Der Suizid ist keine heroische Tat, sondern eine menschliche Niederlage

Die „Koalition drückt bei der Suizidhilfe aufs Gas“ titelte die Tagespost am 27.11.2012. Der Zeitplan der Bundesregierung unterstreicht das:

  • Am 29.11.2012 Debatte über den „Entwurf eines Gesetzes zur Strafbarkeit der gewerbsmäßigen Förderung der Selbsttötung“.
  • 10. oder 12.12.2012 Expertenanhörung.
  • Bis 30.01.2013 Die Bundestagsausschüsse beraten Änderungsvorschläge und geben Beschlussempfehlungen ab.
  • 31.01.2013 zweite und dritte Lesung und abschließende Beratung.
  • 01.03.2013 der Bundesrat erteilt bzw. verweigert die Zustimmung zum Gesetz.

Warum legt die Bundesregierung dieses unübliche Tempo vor? Sie weiß eine Mehrheit steht hinter diesem Gesetzesantrag. Das sind bspw. bei den Katholiken 73 Prozent, bei den Protestanten 78 Prozent. Das verwundert. Eigentlich will der Mensch leben. Er hängt am Leben. Menschen nehmen in Notsituationen unglaubliche Strapazen auf sich, um das lebensrettende Ufer zu erreichen. Wie ist der offensichtlich breite Sinneswandel zu erklären? Was ist der Grund dafür? Es ist eine Gesellschaft, die sich als jung, dynamisch und erfolgreich definiert. Alte, Kranke und Behinderte haben darin keinen Platz. Sie gelten als unproduktiv und unnütz und werden als Belastung empfunden. Die sich abzeichnende demographische Katastrophe verstärkt diese Sicht. Es ist ein Rückfall in heidnische inhumane Gesellschaften. Diese haben sich aber nie als sozialstaatlich empfunden. Der französische Schriftseller Antoine de Saint-Exupéry berichtet, dass sich verbrauchte afrikanische Sklaven vor dem herannahenden Tod aus den Beduinenzelten herausschleppten und abseits hinter einer Sanddüne ihr Leben aushauchten. Ähnliches wird von alten Eskimos erzählt, die vor ihrem Tod aus dem Iglu gingen und im Schnee verschwanden.
Menschen haben auch bei uns Angst, sie könnten wegen des Pflegenotstandes bei Krankheit und im Alter keine angemessene Hilfe finden. Deswegen wollen sie den Tod in die eigene Hand nehmen. Eine Gesellschaft, die den Menschen in den Medien ein rundum schmerzfreies und lustvolles Leben vorgaukelt, hält dem wirklichen Leben, zu dem auch Enttäuschung, Krankheit und Alter gehören, nicht mehr stand. Körperliche Anstrengung, Verzicht und Härte, das erwartet das Zuschauerpublikum der Spaßgesellschaft noch bei Extremsportarten und von Leistungssportlern.
Die Glorifizierung des Suizid als „Selbstbestimmten Freitod“ fällt in dieser Gesellschaft zunehmend auf fruchtbaren Boden. Der Suizid soll aber schmerzfrei sein. Dazu braucht es „professionelle“ Hilfe eines Arztes, einer Krankenschwester oder eines geschulten Pflegers. Das soll jetzt gesetzlich geregelt werden. Der Boden dafür wird medial vorbereitet.
In der Talkrunde „Hart aber fair“ am 19. November 2012 zum Thema „Mut zur Menschlichkeit oder Mord – darf ein Arzt beim Sterben helfen?“ äußerte der Arzt Christian Arnold, der über 250 Menschen beim Selbstmord geholfen hat: „Ich bin nicht der Meinung, dass ich Schmerzen und Leid und unwürdige Situationen ertragen muss“. In der gleichen Talkrunde sagte die ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin Beate Schween, noch nie habe sie ein Sterbender um Sterbehilfe gebeten. Sich umzubringen sei keine freie Handlung, „heldenhaft sei es, sein Schicksal anzunehmen“, wie uns das Johannes Paul II. beispielhaft vorgelebt hat.
Wer nicht aus dem wirklichen Leben auswandern will, weiß, was zum Leben gehört und was ihn eines Tages erreichen kann, das altersbedingte Nachlassen der Kräfte, aber auch Parkinson, Alzheimer und Krebs. Für einen bewussten Christen ist das die Teilnahme am Leiden Christi. Das ist nie wertlos, weder für den Kranken noch für die Gesellschaft. Aber auch für Nichtchristen und für Ungläubige gibt es heute die Palliativmedizin als wirksame Hilfe. Damit lassen sich die Lebensbedingungen für Menschen im letzten Lebensabschnitt weitgehend schmerzfrei gestalten. Das ist die eine Seite, die andere ist die liebevolle Begleitung dieser Menschen. Dies geschieht am besten in der vertrauten häuslichen Umgebung durch Angehörige und Freunde, auch, weil der wünschenswerte Ausbau der Hospiz- und Palliativzentren mit dem Bedarf nicht Schritt halten wird.
Wer bei Schwerkranken die Bitte nach Gift provoziert oder ihr nachgibt, der erweist keinen Liebesdienst, auch nicht, wenn er idyllisch verklärt wird. Der Griff nach der Giftspritze bedeutet keinen Sieg für Selbstbestimmung und Freiheit. Er ist immer eine menschliche Niederlage!

Prof. Dr. Hubert Gindert

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*