Warum wollen zu deutschen Mitbürgern gewordene Zuwanderer eine zweite Staatsbürgerschaft?

Nach den Plänen der Bundesregierung sollen in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern die Möglichkeit bekommen auf Dauer zwei Pässe zu besitzen. Junge Leute aus Zuwandererfamilien dürfen, wenn sie in Deutschland geboren sind und bis zum 21. Geburtstag mindestens acht Jahre hier gelebt haben oder sechs Jahre lang eine Schule besucht haben, dauerhaft zwei Staatsangehörigkeiten haben (Augsburger Allgemeine Zeitung, 9.4.14).
Selbst wenn wir die komplizierten rechtlichen Probleme ausklammern, die mit den Rechten und Pflichten einer doppelten Staatsbürgerschaft zusammenhängen, bleiben Fragen, die mit der Forderung einer doppelten Staatsbürgerschaft zu tun haben.
Die Diskussion um die zweifache Staatsbürgerschaft bleibt vordergründig und oberflächlich, wenn wir die Gründe nicht erfahren, warum diese angestrebt wird. Schließlich müssten Regierung und Bürger eines Staates interessiert sein, warum jemand, der sich dauerhaft in einem Land ansiedelt, mit einem Bein noch in einem anderen Land stehen will.
Wenn jemand nach Deutschland kommt und hier auf Zeit arbeiten will, stellt sich das Problem der Staatsbürgerschaft nicht, er bleibt Gastarbeiter, anders, wenn er sich hier niederlassen und Staatsbürger werden will. Dann, so möchte man annehmen, will er sich voll in die Gesellschaft integrieren. Er akzeptiert, was er hier vorfindet: Die Verfassung mit ihrer Rechtsordnung, die Sprache als Mittel der Verständigung, die Kultur und das Wertesystem, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben. Diese Akzeptanz ist Grundlage und Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben der Bürger. Wenn das Land, das diese Menschen aufnimmt, auch zur Heimat wird, dann wird sogar ein Patriotismus möglich, den man beispielsweise beim Sport beobachten kann, wenn die Athleten der Nationalmannschaft, die aus verschiedenen Ländern stammen, die Nationalhymne mitsingen.
„Niemand kann zwei Herren dienen. Entweder wird er den einen lieben und den anderen hassen oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten“, heißt es in der Schrift . Kann jemand zwei Staatsangehörigkeiten gerecht werden? Es ist im Interesse eines jeden Staates, auf die ungeteilte Loyalität seiner Mitbürger bauen zu können.
Die USA waren lange Zeit das klassische Einwanderungsland. Wer sich entschloss dorthin auszuwandern, der fühlte sich beim Anblick der Freiheitsstatue als Amerikaner und er war stolz darauf. Die USA haben die volle Integrationsbereitschaft auch erwartet. Nach Israel kommen Juden aus der ganzen Welt. Sie kommen aus sehr verschiedenen Kulturen mit unterschiedlicher Sprache und fühlen sich dennoch als Israelis. Sie sind bereit, sich voll in den Staat Israel zu integrieren. Warum sagen viele Einwanderer nach Deutschland nicht, ich bin stolz ein Deutscher zu sein?
Deutschland ist aufgrund der demographischen Entwicklung zum Einwandererland geworden. Menschen fehlen in Betrieben, in Schulen, als Pflegekräfte… Sie kommen in großer Zahl. Warum ist Deutschland für diejenigen, die eine doppelte Staatsbürgerschaft anstreben nicht so attraktiv, dass sie sich hier voll integrieren wollen? Liegt es auch daran, dass diese Einwanderer den Eindruck haben, dass die Deutschen ihre eigene Kultur und Geschichte nicht mehr hoch schätzen, dass sie ihrer Gesellschaft keine Zukunft mehr geben? Eine Gesellschaft, die sich infrage stellt, ist nicht anziehend. Viele Deutsche schätzen ihre Kultur und Geschichte nicht mehr, weil sie sie nicht kennen. Diese Geschichte umfasst nicht nur die Jahre zwischen 1933 bis 1945. Sie besteht beileibe nicht nur aus Kriegen. Sie hat dunkle, aber auch glänzende Seiten. Sie kann von großen künstlerischen, wissenschaftlichen und technischen Leistungen berichten. Wer weiß z.B., dass einmal weltweit die Fachbücher der Medizin in deutscher Sprache gelesen wurden, weil sie die Standartwerke waren. Die Deutschen kennen auch deswegen ihre Geschichte nicht mehr, weil sie in den Schulen z.T. durch Sozialkunde ersetzt wurde. So wird das Gedächtnis eines Volkes ausgelöscht und die Menschen leichter manipulierbar. Die 68er Kulturrevolution hat auch hier ganze Arbeit geleistet.
Vielleicht wollen sich Ausländer aber auch in eine übersexualisierte Gesellschaft, in der Abtreibung als Frauenrecht gefordert wird und die mit Genderwahn bereits Kinder im Kindergarten und Volksschule indoktrinieren will, nicht integrieren. Auf eine Gesellschaft, in der die Menschen an jeder Kioskecke, in Illustrierten und Fernsehsendungen schamloser Sex anglotzt, geht man nicht zu, sondern wendet sich ab. Eine Gesellschaft, in der Ehe und Familie lächerlich gemacht werden und die dekadent ihrem Untergang entgegenstolpert, kann nicht attraktiv sein. Man kann gut verstehen, dass Medien und die Regierenden der Frage nicht weiter nachgehen, warum Ausländer, die sich hier niederlassen, ihre ursprüngliche Staatsangehörigkeit nicht aufgeben wollen. Es könnte ihre Mitschuld an der Ablehnung der Integrationsbereitschaft ans Licht kommen.
Das Bestreben, ursprüngliche Nichtbürger, die im Staatsgebiet leben, zu Bürgern zu machen, ist eine Maßnahme, die von weitblickenden Staatsmännern in allen geschichtlichen Epochen praktiziert wurde. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das Römische Reich. In den letzten Jahrhunderten des Imperium Romanum setzten umsichtige Kaiser ihre ganze Energie ein, die Menschen des Riesenreiches zu inkultivieren und zu vollen Staatsbürgern zu machen. Die Bewohner von Gallien, Spanien, Britannien, Nordafrika bekamen die römische Staatsbürgerschaft mit der Chance bis in die obersten Ränge aufzusteigen, selbst Kaiser zu werden. Unter dem spanischstämmigen Kaiser Trajan hatte das Römische Reich seine größte Ausdehnung.
Der bewegendste Nachruf auf das untergegangene Weströmische Reich stammt von Rutilius Namantianus. Er stammte aus dem gallischen Narbonne und brachte es in römischen Diensten bis zum Präfekten der Toskana und von Umbrien. Bevor er in seine Heimat zurückkehrte schrieb er einen Hymnus auf Rom. Dort heißt es u.a.: „Du hast aus verschiedenen Stämmen eine Heimat gemacht und wer ohne Gesetz war, der ist dir verpflichtet geworden. Du hast Menschen in Bürger verwandelt und aus dem Erdball eine Stadt gemacht…“

Hubert Gindert

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