Missionarische Kirche oder im Wohlstand erstickt?

Papst Franziskus beginnt sein Apostolisches Schreiben vom 24. November 2013 mit dem Satz „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen“. Was seit der Auferstehung des Herrn die Aufgabe aller Christen ist, ist Hauptanliegen des Schreibens: Eine missionarische Kirche. Die Frage ist: Was steht ihr im Wege? Fehlende Freude, die keinen Impuls zum Aufbruch gibt, sowie „ausufernde Strukturen“ mit einem „immer stärkeren Bürokratismus“, in denen unsere „Wohlstandskirche erstickt“, wie Abt Notker Wolf diagnostiziert?
Allgemeine Feststellungen über den Zustand der Kirche helfen nur weiter, wenn sie konkretisiert werden. Zunächst ist „missionarisch“ ein Wort, das der säkularen Gesellschaft verdächtig erscheint, aber auch Katholiken nur schwer über die Lippen geht und in katholischen Gremien tabu ist.
Der Papst appelliert in seinem Schreiben an die Verantwortung jedes Einzelnen durch Taufe und Firmung: Niemandem, auch keinem Bischof ist erlaubt, sich hinter Kollektiven, Gremien, Ordinariaten oder Apparaten zu verschanzen, um seinem je eigenen Auftrag auszuweichen. Es gibt tatsächlich Ordinariate, die sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte zahlenmäßig verzwanzigfacht haben. Konnte der missionarische Geist damit Schritt halten? Wir haben ein durchstrukturiertes flächendeckendes Rätesystem von Laien, hierarchisch geordnet vom Pfarrgemeinderat bis zum ZDK. Wie stark ist ihr missionarische Geist in unserer Gesellschaft spürbar? Gleicht er dem Pfingststurm oder einem Säuseln, das niemand wehtut? Das sollten wir mit Papst Franziskus fragen.
„Die Perioden der Erneuerung der Kirche sind auch die Blütezeit der Katechese“, heißt es im Weltkatechismus (Ziff 8). Ist es noch die Verkündigung des ganzen und unverkürzten Evangeliums, wenn heikle Themen wie z.B. Tod, Gericht, Himmel und Hölle ausgespart werden? „Gehen wir denen nach, die sich von uns entfernt oder vielleicht noch für sich nicht entdeckt haben, welchen Schatz das Evangelium auch für sie bereit hält?“ fragt Bischof Voderholzer von Regensburg. Da wäre auch die seit Jahrzehnten fällige Gewissenserforschung hinsichtlich der Neuordnung des schulischen Religionsunterrichtes, der Priester- und Katechetenausbildung eine notwendige Konkretisierung allgemein angesprochener Defizite. Verantwortlich dafür sind die obersten Hirten und Lehrer in den Diözesen.
Die Kirche kümmert sich seit der Jerusalemer Urkirche um die sozialen Nöte der Menschen. Papst Franziskus erinnert mit einem Paukenschlag an das, was selbst in scheinbar gut geordneten Wohlfahrtsstaaten nicht in Ordnung ist. Sein Wort „Das ökonomische System ist in der Wurzel ungerecht“, mag manchem übertrieben erscheinen. Aber, um konkret zu werden: Kann man es noch als gerecht empfinden, wenn ein Manager mit 17 Mio. abgefunden wird, was dem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 1000 Rentnern entspricht?
Der Papst stört sich an der Globalisierung der Gleichgültigkeit, nicht nur im Fall der ertrunkenen Bootsflüchtlinge vor Lampedusa, sondern aller Bedrängten und Hilfesuchenden, einschließlich der weltweit verfolgten Christen. So wird sein Schreiben, wenn es aufgegriffen wird, zu einer Botschaft, „die das Herz und das gesamte Leben mit Freude erfüllt“ für die, die damit in Berührung kommen, aber auch für die Menschen, die sich auf den Weg machen.

Hubert Gindert

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