Die Krise der Kirche unumkehrbar – oder „gewaltige Chance zur Bekehrung?

Die christlichen Kirchen müssen nach Einschätzung von Wissenschaftlern selbst bei intensiven Reformbemühungen weiter mit sinkenden Mitgliederzahlen rechnen. „Der Mitgliederschwund ist nahezu unaufhaltsam. Auch Reformsignale von Papst Franziskus und Neuerungen in den evangelischen Landeskirchen halten den Trend nicht auf“, erklärte der Religionssoziologe Detlef Pollack vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Universität Münster. (Kath.Net, 02.11.13)
Schwerer als der Einfluss aller kirchlichen Bemühungen wiege die gesellschaftliche Entwicklung. „Das Wohlstands- und Bildungsniveau ist so hoch und die soziale Absicherung so gut, dass immer weniger Menschen die seelsorgerlichen und sozialen Angebote der Kirchen nachfragen“ .Ein entscheidendes Motiv für die Kirchenaustritte sind finanzielle Erwägungen. (Pollack)
Diejenigen in der Kirche, die sowieso nichts von Neuevangelisierung halten, weil sie dann von ihren Fleischtöpfen aufbrechen müssten, werden sich in ihrer Haltung vielleicht bestätigt sehen. Die Frage bleibt, ob die Analyse der Soziologen den Kern des Problems sieht.
Die Kirche wird nach Pollack vor allem als Sozial- und Serviceagentur wahrgenommen, die in Konkurrenz zu Wohlfahrtseinrichtungen wie Rotes Kreuz oder zu staatlichen Sozialleistungen steht. Decken letztere die vorhandenen Bedürfnisse ab, wird Kirche demnach überflüssig.
Wenn selbst „intensive Reformbemühungen“ den Mitgliederschwund nicht aufhalten, wie Pollack sagt, so muss man sich zunächst vergegenwärtigen, dass unter „Reformen“ üblicherweise Strukturreformen (mehr Demokratie in der Kirche) oder das Nachgeben gegenüber sogenannten Reizthemen (Zölibat, Frauendiakonat und Zulassung zur Priesterweihe, geschiedene Wiederverheiratete etc.) verstanden werden. Alle diese „Probleme“ sind bei den Protestanten im Sinne der Forderungen gelöst. Trotzdem ist dort der Mitgliederrückgang größer als bei den Katholiken. Diese „Reformforderungen“ interessieren  bei den Katholiken vor allem Funktionäre der Kirche. Die Frage bleibt, ob die aus der Kirche Austretenden etwas vermissen, das sie suchen, aber dort nicht (mehr) finden können. Esoterische Sinnangebote und der Kult mit Magie boomen und finden reißenden Absatz. Dass viele Menschen heute nicht mehr wissen, was der Mensch und der Sinn seines Lebens ist, bestätigen Umfragen. Aber auch so bewegende Themen, wie der Tod und was danach kommt, sind in der Kirche weithin tabuisiert.

Der Leiter des „Augsburger Gebetszentrums“ Dr. Johannes Hartl stellt aufgrund jahrelanger Erfahrungen, insbesondere mit Jugendlichen, fest: „Die gegenwärtige Krise (der Kirche) wäre eine gewaltige Chance zu einer echten Bekehrung“ (KathNet 12.02.14). Auch Hartl geht davon aus, dass „die Volkskirche stirbt“. Er sieht dafür aber andere Gründe als Pollack: „Wenn die Leiter der Kirche jetzt die Zeichen der Zeit erkennen, werden sie nicht 90% ihrer Kraft verwenden, um Strukturen zu stützen, die sich schon mittelfristig erübrigen werden, sondern ihr Geld, ihre Kreativität und ihre immensen personellen Möglichkeiten nutzen, an etwas Zukunftsfähigem zu bauen. Leider sehe ich die Bereitschaft zu solch innovativem Denken noch nicht an vielen Stellen … Doch ich sehe: Es gibt sehr viele Menschen in diesem Land, die ein echtes geistliches Leben führen wollen, die Glaubensvertiefung und Gemeinschaft wollen, die offen wären für das Evangelium (das sie nicht kennen).“

Halten wir fest: Viele Nochmitglieder der Kirche sehen in den „Volkskirchen“ Institutionen, die sie durchaus „menschlich“ erfahren. Der Soziologe Pollack bescheinigt „den Kirchen – von den Gemeinden bis zu den Bischöfen – längst viel offener zu sein für die moderne Gesellschaft als früher. Sie gingen auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen, ihr Bestreben nach Autonomie, Transparenz und Mitbestimmung viel stärker ein. Das könne aber den Verlust an Mitgliedern nicht dauerhaft aufhalten“ (KathNet 02.11.13). Was diese Mitglieder aber nicht erfahren, jedoch brauchen – sonst würden sie nicht gehen und sich irgendwelchen spiritistischen Angeboten zuwenden – das ist die persönliche Beziehung zu Gott, der wie Johannes Hartl oft erfährt, das gesamte Leben verändert und so zum Ausgangspunkt einer neuen Attraktivität der Kirche werden kann.

Hubert Gindert

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5 Antworten auf Die Krise der Kirche unumkehrbar – oder „gewaltige Chance zur Bekehrung?

