auf unseren Berggipfeln. Aus den Schulen, Parlamenten und Gerichtsgebäuden sind sie größtenteils entfernt worden.      Oft geht unsere Kirche in Deutschland den Kreuzweg. Christliche Positionen spielen in Gesellschaft und Politik eine kaum mehr wahrnehmbare Rolle. Niemand ist ein beliebteres Opfer für negative Medienkampagnen als die Katholische Kirche. Sie wissen, dass ich bei diesen Themen in meiner Verkündigung und Predigt kein Blatt vor den Mund nehme und diese Ent-Christianisierung unseres Landes immer wieder ankreide.

Die Kirche in unserem Land geht einen Kreuzweg – und wir stehen erst am Beginn der „Via Dolorosa“!

Was können wir, was können die Priester da erwarten von einem Papst im fernen Rom? Weiß er um diesen Kreuzweg, der ja in vielen Ländern Westeuropas der Weg der Kirche ist?

Vielleicht gelingt es ihm, seinen Mut, den er gegenüber der Politik zeigt – denken wir an Lampedusa – vielleicht gelingt es ihm diesen Mut auf seine Amtsbrüder im Bischofsamt zu übertragen, sie aus der Reserve zu locken, so spontan und direkt aufzutreten wie er, so konsequent und glaubensstark. Beim Kreuzweg in Rio hat er es der jungen Kirche und damit allen die für eine lebendige und junge Kirche da sein wollen eindeutig gesagt:

„Viele Gesichter haben wir auf dem Kreuzweg gesehen, viele Gesichter haben Jesus auf dem Weg zum Kalvarienberg begleitet: Pilatus, Simon von Zyrene. Maria, die Frauen. Ich frage dich heute: Wer von diesen möchtest du sein? Willst du wie Pilatus sein, der nicht den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen, um das Leben Jesus zu retten, und der seine Hände in Unschuld wäscht? Sag mir, bist du einer von denen, die ihre Hände in Unschuld waschen, bist du einer von denen, der sich dumm stellt und zur Seite schaut? Oder bist du, wie Simon von Zyrene, der Jesus hilft den schweren Balken zu tragen, wie Maria und die anderen Frauen, die keine Angst haben, Jesus bis zum Ende zu begleiten, mit Liebe und Zärtlichkeit. Und du, wie möchtest du sein? Wie Pilatus, wie Simon, wie Maria? Jesus blickt dich jetzt gerade an und sagt dir: Willst du mir das Kreuz tragen helfen, lieber Bruder, liebe Schwester: Mit all deiner Kraft: was antwortest du ihm?“

Möge unsere Kirche in Deutschland auf ihrem Kreuzweg, die Hirten voran und gestärkt von dem, der den Auftrag Jesu hat: „Stärke deine Brüder und Schwestern“ zu denen gehören, die sich nicht die Hände waschen, sich nicht dumm stellen, nicht wegschauen, sondern antworten: Im Kreuz ist Heil und Leben. Auch unser Land ist „Terra de Santa Cruz“- Land des Heiligen Kreuzes.

4. Punkt „Bitte trinkt keinen Glaubensmix

Bei einer Begegnung mit den jungen Menschen in der Kathedrale von Rio am 25. Juli 2013 wendet sich der Papst an die Jugendlichen mit einem Apell zweierlei Gestalt:

„Macht Wirbel“, sagt er: „sorgt euch um die Flügelgruppen der Gesellschaft, das heißt um die alten und die jungen Menschen: lasst euch nicht ausschließen und lasst nicht zu, dass die Alten ausgeschlossen werden. Zweitens: Mixt nicht den Glauben an Jesus Christus. Da sind die Seligpreisungen: Was müssen wir tun Vater? Lies die Seligpreisungen, sie werden dir gut tun! Mixt den Glauben nicht!“

Ich gebe zu, dass es für mich schon verwunderlich war, den neuen Papst beim ersten „Urbi et orbi“, nach seiner Wahl so ganz ohne die gewohnten Gewänder, so schlicht, so bloß zu sehen. Was wird das, fragte ich mich? Papst Johannes Paul und besonders Papst Benedikt standen mir vor Augen: ihre Treue zum Evangelium und zur Tradition der Kirche. So etwas rast ja dann wie „Kopfkino“ durch die Gedanken. Wird jetzt alles anders?

Franziskus hat seinen besonderen Stil, SEINEN Stil, an den wir uns gewöhnen werden, wie auch Johannes Paul und Benedikt IHREN Stil hatten. Das sind äußere Formen, wenn auch schöne Formen. Aber jeder Satz, jede Predigt, jede Geste von Papst Franziskus macht deutlich, was er den Jugendlichen in Rio sagte: Es gibt mit Franziskus keinen Glaubensmix. Er steht fest in der Lehre der Kirche, sei es ihre Dogmatik, ihre Glaubensüberzeugung oder ihre Lehre zu Ethik und Moral. Er ist ein glühender und inniger Marienverehrer. Er führt – so hat es Gott wieder wunderbar gefügt – die theologische und kirchliche Linie seiner Vorgänger fort und schreitet mit seiner Kirche auf dem Weg des Glaubens voran.

