Der gute Hirte – Zum 4. Sonntag der Osterzeit „Misericordia Domini“.

Liebe Schwestern und Brüder,
vielleicht kennen Sie noch Bilder, wie man sie früher in vielen Schlafzimmern fand: Jesus als schöner Jüngling mit Hirtenstab, umgeben von einer Vielzahl Schäfchen und Schafe. So gut dies sicher gemeint war, es passte im Grunde nicht zu dem Hirtenbild, das die Bibel meint und uns heute im Evangelium (Joh. 10,1-10) vorstellt.
Hirten in der Bibel waren Leute wie Moses, Menschen, die etwas wagten, die es verstanden die Anvertrauten durch Wasser und Wüsten ans Ziel zu führen. Sie waren Leute wie König David, ein Hoffnungsträger für sein Volk, der es groß machte und Gott wieder in seine Mitte stellte. Der Messias wollte in diese Tradition der Hirten eintreten. ER war einer, dessen Herz mit der Witwe litt, die ihren einzigen Jungen verlor, der Kranke gesund machte und sich mit Sündern und Asozialen an einen Tich setzte und der für sein Volk dessen Sünden mit seinem Leib ans Holz des Kreuzes trug. Er überschreibt sein Hirtenamt mit dem Wort: „Ich bin die Tür zu den Schafen.“ Und dieses heisst doch: Es gibt eine Tür für uns.
Die Welt, in der wir leben, ist nicht, wie Sartre und andere moderne Schriftsteller behaupteten, ein Gefängnis, ein Pferch ohne Ausgang, ein Ei mit undurchdringlicher Schale. Es gibt eine Tür. Und durch diese Tür strömt göttliches Licht in die Welt hinein. Weil Jesus diese Tür ist, braucht der Mensch sich nicht selbst eine Tür ins Freie zu brechen; denn es führt ja bereits eine Tür ins Freie, in die Freiheit.
Dieses Wort Jesu hat noch eine zweite wichtige Bedeutung. Es gibt einen Ausgang aus der Welt. Der Mensch kann ans Licht und in die Freiheit. Die oft düstere und verzweifelte Sichtweise der Welt – gerade auch aus der Bitterkeit der persönlichen Erfahrung heraus – lässt uns die Welt oft als eng und gefängnishaft ansehen.
Aber seit der gute Hirte an Ostern diese Tür, die er selber ist, gebrochen hat, haben wir einen Weg, einen Eingang und einen Ausgang, so dass unsere Erde und unser Leben zu einem Haus wird, in dem man wohnen kann.
Viele sehen und finden diese Tür nicht. Viele sind immer noch dabei, sich eine eigene Pforte zu brechen. Und viele sitzen vielleicht zu tief im Gefängnis der Enge ihres Lebens: Unterdrückte, Ausgebeutete, Kranke und Menschen, denen Alter und Gebrechen zum Gefängnis werden. Sie trifft vor allem die Botschaft des guten Hirten. Möge Er gerade denen nachgehen, gerade die suchen, die ich eben besonders angesprochen habe.
Wer Ihm folgt, wird nicht am Kreuz bleiben. ER hat die Tür gebrochen, die Gottes Licht in unser Leben bringt, die uns den Weg in dieses göttliche Licht hinein ermöglicht. ER ist der Hirt, der sich weder für die Wolle noch für das Fleisch interessiert. IHM geht es um die Schafe, um uns also, um unser Leben.
ER, der dem Christen, der Ihm vertraut – wenn auch manchmal durch Tränen hindurch – den Weg führt, den Er selbst ging ins Licht des „Lebens in Fülle“ hinein.
Diese österliche Botschaft möge uns stärken und Mut machen, dem guten Hirten zu folgen, dann wird uns nichts mangeln. Und in seinem Haus werden wir wohnen für alle Zeit. Amen!

Pfarrer Ralf Hiebert, St. Ludwig, Saarlouis am 11.5.2014

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