(K)ein Grund zum Jubeln

Seit gestern Abend ist das schlagzeilenträchtige Portal kreuz.net aus dem Netz verschwunden. Im Usenet munkelt man, die Betreiber hätten es vom Netz genommen, um noch weiter zu verschleiern, indem die IPs der Verfasser aus den Beiträgen entfernt werden sollen. Andere Quellen nennen Hacker als Ursache. Nachdenklich stimmt, daß nicht einmal die DNS- Einträge mehr vorhanden sind. Es ist also komplett und vollständig aus dem Netz verschwunden. Lediglich über Waybackmaschinen lassen sich noch alte Inhalte abrufen.

Wenn es nun wirklich und endgültig verschwunden wäre, so müßte man wohl sagen, daß es kein Verlust für das Internet ist. Man dürfte wirklich froh sein. Insbesondere die Bischöfe und alle, die ins immer geschlossene Visier der Betreiber geraten sind, könnten (zumindest eine Weile) erleichtert aufatmen.

Wenig Grund zum Jubeln gibt es dennoch, denn obwohl es natürlich kein offizielles Portal der katholischen Kirche, so gaben die Betreiber im Impressum an, Mitarbeiter im kirchlichen Dienst zu sein. Selbst wenn das nur teilweise der Wahrheit entsprach, macht es nachdenklich. Solcherlei Gedankengut innerhalb der Kirche zu wissen, sollte zumindest Bauchgrummeln auslösen und nachdenklich machen. So eine Radikalisierung fällt nicht vom Himmel. (Im wahrsten Sinne des Wortes)

Ohne dem Portal auch nur ein Quentchen Positives zugestehen zu wollen, muß man feststellen, daß sie über gute Quellen verfügten, in verschiedensten kirchlichen und gesellschaftlichen Millieus sehr gut vernetzt waren und last not least über eine im negativen Sinne beeindruckende Sprachgewalt verfügten, die radikalsten Propagandisten diktatorischer Staaten aller Zeiten zu zweifelhafter Ehre gereicht hätte. Es war durchaus schwer, dieser Sprache gelegentlich nicht zu erliegen. Ebenso war es, wie das Beispiel eines an sich seriösen und durchaus beliebten Pfarrers gezeigt hat, nicht leicht, der Versuchung zu widerstehen, sich dieses Portals zu bedienen, um auf vermeintliche oder echte Mißstände aufmerksam zu machen. Die verständliche Enttäuschung über vermeintliche oder tatsächliche Mißstände, mögliche bischöfliche Verfehlungen, mögliche mangelnde Unterstützung aus Ordinariaten entschuldigt nicht, mit dem erklärten Feind zu paktieren. So etwas ist nie gerechtfertigt. DAß es passiert ist, zeigt nur wie süß die Versuchung schmeckt.
Das Nachgeschmack hingegen ist bitter.
Immer!

Hoch zu loben ist hier die Besonnenheit und Barmherzigkeit des zuständigen Bischofs, der gerade von der hier besprochenen Klientel so oft gescholten wird. Er steht zu seinem Priester, akzeptiert die Entschuldigung und beläßt den Pfarrer im Amt. Diese Barmherzigkeit zeigen, was wenig erstaunt, gerade jene nicht, die für sich doch immer wieder “Rechte” in der Kirche einfordern.

Bitter auch ist das Wissen, daß mit dem Portal weder das Gedankengut noch das dahinter stehende Netzwerk verschwinden wird. Es bleibt eine pseudokatholische Subkultur, die sich hier zum Teil erst gebildet hat und sie wird, dazu muß man kein Prophet sein, an anderem Ort wieder auftauchen.

Mit dieser Subkultur umzugehen, sie so weit es möglich ist, wieder in die Kirche zurück zu führen und zu integrieren, ist auch eine pastorale Aufgabe und eine Verantwortung. Dessen sollten sich alle Beteiligten bewußt sein.

Künftige Überlegungen zum Umgang mit Beschwerden und Kontaktwünschen, auch aus ungeliebten Kreisen, sollten immer die jederzeit mögliche Auferstehung einer neuen Kreuznatter vor Augen haben. Der Nährboden für ein solches Portal bildet sich auch(!) auf verschlossenen bischöflichen Türen, unbeantworteten Briefen und Mails und auf dem Gefühl von den eigenen Hirten und ihren Mitarbeitern öffentlich im Stich gelassen zu werden. Er bildet sich auch(!) auf dem Boden einer allzu schwammigen Sprache in der Verkündigung und im Umgang miteinander. Solcherart fruchtbar gemachter Boden läßt die Saat des Übels nur zu leicht aufgehen.

Das Portal kreuz.net hat mich in all den Jahren, in denen ich im Internet unterwegs bin, erstmals an der Freiheit und Schrankenlosigkeit des Internets verzweifeln lassen. Das haben vorher weder Sedisvakantisten noch Atheisten noch die übelsten Kirchenfeinde geschafft. Dieses Portal hat auch katholischen Bloggern in einem unerträglichen Maße geschadet. Ein formeller Kontakt, von einer Zusammenarbeit ganz zu schweigen, mit kirchlichen Stellen ist nicht zuletzt wegen dieses Portals nach wie vor fast unmöglich.
Ich bleibe dabei, das Internet ist und muß es bleiben das freieste und effizienteste Medium, das jemals von Menschen erfunden wurde.
Zensur im Internet darf nicht sein!
Lernen wir aus den vergangenen Ereignissen, wie kostbar und wie zerbrechlich diese Freiheit und Schrankenlosigkeit ist.

Eine Kreuznatter kann alles (für lange Zeit) zerstören.
Diese Schlange zu verdauen wird Mutter Kirche noch so einiges an Blähungen bereiten.

Peter Winnemoeller blog.peter-winnemoeller.de/?p=4030

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