Elvira Sanders – Opfer eines Protestes

Proteste gegen totalitäre Diktaturen bewirken oft das Gegenteil ihrer guten Absicht. Das mussten auch die katholisch getauften Juden in den Niederlanden bitter erfahren. Neben der heiligen Edith Stein und ihrer Schwester Rosa gehört auch Frau Elvira Sanders-Platz aus Köln zu den Tausenden von jüdischen Opfern eines gut gemeinten Protestes der katholischen Bischöfe. Frau Elvira Platz war als erfolgreiche Modistin schon in jungen Jahren nach Leiden in den Niederlanden gekommen, wo sie Abteilungsleiterin eines Kaufhauses wurde. In Leiden lernte Frau Platz ihren späteren Mann Joseph Sanders kennen. Dieser wusste durchaus um die Schwierigkeit einer Heirat zwischen Juden und Katholiken. Deshalb schrieb er ihr: „Wenn Deine Antwort ein Nein ist, wirst Du mir schnell Bescheid sagen.“ Im Falle eines Jawortes solle sie jedoch zunächst eine Zeitlang nach Köln zurück gehen und dort „einen ehrwürdigen katholischen Geistlichen“ konsultieren. Die Liebe der beiden beruhte auf einem tiefen Respekt voreinander. Im März 1918 wurden sie ein glückliches Ehepaar. Nach zwanzig harmonischen Ehejahren kam in Deutschland am 9. November 1938 die berüchtigte Reichskristallnacht. Elvira Sanders holte daraufhin sofort neun Verwandte aus Köln in das damals noch sichere Holland. Doch schon im Mai 1940 besetzten deutsche Truppen die neutralen Niederlande. Dem Militär folgten bald SS-Kommandos, die sofort gegen die Juden vorgingen. Im Februar 1942 protestierten die verschiedenen Kirchen in den Niederlanden gemeinsam bei der deutschen Besatzung gegen die Judenverfolgung. Dieser eher büromäßige Protest bewirkte leider nichts. Darüber hinaus ließen sich die calvinische und reformierte Konfession so einschüchtern, dass sie nicht mehr wagten, für ihre jüdischen Mitbürger einzutreten. Deshalb protestierten am Sonntag, den 26. Juli 1942 allein die katholischen Bischöfe in allen Kirchen mit einem gemeinsamen Hirtenwort gegen weitere Judentransporte ins Ausland. Frau Sanders-Platz hielt nun die Gefahr für abgewendet und freute sich. Doch Anne Frank war realistischer. Sie schrieb in ihrem berühmten Tagebuch: „Der Hirtenbrief ist großartig und feuert die Menschen an … Ob es hilft? Unseren Glaubensgenossen sicher nicht.“ Genau eine Woche später kam die Rache der SS-Leute. Nur die katholischen Juden wurden in einer Überraschungsaktion verhaftet und dann zur Vergasung nach Auschwitz abtransportiert, während die reformiert-evangelischen Juden bleiben durften. Noch vor dem Abtransport konnte Frau Sanders-Platz einen Brief aus dem Lager herausschmuggeln. Darin schrieb sie ihrer Schwägerin den ergreifenden Abschiedsbrief: „Du weißt meine Wünsche, hl. Messen, der Platz im Grab ist also für Dich. Ich werde wohl nicht mehr mit meinem so geliebten Mann zusammenruh‘n … Dies ist also meine Auserwählung, das Leiden unseres Herrn mitzutragen.“ Frau Elvira Sanders-Platz nahm ihr Schicksal als Teilhabe am Opfertod Jesu Christi an und starb in Auschwitz. Der negative Ausgang des dramatischen Protestes der Bischöfe in den Niederlanden bewog den damaligen Papst Pius XII. dazu, seinen schon vorbereiteten Protest gegen die Judenverfolgung nicht zu verkünden, sondern zu verbrennen, weil er mit einer satanischen Vergeltungsaktion rechnen musste. Nach dem Zeugnis des unverdächtigen jüdischen Schriftstellers und Theologen Prof. Pinchas Lapide wies er alle Klöster und kirchlichen Krankenhäuser an, gefährdete Juden aufzunehmen, zu verstecken und zu versorgen. Im Vatikan selbst ließ er viele geflüchtete Juden in päpstliche Polizeiuniformen kleiden, um sie so dem Zugriff der SS zu entziehen. Diese Hilfsaktionen wären nicht möglich gewesen, wenn er so anklagend wie die holländischen Bischöfe protestiert hätte. Bei seiner Weihnachtsansprache 1942 verurteilte er zwar die Vernichtung von „Hunderttausenden nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation oder Rasse.“ Aus Vorsicht nannte er jedoch keine Namen. Wie muss dieser Papst unter der Last seiner Verantwortung gelitten haben? Seine Sorge galt den Juden und den ebenfalls bedrohten Christen.

Eduard Werner

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Eine Antwort auf Elvira Sanders – Opfer eines Protestes

  1. Bazillus sagt:

    Danke für den Inhalt diesen Artikels. Er macht wieder einmal zutiefst deutlich, in welchem religiösen Dilemma Pius XII steckte. Seine Heiligkeit hat dieser Papst durch Aktionen wie den Schutz von Juden bewiesen, als andere davor gekniffen haben. Das öffentliche Wort konnte er nicht führen, da die Todesselektion die Juden, wie der Artikel deutlich ausführt, noch mehr getroffen hätte.

    Diese Situation damals ist vergleichbar mit der Märtyrersituation heutiger Christen in aller kommunistischen und islamischen Welt. Würde der Papst die ausgrenzenden z. B. die Islamdogmen, die ja auch in islamische Gesetzgebung münden wie Apostasiestrafe, öffentlich anprangern, wäre es um die Christen in islamischen Ländern endgültig geschehen sein. Der Unterschied zu damals ist, dass aber auch ohne diese anzuprangern, das Schicksal von Christen in islamischen Ländern ohne direktes Eingreifen des Heiligen Geistes Gottes in einigen Jahrzehnten besiegelt sein wird. Nur eine ehrliche innere Reformation innerhalb des Islams ist geeignet, der Diskriminierung von Minderheiten (auch der muslimischen Minderheiten) ein Ende zu setzen.
    Beten wir für die verfolgten Mitgeschwister und für alle verfolgten Menschen, ob sie wie die tapfere und mutige Frau Elvira Sanders-Platz im KZ umgekommen sind oder für alle Christen und Muslime, die dem islam-religiösen Ausgrenzungs-, Hass- und Machtwahn noch heute zum Opfer fallen oder ihren Glauben nur noch vereinzelt in Hauskirchen leben dürfen.
    Darum ist das Anbiedern der christlichen Führer an den Islam keine gute Botschaft. Sie sollten versuchen zu ergründen, ob Jesus ihrem Verhalten zugestimmt hätte. Das eindeutige Bekenntnis zu IHM scheint heute manchmal auf der Strecke zu bleiben. Religionen und Kulturen sind eben nicht immer gleich gut.

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