Diese meine Erwartung an Papst Franziskus hat sich erfüllt: kein Glaubensmix. Feststehen im Glauben und in der Lehre der Kirche. Er ist der Fels, auf dem die Kirche weiterhin festen Halt hat.

Und leider bin ich mir sicher, dass dieses Verzichten auf den Glaubensmix ihm denselben Leidensweg einbringt, wie seinen beiden Vorgängern im Petrusamt. Noch schallt das „Hosanna“, wenn er aber, und dessen bin ich mir sicher seinen Weg so weitergeht, treu zu dem, was „katholisch“ ist, dann wird das „Kreuzige ihn“ nicht lange auf sich warten lassen. Umso wichtiger ist das, um was er uns gebeten hat, in der Stunde seiner Wahl: Jene eindrucksvolle Geste, als der neue Papst seinen Kopf senkte und die Menschen auf dem Petersplatz und auf der ganzen Welt bat:
„Betet für mich!“ Dies wollen wir tun und niemals vergessen!“

5. Punkt: Die Treue zu Jesus bringt Frucht

Seit seinem Amtsantritt hegt Papst Franziskus eine besondere Sorge für die Priester und ermahnt auch die Bischöfe regelmäßig ihre Fürsorge für die Priester nicht zu vergessen. So traf er sich auch beim Weltjugendtag mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen in der Kathedrale von Rio. In seiner Predigt am 27. Juli bezieht  er sich auf das Johannesevangelium, wo es heißt: „Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt, und dass eure Frucht bleibt!“ (Joh 15,16) Und er sagt: „Nicht die Kreativität, so pastoral sie auch sein mag, nicht die Begegnungen oder Planungen garantieren die Früchte, auch wenn diese Dinge hilfreich sind, sogar sehr, sondern, was die Frucht garantiert , ist die Treue zu Jesus, der uns mit Nachdruck sagt: Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch!“ (Joh 15,4) Und wir wissen wohl, was das bedeutet: ihn betrachten, ihn anbeten, ihn umarmen in unserer täglichen Begegnung mit ihm in der Eucharistie, in unserem Gebetsleben, in unseren Momenten der Anbetung; seine Gegenwart erkennen auch in denen, die am stärksten von Not und Leid betroffen sind.“ Und der Papst fordert die Geistlichen auf Missionare zu sein, dort, wo Gott sie hinstellt, gerade auch da zu sein für die jungen Menschen.
„Lasst uns ein offenes Ohr haben, um ihre falschen Hoffnungen anzuhören, sie haben es nötig, dass man ihnen zuhört, um von ihren Erfolgen zu hören, um von ihren Schwierigkeiten zu hören. Man muss sich hinsetzen, und vielleicht immer dasselbe Textbuch hören, aber mit einer anderen Musik und verschiedenen Charakteren.

Darum bitte ich euch von ganzem Herzen! Im Beichtstuhl, in der geistlichen Leitung, in der Begleitung. Lasst uns fähig sein, mit ihnen Zeit zu verlieren! Säen kostet und strengt an, strengt sehr an!“

Das, was Papst Franziskus hier für die Seelsorge mit jungen Menschen sagt, lässt sich sicher auf den gesamten Bereich der Seelsorge ausdehnen. Das „Zeit haben“, das  „offene Ohr“, das „Zuhören“. An anderer Stelle sagte es der Papst noch deutlicher: „Seid euch bewusst, dass ihr aus den Menschen auserwählt und für sie eingesetzt seid zum Dienst vor Gott und übt deshalb das Priesteramt mit Freude und echter Liebe aus, einzig darauf bedacht, Gott zu gefallen und nicht euch selbst. Seid Hirten, nicht Funktionäre! Seid Mittler, nicht Zwischenhändler!“

Wie sehr spricht Papst Franziskus mit seiner Auffassung vom priesterlichen Dienst in die Herzen der Priester und die Herzen der Gläubigen hinein. Wir kennen aber die harte Wirklichkeit in unserem Land und unserem Bistum. Da gibt es das für mich große „Unwort“ der „Strukturen“. Riesige pastorale Räume wurden geschaffen. Eine Reform vollzogen, die nicht Entlastung für die Pfarrer bringt, sondern BE-lastung. Gab es für mich vorher zwei Gremien der Beratung und Verwaltung, so sind es heute fünf.

Es gibt Pfarrer, die 7 Pfarrgemeinderäte, 7 Verwaltungsräte und – dank der Reform – noch den Pfarreienrat und die Verbandsvertretung zusätzlich haben. Von den Stellen der Kooperatoren, die als zweiter Priester in einer Pfarreiengemeinschaft mithelfen sollen, sind die meisten unbesetzt. Die Reformer hätten wissen müssen, dass kooperieren ja auch heißt, es müssen zwei Priester zusammen arbeiten, die auch menschlich und geistlich miteinander kooperieren. Das jedoch, weil es menschelt, auch im Presbyterium wird sehr selten gelingen und Frucht bringen.  Die Verwaltung, die Sitzungen zermürben die Seelsorge und die Priester. Dazu kommt das Anspruchsdenken der Menschen, gerade derer, die nicht zu den praktizierenden  Christen gehören. Ansprüche aller möglichen und unmöglichen Art, gerade bei den „Brennpunkten“ Taufen, Trauungen, Erstkommunion und Beisetzungen.

