Sie wollen leben wie alle und nicht gegen den Strom schwimmen

Das Ergebnis der Umfrage zu Ehe und Familie, das die Bischöfe in den Diözesen in Umlauf gebracht haben, wurde in den Medien breit kommentiert.
Überschriften und Schlagzeilen lauteten: „Die Kirchenlehre ist weit weg vom Alltag“, „Die Kirche redet an den Gläubigen vorbei“, „Katholiken hadern mit der Sexualmoral der Kirche“, zu „idealisierend und lebensfern“ ect.
Dass die Medien die römisch-katholische Kirche als letztes Bollwerk und Hindernis gegen den Zeitgeist sehen und entsprechend kommentieren überrascht nicht, wohl aber dass Bischöfe völlig aus dem Tritt kommen und sogar öffentlich die Lehre der Kirche relativieren. Solche Bischöfe zeigen, dass sie dem Druck des Zeitgeistes nicht mehr standhalten. Sie tragen zur geistigen Verwirrung bei. Kannten die Bischöfe den diesbezüglichen Zustand der ihnen anvertrauten Diözesen nicht, obwohl es doch seriöse repräsentative Umfragen gibt, die ähnliche Ergebnisse wie die Umfrage gebracht haben?

Angesichts der Umfrageergebnisse stellen sich drei Fragen:

· Stimmen sie mit der Wirklichkeit überein?

· Wenn ja, sind die Katholiken, die sich von der Lehre der Kirche zu Ehe und Familie emanzipiert haben, dadurch freier, zufriedener und in ihrem Verhalten gegenüber den Anforderungen, die das Leben stellt, stabiler geworden?

· Was hat die Verhaltensänderung der Katholiken verursacht?

Wer Verantwortung eigentlich gegenüber den Menschen empfindet, kann bei Frage eins nicht stehen bleiben.
„Die kirchlichen Aussagen zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, zur Homosexualität, zu wiederverheirateten Geschiedenen und zur Geburtenregelung finden kaum Akzeptanz oder werden überwiegend abgelehnt“, lautet eine Kernaussage der Umfrage. (Neue PassauerPresse 4.2.14) Wenn dem so ist, dann „hadern“ eigentlich diese Katholiken nicht mit der kirchlichen Lehre. Sie beachten sie nicht mehr oder weisen sie „explizit“ zurück. Sie haben sich zu einem hohen Prozentsatz von der Ehelehre und Sexualmoral der Kirche „befreit“. Und da sich diese Lehre auf Gebote Gottes und die Aussagen des Evangeliums stützt, heißt dies, nüchtern betrachtet, dass die Mehrheit der Katholiken lebt, als ob es Gott nicht gäbe, wie das einmal Johannes Paul II. formuliert hat. Ist ein solches Verhalten nur ein „verschlamptes“ Christentum oder, ist es, präziser gefragt, nur mehr ein übertünchtes Heidentum, das statistisch noch als „katholisch“ geführt wird. Der junge Theologe Joseph Ratzinger hat 1958 (!) geäußert: „Nach der Religionsstatistik ist das alte Europa noch immer ein fast vollständiger christlicher Erdteil. Aber es gibt wohl kaum einen zweiten Fall, in dem jeder Mann so genau wie hier weiß, dass die Statistik täuscht: Dieses dem Namen nach christliche Europa ist… zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht. Das Erscheinungsbild der Kirche der Neuzeit ist wesentlich davon bestimmt, dass sie auf eine ganz neue Weise Kirche der Heiden geworden ist und noch immer mehr wird: Nicht wie einst, Kirche aus den Heiden, die zu Christen geworden sind, sondern Kirche von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden. Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst, und gerade das ist das Kennzeichnende sowohl der Kirche unserer Tage, wie auch des neuen Heidentums, das es sich um ein Heidentum in der Kirche handelt und um eine Kirche, in deren Herzen das Heidentum lebt.“

Halten wir fest die Umfrageergebnisse stimmen weithin mit der Wirklichkeit überein. Die Katholiken, die sich bemühen, nach der kirchlichen Lehre zu leben, sind eine kleine Herde.

