Die Analyse ist ergänzungsbedürftig

„Das Konzil hat die Kirche lasch gemacht“ ist ein Interview mit dem Philosophen Robert Spaemann in „Die Welt“ vom 26.10.2012 überschrieben. Überschrift und der Text des Beitrages erwecken den Eindruck, mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe sich die Finsternis über eine vitale kirchliche Landschaft ausgebreitet. Diese Charakterisierung erscheint ergänzungsbedürftig. Unbestritten ist ein Niedergang des kirchlichen Lebens nach dem Zweiten Vatikanum.
Spaemann stellt zunächst fest, das Konzil habe „eine Epoche des Niedergangs eingeleitet“. Er erinnert „dass tausende von Priestern schon während des Konzils ihren Dienst verlassen haben“. Aber, wie kann jemand so rasch seine Priesterberufung aufgeben, wenn er nicht schon vorher, d.h. in der Vorkonzilszeit, dem Zeitgeist zugeneigt war? Wenn „das Konzil Teil der Kulturrevolution“ war, die bei uns vor allem mit dem Jahr 1968 identifiziert wird, müssen auch Konzilsväter, bereits davon infiziert, in die Synodenaula gekommen sein.
Auf die Interviewfrage „Was stört sie am meisten?“ antwortet Spaemann… „es geht heute wirklich eher um das, was aus dem Konzil gemacht wurde“. Mit dieser Aussage kommen wir dem Problem näher. Selbst, wenn man konzidiert, dass es Textstellen des Zweiten Vatikanischen Konzils gibt, die optimistisch und andere, die nicht eindeutig formuliert sind, dann bleibt also ein Interpretationsspielraum, der dann dazu führen kann, was Spaemann mit dem Wort ausdrückt „was aus dem Konzil gemacht wurde“. Für die „Interpretation“, besser die authentische Auslegung der Konzilstexte sind die Bischöfe zuständig. Sie sind laut Konzilsdekret über die „Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche“ die „Träger der höchsten und vollen Gewalt über die ganze Kirche“. (Ziff. 4) …„bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu lehren, sollen sie den Menschen die Frohbotschaft Christi verkünden; das hat den Vorrang unter den hauptsächlichen Aufgaben der Bischöfe. In der Kraft des Geistes sollen sie die Menschen zum Glauben rufen oder im lebendigen Glauben stärken“. (Ziff. 12)
Wenn die Konzilstexte entgegen der Lehre der Kirche in Katechese, auf katholischen Akademien, im Religionsunterricht, von kirchlich anerkannten Gemeinschaften und Gremien uminterpretiert wurden, waren und sind die Bischöfe in der Pflicht, korrigierend einzugreifen. Dazu haben sie jede Kompetenz. Die Ursache für Fehlentwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil liegt also auf der Hand.
Es kann aber nicht richtig sein, das Kind mit dem Bade auszuschütten, d.h. das Zweite Vatikanische Konzil für den Niedergang des kirchlichen Lebens pauschal verantwortlich zu machen. Papst Benedikt XVI. tut dies nicht. 50 Jahre nach Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils spricht Benedikt XVI. von der „großen Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche“. (Apostolisches Schreiben Porta fidei) Wäre es anders, dann hätte es keinen Sinn positiv an die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und an den Katechismus, eine wichtige Frucht des Zweiten Vatikanums zu erinnern und dazu aufzurufen, das Anliegen des Konzils aufzugreifen und umzusetzen. Es wäre außerdem unverständlich von den Piusbrüdern die Annahme des Zweiten Vatikanischen Konzils insgesamt zu verlangen. Und auch Robert Spaemann äußert ja im Interview …“vielleicht wird man ja einmal wieder anfangen, die Originaltexte zu lesen“ und hoffentlich richtig interpretieren.

Prof. Dr. Hubert Gindert

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