Sie können sich kaum vorstellen, mit welchen Ideen und Gespinsten musikalischer, textlicher Art oder vom zeitlichen Ansatz wir Pfarrer da konfrontiert werden. Es gibt Pfarrer, die sind mit Beerdigungen derart überlastet, dass sie wöchentlich viermal auf dem Friedhof stehen. Dazu kommen die Kondolenzbesuche bei den Angehörigen.

Da ist es schwer mit dem stets offenen Ohr, dem zuhören, vor allem mit dem „Zeit haben“. Hier im Beichtzentrum St. Ludwig den Beichtstuhl stets zu den angegebenen Zeiten zu besetzen fällt schwer, weil viele Mitbrüder sagen: „Ich würde diesen Dienst sehr gerne ausüben. Ich käme sehr gerne, aber ich schaffe es nicht mehr. Die Grenzen meiner Belastbarkeit sind erreicht, ja schon überzogen!“ Und so wird das auch nichts, mit der im Strukturplan vorgesehen Pensionsgrenze von 70, noch lieber 75 Jahren. Die meisten Priester werden vor dieser Altersgrenze sagen: „Es geht nicht mehr!“ Wir brauchen also als Priester mehr Rückhalt, so wie es aus den Worten des Papstes hervorgeht. Den Rückhalt des Bischofs und vor allem der Gläubigen. Es braucht Rückendeckung aus den Räten, statt endloser Diskussionen. Es braucht Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die mit dem Pfarrer, nicht gegen ihn arbeiten, und vor allem viele ehrenamtliche Helfer und Helferinnen, die nicht nur mit dem Mund arbeiten, sondern anpacken und entlasten.

Wir Priester wollen Hirten und Mittler sein. Keine Funktionäre und Zwischenhändler. Wir wollen Seelsorger sein keine Verwalter, Bestatter oder Manager. Zum Hirtendienst sind wir angetreten. Vom „Moderator“ sein und vom Sitzungsleiter war weder im Weihesprechen noch in unserem Amtseid bei der Einführung als Pfarrer die Rede. Um den Priester wieder zum Hirten zu machen müssen die Worte des Papstes aber erst sickern durch das Netz der Kurie, der Ordinariate und das enggestrickte Netz unserer neuen Strukturen.   Sie wissen wie die schnell die Mühlen dort mahlen. „Ich aber habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt, und dass eure Frucht bleibt!“ Das ist der Auftrag Jesu. So sieht Papst Franziskus die Mitte des priesterlichen Auftrags.

6. Punkt: Mutter Kirche

Am 27. Juli 2013 wendet sich der Papst an die Bischöfe von Brasilien. Sicher eine ganz andere Ortskirche als die unsere. Sicher eine „andere Welt“- aber dieselbe Kirche. Und Franziskus ist der Bischof der Universalkirche, der oberste Lehrer der Kirche Jesu Christi und so ist sein Wort sicher auch Mahnung und Auftrag an die Bischöfe der Universalkirche. Er spricht von der Mission, der Sendung der Kirche. Mission hört man in Deutschland nicht gern. Das war einmal, als die Missionare und Missionarinnen aus Deutschland in Scharen aufbrachen, um den Glauben in den Kirchen Afrikas und Lateinamerikas sowie in Asien zu verbreiten. Eine erfolgreiche Mission übrigens: denn dort ist die Frucht aufgegangen, dort lebt und blüht die Kirche unter den Menschen und in gefüllten Priesterseminaren und Ordensnoviziaten. Gerne erinnere ich mich an die vielen Priester und Ordensschwestern aus meiner Heimatgemeinde Diefflen, die missionarisch tätig waren und bei ihren Heimaturlauben in Bildern und Vorträgen von ihrer Arbeit in den Missionsgebieten berichteten. Das ganze Dorf war stolz auf diese Glaubenszeugen.

Heute hat Mission in Deutschland den medial und politisch erzeugten Beigeschmack von Überstülpen, Vereinnahmen sowie dem niemals gelingenden Projekt einer „multikulturellen Gesellschaft“ entgegen zu stehen. Franziskus mahnt die Bischöfe zur Mission, wenn er ausführt:  „In Bezug auf die Mission ist daran zu erinnern, dass ihre Dringlichkeit sich aus ihrer inneren Motivation ergibt, das heißt, es handelt sich darum ein Erbe weiterzugeben. Und bezüglich der Methode ist es entscheidend, daran zu erinnern, dass eine Erbschaft so etwas ist wie ein Zeugnis ablegen, so etwas wie der Stab im Staffellauf: man wirft ihn in die Luft, und wer ihn auffangen kann: gut, und wem es nicht gelingt, der bleibt eben ohne. Um das Erbe weiterzugeben muss man es persönlich aushändigen und denjenigen, dem man dieses Erbe schenken, an den man es weitergeben will, berühren. In Bezug auf die Umkehr in der Pastoral möchte ich daran erinnern, dass Pastoral nichts anderes ist als die Ausübung der Mutterschaft der Kirche. Sie gebiert, stillt, lässt wachsen, korrigiert, ernährt und führt bei der Hand!“