Die meisten Katholiken wollen leben „wie alle anderen“. Vielleicht spüren sie einen Unterlegenheitskomplex gegenüber denen, die sich voll dem Zeitgeist angepaßt haben. Haben sie aber damit einen „Befreiungsschlag“ vollzogen? In Kommentaren zur o. a. Umfrage wird darauf hingewiesen, dass sich die Scheidungszahlen, die Wertung von Abtreibung etc. bei Katholiken nicht mehr wesentlich von der anderer Bevölkerungsgruppen unterscheide. Sind nun die Katholiken, die sich von der „lebensfernen“, „unbarmherzigen Verbotsethik“ emanzipiert haben befreiter, zufriedener und lebensfroher geworden? Sind sie stabiler geworden gegenüber den alltäglichen Problemen oder den diversen Abhängigkeiten und Süchten? Das ist eine berechtigte Frage, die die Gesellschaft interessieren müsste! Wir hätten gerne eine Antwort darauf.
Wenn Katholiken wie „alle“ leben, dann treffen auf sie auch die allgemeinen statistischen Befunde zu. Danach leiden immer mehr Menschen, z. T. schon in jungem Alter, an Depressionen, psychischen Erkrankungen, Isolierung und an vielen Abhängigkeiten von Alkohol, Drogen, Spielsucht ect. Wer in der Not auf sich selbst zurückgeworfen ist, der ist schnell vereinsamt. Intakte Familien, in denen sich die Menschen aufeinander verlassen können, puffern Schwierigkeiten und Schläge von außen besser ab als brüchige Beziehungen zwischen so genannten Lebensabschnittspartnern. Ist das nun „idealisierend und lebensfern“ oder nicht doch „realitätsbezogen und lebensnah“? Scheidungen, bei denen Ehepartner keinen Weg mehr zueinander finden, um Probleme zu lösen, sollte man nicht als „Befreiung“ hochstilisieren. Tatsächlich sind sie eine Niederlage.

Fazit: Die außerhalb der kirchlichen Ehelehre oder Sexualmoral lebenden Katholiken stehen im Trend der säkularen Gesellschaft und diese ist gegenüber früher nicht lebenskräftiger, glücklicher und geistig stabiler geworden.
Bleibt die Frage, was hat dazu geführt, dass die statistisch noch katholisch geltende Bevölkerung ihre Haltung zur kirchlichen Ehelehre radikal geändert hat? Bekannt ist die zunehmende Kirchenferne, die sich objektiv am sonntäglichen Gottesdienstbesuch messen lässt. Sie betrug in der Bundesrepublik Deutschland 1950 noch 50,4%. Zehn Jahre später waren es noch 46,2%, 1970 nur mehr 37,5%. Das Jahr der Kulturrevolution 1968 markiert einen Wendepunkt. Heute wird der sonntägliche Kirchenmessbesuch mit rund 10% angegeben. Mit dem Rückgang des Gottesdienstbesuches ist auch der direkte Kontakt mit der Botschaft, die in den Lesungen verkündet, immer wird dünner geworden. Wobei die authentische Interpretation des unverkürzten und unverfälschten Textes und die Anwendung auf das praktische Christenleben entscheidend sind. Es wäre interessant, wenn Kirchgänger befragt würden, wann sie das letzte Mal die Ehelehre der Kirche und ihre Position zu den Reizthemen, wie den geschiedenen Wiederverheirateten, zum vorehelichen Zusammenleben, zur Homosexualität ect. gehört haben. Wer den Glauben der Kirche nicht kennt, kann ihn auch nicht praktizieren.

Zur realistischen Sicht gehört für einen Christen auch das Kreuz. Auch das ist ein vernachlässigtes Predigtthema. Papst Franziskus hat in seiner ersten Rede vor den Kardinälen geäußert: „Wenn wir ohne das Kreuz vorangehen, ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne das Kreuz bekennen, sind wir keine Jünger des Herrn“.

