Keine Verfälschung der Geschichte!

Konrad Löw: Adenauer hatte recht. Warum verfinstert sich das Bild der unter Hitler lebenden Deutschen? Mit einem Schlusswort von Alfred de Zayas. Verlag Inspiration Un Limited London/Berlin 2014, Seiten 204, ISBN 978-3-9812110-8-5. Preis 14,90 Euro

Der Autor untersucht, wie die Geschichtskenntnisse der Deutschen innerhalb von 50 Jahren ins Gegenteil umschlagen konnten. Waren wirklich alle Deutschen Antisemiten? Noch 1953 erklärte Bundeskanzler Adenauer vor dem Deutschen Bundestag: „Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden verübten Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt …“ Das Protokoll vermerkt: „Lebhafter Beifall im ganzen Haus außer bei der KPD und der äußersten Rechten.“ An der Formulierung dieser feierlichen Erklärung hatten Repräsentanten des Judentums mitgewirkt und sie gebilligt.
Konrad Löw belegt die Feststellung Adenauers u.a. auch mit zahlreichen unwiderlegbaren Zeugnissen verfolgter Juden, die das Grauen überlebt haben. Gerade sie sind unverdächtige Zeugen. Dennoch werden heute die Erklärung Adenauers und die einschlägigen jüdischen Zeugnisse von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ vehement bestritten. Stattdessen versucht man eine Kollektivschuldthese zu konstruieren. Warum wohl?
Der Autor sieht eine der Wurzeln für die Kollektivschuldthese bereits in der NS-Ideologie kurz vor dem Kriegsende. Damals war die übermächtige nationalsozialistische Staatspropaganda von einer fiktiven Volksgemeinschaft geprägt, die Goebbels in eine wiederum fiktive Schicksalsgemeinschaft vor der bereits drohenden Niederlage ummünzte. Von Goebbels Propaganda wurden vor allem jene erfasst, die sich in der späteren Bundesrepublik als tonangebende Meinungsmacher etablieren konnten. Diese nationalsozialistische Volksgemeinschaft erschien nur oberflächlichen Beobachtern als eine Einheit, weil sich die Mehrheit verständlicherweise angesichts des Terrors zurückhalten musste. Nach dem Krieg verheimlichten die ehemaligen Nazis oft ihre frühere Begeisterung für die NS-Ideologie. Sie dachten aber weiterhin totalitär – zwar nicht mehr national, aber weiterhin sozialistisch-totalitär. Vorreiter dieser Meinungsmacher waren Dieter Hildebrand, Walter Jens, Werner Höfer und viele andere.
Viele Opfer des NS-Regimes wie Johannes Neuhäusler und Eugen Weiler thematisierten unmittelbar nach ihrer Befreiung den Widerstand im Volk, so dass Adenauers Feststellung auf breite Zustimmung stieß. Heute werden die Zeugen des Widerstandes leider nur vereinzelt wahrgenommen, was der Legendenbildung über das deutsche Volk natürlich entgegenkommt. Der Autor zitiert u.a. den Zeitzeugen Bernhard Ücker, der eine neue Bewältigungsindustrie am Werk sieht.
Der Rezensent vermutet eine weitere Wurzel der Kollektivschuldthese in der Enttäuschung der Linken darüber, dass sich ihre idealen Vorstellungen vom Kommunismus als schmerzliche Täuschung herausstellten. Ihre Wut richtete sich nun gegen alles, was nicht kommunistisch war, gegen die erfolgreiche Westintegration, gegen das Wirtschaftswunder und gegen die Soziale Marktwirtschaft.
Die Vertreter der Kollektivschuldthese behaupten vor allem, dass nur wenige gegen das NS-System und vor allem gegen die Judenverfolgung protestiert hätten. Doch waren in den Gefängnissen und KZs viele Christen und Sozialisten, weil sie Juden geholfen hatten oder gegen das System opponiert hatten. Hätten denn noch mehr leiden und sterben sollen, ohne etwas zu erreichen? Die Kollektivschuldpropagandisten übertragen leider heutige Möglichkeiten des Protestes auf die bleihaltige Hitler-Zeit.
Überdies führt Löw die einschlägigen Vorgaben des Katechismus der katholischen Kirche an. Wäre ein Protest angesichts des Terrors, angesichts des fast sicheren Todes überhaupt zu verantworten gewesen? Die Kirche nennt als Vorbedingung für einen aktiven Widerstand die Aussicht auf Erfolg, dass sich die Lage dadurch nicht verschlechtere, sondern verbessere. Wer diese Aussicht auf Erfolg bejaht, verharmlost die Schlagkraft der Gestapo und der SS. Vor allem kennt er die Opfer der Judenhelfer im politischen und im kirchlichen Bereich nicht. Doch Tatsachen sind unerwünscht, wenn man eine Ideologie verbreiten will. Der selige Pater Rupert Mayer und Kardinal Faulhaber forderten bei ihren kritischen Ansprachen ihre Zuhörer auf, von Beifall abzusehen und schweigend nach Hause zu gehen, um den Nazis keinen Anlass zur Verhaftung zu geben. –
Insgesamt ein mutiges Buch, in dem mit Geduld und Akribie erstaunliche Fakten zusammengetragen wurden. Sehr zu empfehlen.

Eduard Werner

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2 Antworten auf Keine Verfälschung der Geschichte!

  1. Friedrich Schäfer sagt:

    Dass Vorreiter dieser Meinungsmacher an- wie angegeben – Dieter Hildebrand, Walter Jens, Werner Höfer und viele andere waren, erstaunt mich sehr. Ebenso, dass dies aus dem Artikel für mich in keiner Weise nachvollziehbar ist. Liegt es an meiner fehlenden Allgemeinbildung?
    Auch scheint mir die (unausgesprochen) Gleichsetzung von „links“ und totalitär doch wert, mit 2 – 3 Sätzen begründet zu werden.

    • Eduard Werner sagt:

      Sehr geehrter Herr Schäfer,
      ich wollte keineswegs „links“ und „totalitär“ gleichsetzen. Totalitäres Gedankengut gibt es sowohl bei den „Linken“, als auch bei den „Rechten“.
      Beide Extreme halte ich für gleich gefährlich und in ihrer Radikalität sogar für verwandt. Einseitige Meinungsmacher waren viele, nicht nur die Genannten.
      Hierzu gehören sogar Nobel-Preisträger. Nicht dass sich einer mit 18 Jahren freiwllig zur Waffen SS gemeldet hat und später zum sankrosancten Moralapostel der Bundesrepublik wurde, sondern dass der gleiche Herr dem damaligen BUndeswirtschaftsminister Schiller auffordern konnte, er solle sich zu seiner NSDAP-MItgliedschaft bekennen, während er (Herr Grass) gleichzeitig „vergaß“, sich zu seiner freiwilligen SS-Mitgliedschaft zu bekennen. Dieses Fehlverhalten hat die „veröffentlichte Meinung“ barmherzig und einseitig zugedeckt. Ein anderer Nobelpreisträger schwärmte 1942 in seinen Feldpostbriefen von der fruchtbaren Erde in der Ukraine als einer „potentiellen Kolonie“ Deutschlands“. – Leider kann man in einer kurzen Buchbesprechung nicht alle Zusammenhänge und Einseitigkeiten darlegen. Das besprochene Buch kann das sehr viel ausführlicher. Lesen Sie es!

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