Die Mission der Kirche ist und bleibt also eine Stabübergabe von Hand zu Hand von Herz zu Herz. Mission bleibt eine Aufgabe der Kirche, weil es der Auftrag Christi ist, den Völkern das Evangelium zu verkünden und sie auf den dreifaltigen Gott zu taufen. Diese Mission braucht gerade unser Land von neuem. Dabei ist die Kirche Mutter. Wie könnte Pastoral, Seelsorge besser zu beschreiben sein, als in diesem uralten Bild von der „Mutter Kirche“. Mutter sein heißt: Sorge, Schutz, Weitergabe alles Guten und Wichtigen, Nahrung bieten für Leib und Seele.

Heute ist Sonntag der Weltmission. Heute wird die Kirche an ihre mütterliche Sorge erinnert für eine Stabweitergabe von Hand zu Hand, von Herz zu Herz. Auch daran, dass wir alle Kirche, alle Missionare und Missionarinnen sind. Eingeladen, andere mit unserm Glauben zu berühren. Gut, dass Papst Franziskus den Bischöfen und damit allen im geistlichen Beruf den Gedanken der Mission wieder ans Herz legt. Auch das muss sickern: durchsickern von den Bischöfen zu denen die unseren Religionsunterricht verantworten, zu den Schulabteilungen (brauchen wir die wirklich – und so, wie sie sind- ist meine Frage?). Durchsickern muss der Missionsgedanke zu denen, die Erstkommunion und Firmung verantworten, durchsickern zu den noch wenigen christlichen Politikern, die Weichen stellen sollten, wenn man sie lässt für eine Weitergabe der Werte und Traditionen, die unser Land prägen und seine wirkliche Identität ausmachen.

Der Missionsgedanke, den Papst Franziskus wieder ins Bewusstsein ruft, kann uns als Pfarrer vor Ort nur stärken in Verkündigung und Katechese diesen Weg mitzugehen und in der mütterlichen Ausprägung der Kirche, dem Auftrag des Herrn nachzugehen: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern!“- und dies ohne Scheu und falsch verstandener Toleranz zwischen den Religionen.

7. Punkt: Sich von Gott überraschen lassen

Zu Beginn seiner Reise in Brasilien besuchte Papst Franziskus den Wallfahrtsort Aparecida, das Nationalheiligtum zu Ehren der Gottesmutter in Brasilien.

Die Geschichte von Aparecida  liegt fast 300 Jahre zurück. Im Jahr 1717 hatten die Fischer am Paraiba Fluss eine an Fang arme Zeit. Sie arbeiteten mühsam und fleißig weiter jedoch ohne Erfolg Eines Tages fanden sie in ihrem Netzt eine Terrakottafigur ohne Kopf und nach erneutem Auswurf der Netze den dazugehörigen Kopf. Schließlich wurden sie durch einen überreichen Fischfang beschenkt. Die Fischer fügten die ihnen so erschienene Gestalt von schwarzer Farbe mit Wachs zusammen und erkannten in ihr sie Mutter Gottes, „Nossa Senhora“, die bald schon die Menschen von nah und fern zu der für sie errichteten Kapelle anzieht.  1930 erhebt  Papst Pius XI die „Nossa Senhora“ zur  Königin und Schutzherrin von Brasilien, der selige Papst Johannes Paul II weiht im Wallfahrtsort und Nationalheiligtum 1980 die dortige Basilika, in der nun Papst Franziskus den Weltjugendtag und sein Pontifikat unter den Schutz der Gottesmutter stellt. Er betet wörtlich:

„Nimm mich auf, unvergleichliche Königin, die du uns vom gekreuzigten Christus als Mutter gegeben wurdest, unter die gesegnete Zahl deiner Söhne und Töchter; nimm mich auf unter deinen Schutz, steh mir bei in meinen geistigen und zeitigen Nöten und vor allem in der Stunde meines Todes!“

Und er legt den Gläubigen eine Verhaltensweise vor die zunächst verblüfft: Sich von Gott überraschen lassen: „Wer hätte je gedacht, dass der Ort eines ergebnislosen Fischens der Ort werden würde, an dem  alle Brasilianer sich als Kinder der einen Mutter fühlen können? Gott setzt immer wieder in Erstaunen, wie der neue Wein bei der Hochzeit zu Kana. Gott hält immer das Beste für uns bereit. Aber er verlangt, dass wir uns von seiner Liebe überraschen lassen, dass wir seine Überraschungen annehmen. Vertrauen wir auf Gott. Fern von ihm erschöpft sich der Wein der Freude, der Wein der Hoffnung.

