Das Gewissen ist keine Allzweckwaffe

Karl Feser ist Pfarrer im unterfränkischen Bad Königshofen. Feser ist einer der fünf Sprecher der „Pfarrerinitiative Deutschland“ von rund 800 Priestern und Diakonen. Die Initiative fordert eine Abkehr von „absolutistischen Strukturen“ in der katholischen Kirche. Das Instrument zur Durchsetzung der Forderungen ist die Berufung auf das eigene Gewissen. Ist das möglich? Nur bedingt! Auf die Frage „Bei der Priesterweihe haben sie ein Gehorsamsversprechen abgelegt – darf ein Priester dann seinem Bischof widersprechen?“ antwortete Pfarrer Feser: „Ja, wenn er seinem Gewissen folgt, kann er ihm widersprechen“ und auf die Frage „selbst, wenn es um grundlegende Fragen des Glaubens geht?“ sagt Feser: „Ja, normalerweise muss ich dem folgen, wovon ich überzeugt bin und wohin mich mein Gewissen führt. Das kann natürlich auch zu Konflikten führen. Die Bischöfe kommen oft sehr stark vom Kirchenrecht, aber, wenn man als Seelsorger mit Menschen zu tun hat, kann man nicht immer nach dem Recht gehen. Ich muss gucken: Was fördert Leben und was hindert Leben?“ Auf die Frage „nennen sie bitte ein Beispiel“, bringt Pfarrer Feser „konfessionsgemischte Ehen“, „und die gehen gemeinsam zur Kommunion“ und „wiederverheiratete Geschiedene“. Quelle: Augsburger Allgemeine Zeitung 19.11.13

Pfarrer Feser hat in einer Jahre dauernden theologischen Ausbildung die „absolutistische Struktur“ der Kirche kennen gelernt. Er hat sich nach reiflicher Überlegung mit freiem Willen zum Priester weihen lassen. Er hat dem Bischof ohne Zwang Gehorsam versprochen. Wo blieb da das Gewissen? Während der theologischen Ausbildung hatte übrigens Pfarrer Feser auch schon mit „Menschen zu tun“.

Das Gewissen bleibt letzte Instanz. Aber, was ist das Gewissen? Nach katholischer Lehre ist es „ein Urteil der Vernunft das ihm (dem Menschen) zum gegebenen Zeitpunkt gebietet das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Durch das Gewissen erfasst der Mensch, ob eine ausführende oder bereits vollbrachte Handlung sittlich gut oder schlecht ist, und kann die Verantwortung dafür übernehmen. Wenn er auf das Gewissen hört, kann der kluge Mensch die Stimme Gottes, der zu ihm spricht, vernehmen“ (Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Ziff 372). Damit das Gewissen „richtig und wahrhaftig ist“ muss es gebildet sein. Das geschieht „durch die Erziehung und durch die Aneignung des Wortes Gottes und der Lehre der Kirche“ (Kompendium, Ziff 374) denn sonst „kann das Gewissen Fehlurteile fällen“.

Jeder Mensch hat ein Gewissen. Dass es erstickt und verbogen werden kann, zeigt das reale Leben an vielen Beispielen. Wer möchte abstreiten, dass Kommunisten oder Nazis durch Propaganda verhetzt und veranlasst wurden, im Einklang mit ihrem Gewissen „Klassenfeinde“, „Untermenschen“, „Volksfeinde“ und „Volksschädlinge“ umzubringen. Das Gewissen ist keine Allzweckwaffe. Pfarrer Feser spricht vom „Kirchenrecht“ an das sich die Bischöfe klammern würden. Nun geht es bei dem von ihm angeführten Beispiel der geschiedenen Wiederverheirateten nicht um Kirchenrecht, sondern um die Weisung Jesu. Das Beispiel belegt nur, wie Pfarrer Feser die Lehre Jesu mit Rückgriff auf das Gewissen umgeht.

Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Das Gewissen ist keine Allzweckwaffe

  1. Der Begriff „Gewissensentscheidung“ wird heute in übelster Weise missbraucht, um jegliche Art moralischen Fehlverhaltens zu legitimieren. Das Gewissen aber braucht eine Norm um überhaupt zum Tragen zu kommen. So hat ein Christ keine Gewissensnöte, wenn er (in Maßen) Wein trinkt, bei einem gläubigen Moslem sollte sich das Gewissen allerdings melden. Es ist also in erster Linie entscheidend, welcher Norm ich mich verpflichtet fühle. Und so ist Ihr Hinweis auf die Nazis durchaus angebracht. Wer will Hitler absprechen, dass er bei der Judenvernichtung nicht nach seinem Gewissen gehandelt hat? Wie abwegig die heute bei allen ethischen Fragen immer ins Gespräch gebrachte Forderung ist, den Menschen nach seinem Gewissen entscheiden zu lassen, zeigt sich in der Frage der Abtreibung. Auch hier wird, wie z. B. von „Wir sind Kirche“, der Gewissensentscheidung der Frau eine höhere Priorität eingeräumt als dem Lebensrecht des Kindes. Wie absurd, das Lebensrecht eines Menschen von der „Gewissensentscheidung“ eines anderen abhängig zu machen! Es wäre interessant zu erfahren, wie die Öffentlichkeit regieren würde, wenn der Gesetzgeber das Autofahren nach Alkoholgenuss der Gewissensentscheidung des einzelnen überlässt und straffrei stellt. Ich bin mir sicher, es gäbe einen Aufschrei der Empörung, da man doch nicht zulassen kann, dass andere Menschen durch solches Tun gefährdet werden. Und bei der Abtreibung? Was Pfarrer Feser betrifft, so ist es ihm unbenommen, nach seinen Überzeugungen zu handeln, charakterlos aber ist es, sein Amt dann nicht niederzulegen. Wenn er als seine Handlungs- und Verkündigungsnorm nicht mehr die Lehre der Kirche akzeptiert, dann bricht sein Versprechen, das er bei der Priesterweihe abgelegt hat – die Lehre der Kirche war damals keine andere als heute – und belügt die ihm Anvertrauten. Gläubige Katholiken haben es endgültig satt von solchen Pfarrern ständig zu hören: „Die Kirche lehrt zwar, aber ich sage euch …“

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