Was werden sie den Gläubigen sagen?

Jesus kam in die Welt, um den ursprünglich gottgewollten Zustand für die Menschen wieder herzustellen. Das gilt auch für die Beziehung von Mann und Frau in der Ehe. Die Frage von Scheidung und Wiederverheiratung war auch in der Zeit Jesu ein wichtiges Thema. Die Bestürzung der Jünger war groß, als Jesus den Scheidebrief von Moses nicht anerkannte: „Am Anfang war es nicht so“.
Damit wir uns richtig verstehen, wenn wir von geschiedenen Wiederverheirateten sprechen, meinen wir solche Fälle, bei denen eine gültig geschlossene, also weiterbestehende Ehe, d.h. kein Annulierungsgrund, vorliegt. Es handelt sich inzwischen um ein Massenphänomen in Deutschland: Etwa jede dritte Ehe wird geschieden. 2012 waren es 149.147 Scheidungen. Im gleichen Jahr waren 143.022 minderjährige Kinder von der Scheidung ihrer Eltern betroffen.
Jesus zeigte gegenüber Sündern große Barmherzigkeit. An der Wiederherstellung der gottgewollten Ordnung ließ er aber nicht rütteln. Das wiederholt gesprochene: „Geh hin und sündige nicht mehr!“ hieß nicht, dass der bisherige Zustand „normalisiert oder gerecht“ gemacht wurde. Darauf laufen aber heute in der Frage der geschiedenen Wiederverheirateten Vorstöße hinaus, so, wenn der Trierer Bischof Ackermann in einem Interview mit der „Mainzer Allgemeinen“ (6.2.14) die gängigen Urteile über die Lehre der Kirche in dieser Frage aufgreift („Verbotsmoral“, „nicht zeitgemäß“, „nicht haltbar“) und sich dafür ausspricht, geschiedene Wiederverheiratete zu den Sakramenten zuzulassen. Kardinal Marx spricht sich für eine Bußzeit und danach für eine Wiederzulassung zu den Sakramenten aus.
Es ist ein Ruhmesblatt der katholischen Kirche, dass sie in ihrer 2000jährigen Geschichte nie Pressionen nach Anerkennung einer Zweit-Ehe nachgegeben hat, weder im Mittelalter, noch im 16. Jahrhundert gegenüber Heinrich VIII.. Auch keine Bischofssynode 2014 und 2015 kann vom Wort Jesu abgehen.
Scheidungen haben mit nichtbewältigten Eheproblemen zu tun. Das hängt vielfach mit der fehlenden Bereitschaft der Ehepartner zu Opfer und Verzicht zusammen. Wer aber als Christ leben will, für den gilt das Wort Jesu: „Wer mein Jünger sein will, der nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“. Opfer, Verzicht und Kreuz tragen sind in einer Spaßgesellschaft Tabuthemen. Leider sind auch in der Kirche Kreuztragen, Opfer und Verzicht seltene Themen geworden.
Die Katholische Kirche hat nie behauptet, sie sei eine Kirche der Heiligen. Sie ist eine Kirche der Sünder, in der es auch Heilige gibt. Sünder müssen mit Brüchen in ihrer Biographie leben. Auch geschiedene Wiederverheiratete leben mit Brüchen. Es gibt auch im sonstigen Leben Brüche und Defizite, mit denen Menschen zurechtkommen müssen. Wenn ein Bein amputiert ist, dann nützt es wenig, wenn ein Arzt unversehrte körperliche Gesundheit attestiert. Besser wäre es, wenn der Arzt dem Patienten helfen würde, mit einer Prothese sein Leben zu meistern. Geschiedene Wiederverheiratete bleiben Mitglieder der Kirche und brauchen seelsorgerliche Begleitung und Zuwendung. Was sie nicht verlangen können ist, dass ihr Zustand im Sinne des Evangeliums als richtig und gut geordnet erklärt wird.
Was aber werden jene Bischöfe, die aus Mangel an Mut den Gläubigen nicht die Wahrheit sagen und sogar die Möglichkeit einer Änderung andeuten, erklären, wenn das erneute Festhalten der Kirche am Wort Christi aus Rom eintreffen wird?

Hubert Gindert

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4 Antworten auf Was werden sie den Gläubigen sagen?

  1. Grundsätzliche Zustimmung.
    Allerdings:
    „Etwa jede dritte Ehe wird geschieden.“ bezieht sich auf standesamtlich geschlossene Ehen. Das ist bitteschön gar nicht Angelegenheit der Kirche! Deshalb bitte Vorsicht mit Statistiken. Denn keinesfalls jede dritte KATHOLISCHE Ehe wird geschieden – will ich mal stark hoffen.