Wenn wir in seine Nähe kommen, wenn wir bei ihm bleiben verwandelt sich das, was kaltes Wasser zu sein scheint, das, was Not, was Sünde ist in neuen Wein der Freundschaft mit ihm!…Liebe Freunde, wir sind gekommen, um an die Tür von Marias Haus anzuklopfen. Sie hat uns geöffnet, hat uns eintreten lassen, und sie zeigt uns ihren Sohn. Jetzt bittet sie uns: Was er euch sagt, das tut. Ja, Mutter, wir bemühen uns, das zu tun, was Jesus uns sagen wird! Und wir werden es mit Hoffnung tun, im Vertrauen auf die Überraschungen Gottes und voller Freude!“

Von tiefem Vertrauen in die Gottesmutter Maria sprechen diese päpstlichen Worte aus dem uns so fernen, brasilianischen Heiligtum.

Doch wirklich fern? Gott hat auch mich überrascht. Als ich mir im Internet, vor dem Papstbesuch das Gnadenbild von Aparecida ansah, die dort verehrte Marienfigur: da war ich erstaunt, überrascht und gerührt. Ich dachte: „Die Figur kennst du doch!“ , denn ein Abbild dieser Figur steht in meinem Flur, gleich am Eingang zu meiner Wohnung, im Pfarrhaus. Dieses genaue Abbild des brasilianischen Maienbildes hatten mir die Jugendlichen aus Argentinien geschenkt, die 2005 zum Weltjugendtag in Tünsdorf, meiner ehemalige Pfarrei zu Gast waren. Sie hatten sie über den großen Teich mitgebracht und mir anvertraut. Wie hoch der Wert dieser Figur für mich ist können Sie sich vorstellen. Gott überrascht!

Doch wir Menschen lieben eigentlich keine Überraschungen. Wir lieben es zu planen, zu organisieren und mögen nicht Ungeplantes und Unvorhergesehenes, denn oft sind Überraschungen auch solche, wo wir erfahren, dass Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken und seine Wege nicht unsere Wege sind! Das Gebet und die Gedanken des Papstes an jenem fernen Wallfahrtsort aber machen uns Mut, dass Gottes Überraschungen es gut mit uns meinen und fügen, und, dass, wenn wir tun, was ER uns sagt, sich alles fügt, so wie die Marienfigur aus dem Fluss und dem Netz der Fischer sich zusammenfügte. Danken wir, dass Papst Franziskus die hohe Verehrung der Gottesmutter so aufrecht erhält, wie seine Vorgänger Johannes Paul II im „Totus tuus“ und Benedikt XVI, der zutiefst geprägt war von der Marienfrömmigkeit seiner Heimat, von Altötting.

Diese Erwartung an den Papst aus dem fernen Land hat sich bei mir schon erfüllt: dass das Vorbild unserer Lieben Frau weiterhin in unserer Kirche hochgehalten wird, und sie mit dem Heiligen Vater und für ihn ihren Dienst als Mutter der Kirche verwirklicht und uns hilft, uns einzulassen auf die Überraschungen  Gottes.

Wenn ich meine Wohnung betrete und die Marienfigur aus Aparecida mich begrüßt,- meine Überraschung Gottes – dann weiß ich:  Ein Kind Mariens geht nie verloren.

8. Punkt: Trainieren auf dem Spielfeld Jesu

Wie hätte Papst Franziskus Brasilien verlassen können, die Fußballnation und Ausrichter der WM 2014, ohne eine Anspielung auf diesen Nationalsport der Südamerikaner zu machen. Er selbst ist, wer kann es ihm verdenken- Mitglied und Fan des Erstligaclubs  „Atlético San Lorenzo de Almagro“, in Buenos Aires, dessen Spiele er häufig besuchte, schon seit Kindertagen. So nutzte der Papst die besonders frohe Stimmung bei der Vigil und Nachtwache an der Copacabana um in seiner Predigt im Bild des „Spielfeldes“ den Jugendlichen Mut zu machen und sie zum Training auf dem Spielfeld Jesu aufzufordern.

Er sagte, und in dieser Ansprache tritt er mit den jungen Menschen in einen Dialog ein, den sie in der Stille des Herzens mitvollziehen sollten- und auch Sie heute und hier können diesen Dialog in ihren Herzen mitvollziehen! Der Papst sprach die Jugendlichen an und sagte:

„Die meisten von euch lieben den Sport. Hier in Brasilien, wie in anderen Ländern ist Fußball eine nationale Leidenschaft. Stimmt’s? Nun, was macht ein Spieler, wenn er in eine Mannschaft berufen wird? Er muss trainieren, viel trainieren. Genauso ist unser Leben als Jünger des Herrn. Der heilige Paulus sagt es uns, als er die Christen beschreibt: Jeder Wettkämpfer aber lebt völlig enthaltsam; jene tun dies um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz  zu gewinnen . (1Kor 9,25)  Jesus bietet uns etwas Größeres als den Weltcup. Etwas Größeres als den Weltcup.

