Sollten wir nicht eine vergessene Tugend wieder beleben?

Der Fall Uli Hoeneß ist mit dem rechtskräftigen Urteil abgeschlossen. Was aber zu seinem Absturz geführt hat, ist wert, weiter diskutiert zu werden. Gemeint ist eine Eigenschaft, die tief in unserer Gesellschaft sitzt, nämlich die Maßlosigkeit, die uns ein Heer von Suchtkranken beschert hat.
Die katholische Kirche nennt vier besonders wichtige Tugenden, die sie auch den Mächtigen stets vor Augen gehalten hat, nämlich Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Die wichtigste Eigenschaft besteht im Maßhalten. Viele Große dieser Welt sind zu Fall gekommen, weil sie das nicht beachtet haben.
Uli Hoeneß hatte das Zeug, um im Leben vorwärts zu kommen: Talent, strategisches Denken, Ausdauer und Willen. Er hatte zudem die Fähigkeit, seinen Willen auf andere zu übertragen. Seine Karriere begann er als Fußballer. Fußball ist ein Mannschaftssport, wo auch der Beste Anspielpartner braucht, wenn er erfolgreich sein will. Als es in seinem Verein, dem SSV-Ulm, um die Bezirksmeisterschaft der Jugend ging, konnte Uli Hoeneß erst in der zweiten Halbzeit mitspielen. Seine Mannschaft lag schon mit 0:4 im Rückstand. Uli Hoeneß verwandelte die drohende Niederlage in einen 5:4 Sieg. Rasch erklomm Uli Hoeneß die Karriereleiter: Mit 19 war er Bayern-Profi, mit 20 war er mit seinem Club Europameister, mit 22 Weltmeister. Als er mit 27 Jahren Sportinvalide geworden war, konnte er als Manager seine kommerziellen Fähigkeiten voll entfalten. Uli Hoeneß machte den FC-Bayern zu einem großen Wirtschaftsunternehmen und zu einer Weltmarke. Sein Club wurde die dominierende Mannschaft in der Bundesliga.
Der innere Vorwärtstrieb und das „weiter – immer weiter“ fand an der Tätigkeit als Manager des FC-Bayern keine Grenze. Er war auch privat erfolgreich, z.B. mit seiner Wurstfabrik. Das genügte ihm aber nicht. Er ging mit seinem Geld an die Börse. Dort hat er mit Devisentermingeschäften Millionen gewonnen und auch verloren. Das Börsenfieber überwältigte ihn: „Das war der Kick, Adrenalin pur“ beschrieb der Millionenjongleur selber seine Gemütslage. Er, der sonst alles im Griff hatte, geriet in die Fänge des Mammons. Das Geld nahm ihn in Besitz. Die innere Unruhe und die Sucht, Gewinn zu machen, hatten ihn erfasst. Die Maßlosigkeit und Versklavung an den Mammon hat Josef Müller, der selber Millionen ihm anvertrautes Geld an der Börse verzockte und dafür fünf Jahre ins Gefängnis musste, so beschrieben: „Das viele Geld und die Zockerei an der Börse hatten mich süchtig gemacht und mir das Gewissen vernebelt. Ich fühlte mich unangreifbar und war zu meinem eigenen Gott geworden“. (Idea Spektrum, 19.03.14)
Uli Hoeneß, der bei seinen Geldgeschäften rund 28 Mio. Steuern hinterzog und dafür rechtskräftig zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde hat noch andere Eigenschaften als die eines erfolgreichen Fußballprofis und Managers sowie eines Börsenspekulanten, die in den Gazetten wenig oder nicht erwähnt wurden. Er hat Menschen in Not, die menschlich und wirtschaftlich gestrandet waren, selbstlos geholfen. Als er verurteilt wurde, zeigte er Format. Er nahm das Urteil mit Fassung an. In seiner Erklärung zum Urteil schreibt er: „Ich habe meine Anwälte beauftragt, nicht dagegen in Revision zu gehen. Das entspricht meinem Verständnis für Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung. Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich.“ Das ist eine Haltung, die wir bei Managern von Großbanken, die das Geld ihrer Kunden in der Wirtschaftskrise verzockt haben und vom Staat, d.h. vom Steuerzahler vor der Pleite bewahrt wurden, nicht erlebt haben.

Hubert Gindert

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Eine Antwort auf Sollten wir nicht eine vergessene Tugend wieder beleben?

  1. Kemmer, Hermann-Josef sagt:

    Ich darf den letzten Satz ergänzen: und von Politikern ebenfalls nicht oder äußerst selten erlebt haben.

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