Die Päpste, insbesondere Johannes Paul II. haben sich einfühlsam und tiefgehend zu Ehe und Familie geäußert (Familiaris consortio, 1981; Donum vitae, 1987; Brief an die Familie, 1994). Norbert Martin, der mit seiner Frau Renate Mitglied des Päpstlichen Rates für die Familie ist, spricht von „eklatanten Versäumnissen“ und „schwerwiegenden Unterlassungen“ in der Verbreitung der päpstlichen Botschaft zu Ehe und Familie. Martin fragt, warum wurde „keine Lesehilfe auf der Ebene der Bischofskonferenz“ erstellt und moniert die fehlende “pastorale Aufbereitung der päpstlichen Schreiben durch Pastoralstellen der Diözesen“ (Tagespost,8.2.14)
Verschwiegen kann schließlich nicht werden, dass katholische Verbände wie das ZdK , der BdkJ und Frauenverbände Positionen der katholischen Ehelehre und der Sexuallehre relativiert und in Frage gestellt haben. Als Beispiel und Beleg dafür wird das 30-seitige Positionspapier „Sexsplitter“ erwähnt, das 1996 unter der Leitung des damaligen Vorsitzenden des BdkJ der Diözese Würzburg von einer elfköpfigen Arbeitsgemeinschaft, darunter ein Domkapitular als Vertreter der Bistumsleitung, sowie einem Professor der katholischen Morallehre der Universität Würzburg, herausgegeben wurde. In diesem Positionspapier haben wir eine weitestgehende Gleichsetzung der Formen des Zusammenlebens mit der Ehe und der Sexuallehre. Trotz massiver Proteste sprach der damalige Würzburger Bischof dem hauptverantwortlichen BdkJ-Vorsitzenden in der Kirchenzeitung seiner Diözese sein Vertrauen aus.

Die Bischöfe haben die Aufgabe die Gläubigen zu ermutigen und Wege aufzuzeigen nach dem Evangelium zu leben. Wenn sie ihnen das nicht mehr zutrauen, machen sie die Menschen nicht größer, sondern kleiner. Sie tragen zur geistigen Verzwergung derer bei, die sie aufwärts führen sollen. Für den Abstieg in die Niederungen werden sie nicht gebraucht. Die Kirche soll barmherzig sein. Richtig! Barmherzigkeit brauchen wir alle. Aber zuerst sollte doch das Bemühen stehen nach dem Evangelium Christi zu leben. Man kann schließlich nicht zuerst die Parole Kapitulation ausgeben und danach die zu kämpfen.

Hubert Gindert

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3 Antworten auf Sie wollen leben wie alle und nicht gegen den Strom schwimmen

  1. Kemmer, Hermann-Josef sagt:

    Die Antwort ist wirklich nicht schwer. Als ich 1980 geheiratet habe, sagte uns der Pfarrer bereits, dass 95 % der Katholiken vorehelichen Verkehr gehabt hätten.
    Ich denke, wir müssen die geistige Verzwergung (toller Ausdruck) besser in die Gesamtlehre der Kirche hier in Deutschland einbetten. Immer verschwommener wurden Begriffe wie Schuld, Sünde, Umkehr, Hölle und Purgatorium. Sie wurden nicht mehr theologisch begründet, sondern eher psychologisch bis hin zur Deformierung hin zur bloßen Methpher. Uns wurde der „befreite“ Glaube propagiert, der direkt in die Arme Jesu führt, wenn wir gestorben sind. Wenn aber der „befreite“ Glaube keine Läuterung im Jenseits mehr kennt, warum soll sich ein Christ – ein Katholik – noch als Nachfolger des Kreuzes sehen, hinter dem er herlaufen soll? Er kann Jesus als Schmetterling betrachten ohne tiefere Ansprüche. Er hat uns erlöst und wir können im Grunde glauben, was wir wollen. Die Relativität des Glaubens ist angebrochen und somit konnte der Katechismus marginalisiert werden, Gnadengaben Gottes fließen auch ohne unser Zutun, schließlich sind wir alle erlöst ohne einen Finger rühren zu müssen. Alle kommen in den Himmel und gut ist. Das 2. Vatikanum hat nicht viele Fehler gemacht, aber einen. Es hat letztlich das Tor zum Gottesrelativismus eröffnet, indem es sich dazu hat hinreißen lassen, den Dreifaltigen Gott mit dem Gott der Muslime ähnlich (nur noch unterscheidbar mit verschiedenen Zugangskriterien) oder sogar eins werden zu lassen. Das war dann der Aufmacher des göttlichen Relativismus. Wenn ich nicht mehr durch Jesus zum Vater kommen kann, so kann ich es durch Mohammed. Das war die Fanfare zum Glaubensrelativismus. Wenn ich also muslimsichen Glaubens bin, der genauso wertvoll ist, warum soll ich dann katholisch bleiben? Die Ehe und Familiendebatte ist letztlich die Frucht einer Nichtverkündung katholischer Werte. Für orthodoxe Christen ist die Jungfräulichkeit bis zur Ehe eine Selbstverständlichkeit. Eine Abkehr hiervon wäre im muslimischen Umfeld noch tödlicher. Wir aber haben nicht nur politisch eine Ära des Friedens erlebt. Christen im msulimischen Umfeld erleben jedoch Verfolgung und Diskriminierung. In einem solchen Klima scheint das Bewusstsein für die Forderungen Jesu noch ursprünglicher zu sein. Die kath. Kirche hat hier in Deutschland in diesen Fragen seit Jahrzehnten versagt, leider. Es scheint aber auch wohl so zu sein, dass es schwerer ist, den kath. Glauben in einem Klima der relativistisch-nihilistischen Beliebigkeiten zu lehren als in Verfolgungssituation. Es ist einfach nur schade, dass der Mensch offensichtlich Druck braucht, um seine Identifikation nicht zu verlieren. Wirklich schade. Die Herausstellung des Dankes für Selbstverständlichkeiten würde die Schwächen Gott gegenüber vielleicht wieder bewusst machen.