Jesus bietet uns die Möglichkeit eines fruchtbaren Lebens, eines glücklichen Lebens, und er bietet uns auch eine Zukunft mit ihm, die kein Ende haben wird: im ewigen Leben. Das ist es, was Jesus uns bietet. Aber, er verlangt von uns, dass wir den Eintritt bezahlen, und der Eintrittspreis ist, dass wir trainieren, um in Form zu bleiben, um allen Situationen des Lebens ohne Angst zu begegnen und dabei unseren Glauben zu bezeugen.  Durch den Dialog mit ihm: das Gebet. Heiliger Vater, und jetzt lässt du uns alle beten? Nein? Ich stelle dir eine Frage…aber antwortet in eurem Herzen, nicht mit lauter Stimme, sondern im Schweigen: Bete ich? Jeder soll antworten:  Spreche ich mit Jesus, oder habe ich Angst vor der Stille?  Lasse ich zu, dass der Heilige Geist in meinem Herzen spricht?  Frage ich Jesus: Was willst du, das ich tun soll, was erwartest du von meinem Leben? Das bedeutet trainieren. Fragt Jesus –sprecht mit Jesus!Und wenn ihr in eurem Leben einen Fehler begeht, wenn euch ein Ausrutscher passiert, wenn ihr etwas tut, was schlecht ist, habt keine Angst : Jesus, schau, was ich getan habe! Was soll ich jetzt machen? Aber sprecht mit Jesus, im Guten und im Bösen, wenn ihr etwas Gutes tut und wenn ihr etwas Schlechtes tut. Habt keine Angst vor ihm! Das ist das Gebet. Und damit trainiert ihr mit Jesus, in diesem missionarischen „Jünger sein“! Durch die Sakramente, die uns in seiner Gegenwart wachsen lassen. Durch die geschwisterliche Liebe, dadurch, dass wir den anderen Zuhören können, die anderen verstehen, ihnen vergeben und helfen – allen Menschen, ohne auszuschließen, ohne auszugrenzen. Liebe junge Freunde, seid wahre Athleten Christi!“

Welch eine wunderbare Katechese vollzog der Papst da: über die Verbindung mit Jesus Christus, über das Gebet, gekleidet in die Sprache junger Menschen. Und alle Generationen können die Fragen des Papstes im Herzen ankommen lassen, können sie beantworten und am Training, am „Athlet Jesu werden“ teilnehmen und zu dem beitragen, was die Kirche prägen soll: Junge und lebendige Kirche sein

Darin hat Papst Franziskus alle meine Erwartungen übertroffen: Er ist der Vorbeter der Kirche. Er fasziniert mich, wenn er demütig vor den Gläubigen steht und mit ihnen und für sie betet. Es ist heilsam für die Kirche, wenn ein großer Beter sie leitet und so aufzeigt, worin er selbst und jeder Gläubige die Kraft schöpft für seinen Einsatz auf dem Spielfeld Jesu. Und vergessen wir alle nicht, was für uns katholische Christen die Champions-League ist: die Eucharistie, aus welcher alle Freude und alle Lebenskraft der Kirche entspringt, alle Lebenskraft für Priester und Gläubige, ja noch mehr: aller Segen und alles Heil für die Welt.

9. Punkt: Geht ohne Furcht um zu dienen

Bei jedem Weltjugendtag ist die Abschlussmesse die große Eucharistiefeier mit der Aussendung in die Welt und der Ankündigung des nächsten Weltjugendtagsortes der Höhepunkt dieses Jugendtreffens. In der Vigilfeier wird Christus in der eucharistischen Gestalt angebetet. Am Sonntag, dem Abschlusstag wird der Ostersieg des auferstandenen Herrn im Heiligen Messopfer gefeiert. Ich erinnere mich stets und von Herzen gerne an die Eucharistiefeier mit über einer Million Menschen auf dem Marienfeld bei Köln zum Abschluss des Weltjugendtages 2005 mit Papst Benedikt.

Was ist das ein Erlebnis, wenn so viele junge Menschen, mit dem Nachfolger Petri bekennen: Deinen Tod, o Herr verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.  An der Copacabana mit Blick auf die monumentale Christusfigur über der Stadt ist die katholische Jugend der Welt 2013 versammelt. Unter dem Leitgedanken des Weltjugendtages : „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker“ wird mit südländischer und katholischer Freude die Abschlussmesse gefeiert. Papst Franziskus spricht zu den jungen Menschen und sagt:
GEHT“ – Aufgepasst – Jesus hat nicht gesagt: Wenn ihr wollt, wenn ihr Zeit habt. Die Glaubenserfahrung zu teilen, den Glauben zu bezeugen, das Evangelium zu verkünden ist ein Auftrag, den der Herr der ganzen Kirche überträgt, auch dir. Es ist ein Befehl, der jedoch nicht aus dem Willen zu herrschen, nicht aus dem Willen zur Macht entspringt, sondern aus der Kraft der Liebe, aus der Tatsache, dass Jesus als erster in unsere Mitte gekommen ist und nicht nur etwas von sich gegeben hat, sondern sich selbst gab.“

Wie oft hören wir Pfarrer, wenn wir jemand ansprechen mitzuhelfen, da zu sein, sich in die Pfarrgemeinde einzubringen: „Herr Pastor, ich würde das gerne tun, aber ich habe keine Zeit!“- übersetzt: „Ich habe keine Lust, kein Interesse!“ Und vielleicht ist das auch gut so, denn alles – gerade im Leben der Christengemeinde – , was nicht mit Herzblut, mit Liebe getan wird, wird keine Früchte tragen. Der Papst bittet um die Kraft der Liebe: Geht: die Kirche braucht euch.