  1. VIA Christus sagt:

    Christus ist der Weg und die Lösung.
    Zeit, den Staub von der Bibel zu wischen und nachzulesen, was er der Menschheit vorschlägt.

  2. Marc sagt:

    „Zölibat, Frauendiakonat und Zulassung zur Priesterweihe, geschiedene Wiederverheiratete etc.“
    Hey Leute,
    Schaltet mal den Musiksender VIVA Germany ein und hört die Texte heute vormittag zur Band King mit dem Refrain: „Ich f… dich mit der Pumpgun“.
    Alles OK hier in Gods Old Germany.
    Kardinal Marx, sollte die Deutsche Bischofskonferenz sich nicht auch bei solchen Dingen eindeutig und unmissverständlich äussern statt ständig zu schweigen?
    Statt Massensuggestion fordere ich ab jetzt Massenbekehrungen!!!

  3. Mathias Wagener sagt:

    Krise, Krise, Krise. Die kirche ist in der Krise. So tönt es durchs Land. Die Kirche ist zu reich, die Kirchensteuer muss weg, Frauen weihen, Zölibat abschaffen. Wundermittel gibt es wohlfeil. Im Dutzend billiger. Wir müssen uns der Welt öffnen, schreit der Eine, nein, das ist ganz falsch, andere. Sinkende Mitgliedrzahlen hat nicht nur unsere Kirche, bei den Protestanten ist es nicht besser. Die Parteien hatten auch schon viel mehr Mitglieder, das gilt auch für den DGB. Die Organisierung ist nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Woran das liegen mag. Patentrezepte sind nicht mein Thema.

  4. Eduard Werner sagt:

    Schon Seneca soll gesagt haben: „Wenn die Götter ein Volk verderben wollen, dann schlagen sie es mit Wohlstand.“ Wenn es nicht wahr ist, dann ist es jedenfalls gut beobachtet. Auch Sodom und Gomorrah hatten einen relativen Wohlstand als Grundlage. Wie sie aber endeten, wissen wir.

  5. Kemmer, Hermann-Josef sagt:

    Es ist wohl die von Papst Benedikt angesprochene Entweltlichung der Kirche, die sie retten kann. Wird es dem Esel zu wohl, geht er aufs Glatteis. Der Artikel beschreibt den richtigen Ansatzpunkt. „Die“ Kirche ist so reich. Vielfacher Kritikpunkt, aber vorgetragen von Leuten, die selbst im Wohlstand leben. Die Weltkirche ist nicht reich. Die deutschsprachige dagegen schon. Nach jahrzehntelanger Glaubenswissenabstinzenz durch die hiesige Kirche selbst wohl aus Rücksicht auf den 68er Zeitgeist und die Wissenschaft, die sich anschickte, den Religionen den Garaus zu machen, initiert oder zumindest zugelassen, hat hier ein Vakuum entstehen lassen, welches uns jetzt auf die Füße fällt. Der allgemeine Wohlstand scheint einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung des Glaubens und der Religion gehabt zu haben und noch zu haben. Wir lernten im Gegensatz zu den Großeltern, die noch in einer Mangelgesellschaft leben mussten, ohne Gott auszukommen. Gott kam nur noch in der persönlichen Krankheit, in der unausweichlichen Frage des Todes vor. Das aber ist zu wenig. Gott ist ein Gott der Lebenden, auch der Lebenden, die noch vom Mutterleib an bis zum Tod existieren. Gott störte jedoch die Lebenden, die im Wohlstand lebten. Darum hat auch die Esoterik so einen Zulauf. Sie wollen nicht einmal Gotteserfahrungen sammeln. Sie haschen nach jenseitigen Sensationen, noch dem Kick, der im Glauben an die Dreifaltigkeit wohl kaum in dieser Weise zu gewinnen und zu finden ist. TV, Handy, ständige Erreichbarkeit, das Nichtertragenkönnen insbesonderer junger Leute von Stille ist immer ein Zeichen des Sichbetäubenwollen, des „Insichselbstzurückziehenwollens“. Sport und Musik außerhalb des Profibereichs werden kaum noch von Jugendlichen aktiv betrieben. Konsum ist der Tod der Religion, weil dieser das Leben im Diesseits verschönern soll. Eine sehr kurzsichtige Weltsicht, aber eine, die sich zunehmend durchsetzt.
    Entweltlichung ist wirklich eine Schiene, auf der gefahren werden sollte. Auch die reiche Kirche in Deutschland sollte endlich bewusst die Armut auch für sich wiederfinden. Denn bewusste Armut boykottiert den Konsum, lässt wieder zu sich selbst finden. In der Stille jedoch kann Gottes Stimme wieder Gehör finden. Die Kirche sollte sich ihrer alten Qualitäten besinnen und echte Werbung für Jesus Christus machen. ‚Wertvolle theologische Schriften der Papste herunterbrechen auf einfache Botschaften. Die Menschen verlernten längere Texte zu lesen. Humanae Vitae z. B. wäre so ein Anfang. Was wollte Papst Paul VI mit diesem Text aussagen? Quintessenzen veröffentlichen. Was war der Sinn, den der Papst dazu veranlasst hat, diese Enzyklika zu schreiben. Die Kirche nur noch als Sozialverein wahrzunehmen, heißt Jesus völlig misszuverstehen.

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