    • Apfelbaum sagt:

      Ein erster Schritt wäre, endlich Statistiken über katholische Ehen raus zu geben, dann hätte man doch eine ganz andere Argumentationsbasis.
      Nicht mal zum prozentualen Anteil der Annullierungen gibt es Daten. Ich hab mir die Statistik, die es gibt, mal von der Deutschen Bischofskonferenz schicken lassen und dann anhand der geschlossenen Ehen ungefähr selbst den Prozentsatz ausgerechnet. Etwa 1-2% der sakramentalen Ehen werden annulliert.
      Da bräuchte man unbedingt aussagekräftige Zahlen zu
      – den zivilen Scheidungen bei sakramentalen Ehen, also „Trennung bei bleibenden Eheband“ mit ziviler Scheidung
      – den Prozentsatz der Annullierungen
      – den Prozentsatz der „Trennungen bei bleibenden Eheband“ ohne zivile Scheidung

  2. Mathias Wagener sagt:

    „Nicht zeitgemäß“ ist eine Umschreibung für reinen Opportunismus. Das kann nicht Sinn und Zweck dieser Angelegenheiten sein. Man muss zurückfragen, wann haben die zivilrechtlich Geschiedenen zuvor den Rat der Kirche gesucht ? Erst nach der Trennung und neuem zivilrechtlichen Eheschluss kommt die Frage nach der Zulassung zur Kommunion auf, die zudem eher weniger von den eigentlich Betroffenen denn von „Reformern“ und ihrer Medienlobby kommt.

  3. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Aus Rom wird und muss ein Nein kommen. Vielleicht werden die Schlupflöcher, wird das „Aber“, werden die Interpretationsmöglichkeiten größer oder erweitert. Ich bin mir da nicht mehr so sicher, dass das Nein zur Wiederverheiratung und somit der Empfang der Sakramente für Wiederverheiratete so eindeutig sein wird wie bislang. Wir werden es erleben. Der Ansturm auf diese Bastion wird wohl weltweit immer stärker und brandender aus gutem Grund. Dieser Ansturm ist letztlich ein Ansturm auf die Bedeutung der Eucharistie in Richtung Lockerheit und Freiheit.
    Jedenfalls wäre ein „Nein ohne Wenn und Aber“ für die Bewusstseinsbildung vonnöten. Das eherne Gesetz, das des „bis dass der Tod uns scheidet“, mag für den Menschen nicht einsichtig sein und auch eine Last sein, ein Kreuz sein und ist es auch, besonderes für diejenigen, die vom Ehepartner grundlos oder aus Boshaftigkeit oder sexuellem Verlangen nach anderen Personen verlassen wurden. Von Gott, von Jesus her, ist es ein Muss. Dies gilt ohnehin nur für bewusst lebende Christen, die Jesus wirklich nachfolgen wollen.
    Wenn die Wiederverheiratung Sünde ist und somit eine Dauersünde, die grundsätzlich nicht „repariert“ werden kann und der Reuevorsatz von vornherein fehlt, so ist eine Lossprechung im Bußsakrament einfach nicht möglich. Da aber nicht mehr gebeichtet wird, scheint damit alles möglich zu sein aus menschlicher Sicht.
    Die Schlussfrage ist doch letztlich die: Wie wichtig ist mir als kath. Christ das Wort Jesu? Wenn es mir das Wichtigste ist, dann kann ich IHM nachfolgen. Lege ich die Worte Jesus für mich persönlich so locker aus wie die Evgl. Kirche oder ein Bischofsteil der Deutschkirche, dann steht einer Wiederverheiratung nichts im Wege. Wie ernst nehme ich also meine Jesu-Nachfolge?
    Das ist die entscheidende Frage, die der Papst letztlich zu beantworten hat.
    Wenn die Kirche in dieser Frage nachgibt, kann das ungeahnte Folgen haben für das katholische Selbstverständnis, für das dann immer löcheriger werdende Verständnis zur Eucharistie. Wer diese Regeln Jesu kappt, wird in der religiösen Bedeutungslosigkeit verschwinden. Dann ist alles möglich, selbst ein Drewermann-Christentum, der ja bei den Benediktinern von Melk und der Kirche von unten noch immer ein Stein im Brett hat. http://www.kath.net/news/46691

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