Ohne Furcht“, sagt der Papst bei jener großen Messfeier. „Wenn wir gehen, um Christus zu verkünden, ist ER es selbst, der uns voran geht und uns führt. Als er seine Jünger aussandte hat er versprochen: Ich bin  bei euch alle Tage, bis zur Vollendung der Welt! Und das gilt auch für uns. Jesus lässt niemals und nimmer allein. Er begleitet uns immer!“

Ja, Angst umpfängt uns oft: Angst vor der Zukunft, Angst vor mir selber, Angst vor Vorgesetzen, Angst in all ihrer Macht und Wucht. Jeder kennt Angst und ihre Bedrohung. Die Worte „Fürchtet euch nicht!“- wie oft finden wir sie im Evangelium. „Maria, fürchte dich nicht! Du hast Gnade gefunden bei Gott. Du sollst die Mutter des Allerhöchsten werden!“

„Josef, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau anzunehmen, denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist!“

„Fürchtet euch nicht, ich verkünde euch eine große Freude: Heute ist euch der Heiland geboren, Christus der Herr!“

„Warum habt ihr solche Furcht“- ich bin da, sagt Jesus den Jüngern beim Seesturm auf dem See Genezareth.

„Fürchtet euch nicht: Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten, er ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat“- die Osterbotschaft. Angst gibt es zu viel in der Kirche: Angst vor Kirchenaustritten, Angst vor Geradlinigkeit, Angst vor leeren Klingelbeuteln, Angst, den Status zu verlieren.

Papst Franziskus hält dem die Furchtlosigkeit entgegen. „Geht, ohne Angst!- Wer evangelisiert, wird selbst evangelisiert und wer die Glaubensfreude weitergibt empfängt mehr Freude, fürchtet euch nicht, mit Christus großherzig zu sein und sein Evangelium zu bezeugen!“  Und „um zu dienen!“- sagte der Papst weiter!

„Servus servorum dei“ ist ein Titel, vielleicht der schönste und anspruchsvollste der Päpste. „Diener der Diener Gottes!“ – wie sehr verwirklicht Papst Franziskus diesen Papst-Titel.

Er beschließt seine Predigt. „um zu dienen“  und sagt: „Das Evangelium bringen heißt die Kraft Gottes bringen, um das Böse und die Gewalt auszureißen und niederzureißen, um eine neue Welt aufzubauen. Jesus rechnet mit euch! Der Papst rechnet mit euch. Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter, möge euch stets mit ihrer zärtlichen Liebe begleiten: Geht mach alle Völker zu meinen Jüngern!“

„Geht, ohne Furcht, um zu dienen!“ Möge die Furchtlosigkeit, die von Papst Franziskus ausgeht: keine Furcht vor den Zeremoniaren, keine Furcht protokollische Regeln zu verletzen, keine Furcht vor den sogenannten Mächtigen, keine Furcht auf die Menschen zuzugehen und die schwierigen Fragen unserer Zeit anzugehen, ja möge diese Furchtlosigkeit Einzug halten bei allen, die Verantwortung in der Kirche tragen, und auch „Diener der Diener Gottes“ sein sollen“!

Geht ohne Furcht um zu dienen!“

10. Punkt: es muss „sickern“

Zuspruch, Anerkennung und Solidarität: all dies strömt derzeit Papst Franziskus zu. Von den Medien, den Politikern, den Bischöfen, den vielen Menschen, die ihm begegnen. Seine Einfühlsamkeit, Bescheidenheit und vor allem die Einheit von dem, was er sagt und was er lebt, das beeindruckt die Kleinen und Großen in der Welt.

Das Beeindruckt sein ist aber nicht genug. Ja, da geht einer voran und da geht einer nach. Einer geht seiner Herde als bescheidener Hirt voran und einer geht dem obersten Hirten Christus nach.

Allen, die Franziskus und damit Christus nachgehen wollen, gilt nun die Aufforderung: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben“- das Wort des Herrn nach der Fußwaschung im Abendmahlsaal.

Nun heißt es „sickern lassen“ –nachahmen. Und der Papst scheut sich nicht ganz konkret darauf hinzuweisen: auf Luxuslimousinen seiner Bischöfe, auf den Verzicht von Titeln, wie „Monsignore“, „Prälat, „Protonotar“! Er vergibt diese Titel nicht mehr – sicher zum Wehklagen vieler, die die farbigen Soutanen schon bestellt haben. Doch:

Wenn die Kurie geschmälert wird – warum nicht endlich auch die Ordinariate? Brauchen wir wirklich so viele kirchliche Verbände mit Führungs-Elite, Fachstellen, Büros? Müssten wir nicht auch bei den vielen hauptamtlichen kirchlichen Berufsgruppen nicht genauer hinsehen und ihren Dienst für! – ich sage bewusst r die Kirche neu bewerten und notfalls korrigieren? Ist die Caritas der Gemeinde wirklich nicht mehr, als zwei Sonderkollekten im Jahr wert? Und überlassen wir den Dienst für die Altenheime, Geburtstagsbesuche, Weihnachtsaktionen eigentlich bewusst einer Handvoll älterer Frauen in unseren Gemeinden? Muss das nicht im Sinne des Papstes gerne und von Alt und Jung getragen werden?