  2. Lino Reis sagt:

    Auf katholisches.info befindet sich zum Thema Gender-Ideologie ein wichtiges Kommentar einer gewissen Cleo, aus der Schweiz. Was dieser Person dort beschreibt ist glaubwürdig und macht mir grosse Sorge und auch Angst.

    Ich möchte meine Kinder christlich erzogen wissen, ohne jegliche Indoktrination linker gefährlicher Ideologen. Wo ist das noch möglich? In diesem ehemals christlichen Land? Der Staat ist mein Gegner geworden. Der Feind hat den Staatsapparat infiltriert. Viele Christen merken ja noch nicht einmal, dass man sie bekämpft und sie bereits am Boden liegen.

    Wer besitzt heute noch Schamgefühl?

    Zu Ihrer 1. Frage:
    Den Medien verdienen unser Vertrauen nicht. Dieser Art Statistik ist unwichtig. Christliche Werte haben jeglichen Fortschritt überholt und sind nicht zu verbessern.
    Sie sind zeitlos schön. Auch ist die Katholische Kirche kein demokratischer Verein.

    2. Frage:
    Eindeutig nein. Und darüber wird viel zu wenig gesprochen. Die Kehrseite dieser Medaille ist ausgesprochen hässlich. An Material fehlt es nicht, umso befremdlicher ist es, dass Menschen, die jegliche Scham verloren haben, nicht darüber sprechen. Gebrochene Herzen, Verschiebung und Hinauszögerung des Erwachsenenwerdens, infantile Verhaltensweisen unter Erwachsenen. Beschäftigung mit Irrelevantem. Drogen. Orientierungslosigkeit. Et cetera.

    3. Frage:
    Es ist heute außerordentlich schwer eine gute und ernsthafte Predigt hören zu dürfen. Man findet diese nur noch punktuell in diesem wunderschönen Land. Ohne Internet wäre die Lage noch viel schlimmer. Ich habe dieses Wohlfühl-Christentum und diese Lügen satt

    Oder, warum leben wir in einer Zeit, in der ein Teil dieser Bevölkerung und diejenigen an den Schalthebeln der Macht, ernsthaft dem (nachweislich falschen) Glauben anhängt, sie könne das Klima bändigen? Wir reden vom Klima, wohlgemerkt.

    Wieso lassen es Menschen zu, dass die BIBEL diskreditiert wird? Früher konnte ich meine BIBEL nicht verteidigen, rational. Obwohl ich die Gemeinheiten des Gegners erahnte, war ich nicht in der Lage diesem Paroli zu geben. Heute kann ich es, weil ich es will. Der Gegner hat nicht mehr den Hauch einer Chance.

    Man mag von den Muslimen und dem Koran halten was man will. Aber deren Kompromisslosigkeit imponiert.

    Die Katholische Kirche hat zu viel schlechtes Personal. Das Material ist ausgezeichnet.

    Dieser Blog ist eine erfrischende Ausnahme.

  3. Eduard Werner sagt:

    Wenn nur noch Minderheiten die Zehn Gebote und die Gesetze der Natur beachten, hat die ganze Gesellschaft für die Zukunft schlechte Karten. Unsere Gesellschaft wäre nicht die erste, die an ihrer Maßlosigkeit zugrunde geht. Beim langsamen Untergang des Römischen Reiches dauerte es Jahrhunderte, bis das Wirken eines Ambrosius von Mailand und eines Benedikt von Nursia allgemein Früchte trug. Das kann uns hoffen lassen, auch wenn wir den Wiederaufstieg nicht selbst erleben werden.

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