Nochmals sage ich: „Keine Zeit!“ ist meist gleichzusetzten mit „Kein Interesse und keine Lust!

Ja, unser Papst macht es uns nicht leicht. Wenn einer so voran geht, dann heißt es neu das Bündel schnüren, Kurskorrektur und an die Brust klopfen.

Nach der Abschlussmesse an der Copacabana bei „Angelus-Gebet“ sagte der Papst, nachdem er die Jugendlichen ausgesandt hatte und zum nächsten Weltjugendtag 2016 in Polen, in die ehemalige Bischofsstadt des seligen Papstes Johannes Paul eingeladen hatte:
„Fürchtet euch niemals, mit Christus großherzig zu sein! Es lohnt sich! Hinausgehen und mit Mut und Großmut aufbrechen, damit jeder Mensch dem Herrn begegnen kann!“

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Schwestern und Brüder!

„Die Kirche ist jung und die Kirche lebt!“- mit diesem Wort von Papst Benedikt XVI habe ich begonnen. Vielleicht haben Sie etwas davon in Ihrem Herzen gespürt, wie Papst Franziskus dieses Wort seines Vorgängers weiterführt. Seine Worte vom Weltjugendtag 2013 waren zunächst an junge Menschen gerichtet. Ich meine aber, sie waren an alle Menschen gerichtet, an alle katholische Christen, die eine junge eine lebendige Kirche wollen.

10 Punkte habe ich aufgestellt. Ganz bescheiden sage ich, vielleicht an andere 10 Punkte (Gebote) erinnernd, die das Leben der Menschen und Christen erleichtern sollen.

Wie die Gebote Gottes vom Sinai die Menschen zur Freiheit der Kinder Gottes führen, so will Papst Franziskus uns in seiner Verkündigung frei machen, von Zwängen, von falschen Ansprüchen und von Schätzen, die vor Gott nicht zählen.

„Franziskus, baue meine Kirche auf!“- so sprach Jesus einst vom Kreuz in San Damiano zum Heiligen Franz. Helfen wir durch unser Gebet, unser Tun und unsere Hingabe unserem Papst Franziskus heute die Kirche aufzubauen- unsere Kirche, in dem wir uns vornehmen:

1. Füg Christus hinzu

2. sei Hoffnungsbringer

3. Bete um das „ Land des Heiligen Kreuzes“

4. Trinke keinen Glaubensmix

5. Bedenke:  Die Treue zu Jesus bringt Frucht

6. Danke für die „Mutter Kirche“

7. Lass dich von Gott überraschen

8.Trainiere auf dem Spielfeld Jesu

9. Geh ohne Furcht um zu dienen

10. UND: all das muss sickern.

Liebe Schwestern und Brüder, stellen wir Papst Franziskus und uns alle unter den Segen der Gottesmutter, die er so sehr verehrt und der er sich und die Welt am Fatimatag, dem 13. Oktober 2013 mit diesem Weihegebet anvertraut hat:

Selige Jungfrau von Fatima, mit erneuter Dankbarkeit für deine mütterliche Gegenwart fügen wir uns ein in den Chor all jener Generationen, die dich seligpreisen.  In dir verherrlichen wir die großen Werke Gottes, dessen Barmherzigkeit nie aufhört, sich zu den vom Bösen und von der Sünde befallenen Menschen zu beugen und ihnen Heilung und Rettung zu schenken.  Nimm unseren heutigen Akt der vertrauensvollen Hinwendung vor deinem Bild, das uns so lieb ist, mit mütterlicher Güte an. Eingedenk der Kostbarkeit eines jeden von uns in deinen Augen, und in der Gewissheit,  dass dir nichts von dem verborgen bleibt, was unser Herz bewohnt, lassen wir uns von deinem süßen Blick erreichen und empfangen die tröstende Zärtlichkeit deines Lächelns. Behüte unser Leben in deinen Armen:  Segne und stärke jeden Wunsch des Guten; erneuere und nähre unseren Glauben; erhalte und erleuchte die Hoffnung. Erwirke und belebe die Barmherzigkeit;  gib uns Führung auf dem Weg der Heiligkeit.  Lehre uns deine bevorzugte Liebe zu den Armen und Kleinen, zu den Ausgeschlossenen und Leidenden, zu den Sündern und im Herzen Verirrten. Vereine uns alle unter deinem Schutz und übergib uns deinem geliebten Sohn, unserem Herrn Jesus Christus!

Und ich schließe mit den Worten von Papst Franziskus bei der Vigilfeier von Rio, als er all denen zurief, die eine junge und lebendige Kirche gestalten wollen:

„ Seid keine Teilzeitchristen, keine Spießer, nicht nur Fassade, seid keine Spießer: seid authentisch!“

 Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Saarlouis,  St. Ludwig am 27. Oktober 2013

Pfarrer Ralf Hiebert

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