Wer entfesselt den blockierten Riesen?

Ein bekannter Buchtitel lautet: „Der blockierte Riese“. Wie zu lesen ist, soll das 2001 erschienene Buch neu aufgelegt werden. Offensichtlich ist das Thema noch aktuell, weil der blockierte Riese noch immer nicht entfesselt ist. Worin könnte man das Potential dieses gefesselten Riesen, gemeint ist die Katholische Kirche in Deutschland, sehen? Vielleicht in der üppigen finanziellen Ausstattung aufgrund der Kirchensteuer, oder im gewaltigen Personalapparat der Ordinariate mit dem Heer hauptamtlicher Mitarbeiter. Um letzteres zu verdeutlichen: Es gibt eine Erzdiözese, die heute allein im Ordinariat über 800 hauptamtliche Mitarbeiter zählt. 1960 waren es rund 45. Der Schematismus der gleichen Diözese vom Jahr 2009/10, in dem alle Stellen und Dienste mit dem Personal aufgeführt sind umfasst 790 Seiten. Neben dem Personalapparat der Ordinariate kommen einem auch die kirchlich anerkannten katholischen Verbände in den Sinn. Sie können teilweise, statistisch gesehen mit stolzen Zahlen aufwarten, z.B. der Bund der Katholischen Jugend (BDKJ) mit 660.000 Mitgliedern, die katholische Frauengemeinschaft (kfd) mit 550.000 Mitgliedern, der katholische Frauenbund (KDFB) mit 220.000 Mitgliedern etc..
„Der Geist bewegt die Masse“ (mens agitat molem) heißt ein bekanntes Sprichwort. Ohne Geist bleibt die Masse träg, unbeweglich, evtl. sogar kontraproduktiv. Das Problem steckt offensichtlich im fehlenden Geist, im Mangel an Begeisterung und Engagement für die Kirche. Die Frage ist, wer kann aus dem scheinbar tauben Gestein einen Funken Feuer schlagen?
Achtung und Schutz vor dem Leben, das Erziehungsrecht der Eltern für ihre Kinder, freie Ausübung der Religion, auch in der Öffentlichkeit, sind fundamentale Fragen für Gesellschaft und Kirche. Wer setzt sich dafür ein? Wenige! Beim Marsch für das Leben und gegen die Abtreibung ungeborener Kinder im September 2013 in Berlin machten sich rund 4.500 Menschen auf den Weg. An der „Demo für Alle“ am 28. Juni 2014 in Stuttgart gegen den Kultusplan 2015 der Baden-Württembergischen Landesregierung, wo es darum ging, die Genderideologie über den Weg der Frühsexualisierung der Kinder in den Schulen zu verhindern, kamen rund 1.000 Kundgebungsteilnehmer.
Die Behauptung vom „blockierten Riesen“ bleibt eine realitätsferne Feststellung solange der Autor nicht sagt, wie der Geist in der Masse wach gerüttelt werden soll. Der Verfasser meint mit dieser „Fesselung“ des Riesen auch die kircheninternen Auseinandersetzungen zwischen den so genannten „konservativen“ und „progressiven“ Katholiken. Er fragt aber nicht, wer von den beiden fundamentale Glaubenswahrheiten vertritt oder sie an den Zeitgeist verscherbelt. Schließlich gibt es für den „gefesselten Riesen“ berufene Führer. Das sind die Bischöfe. Sie haben, gewollt oder ungewollt, Führungsaufgaben zur Orientierung der Gläubigen. Wo bleiben diese Stimmen, wenn es darum geht, die Menschen in Bewegung zu bringen und evtl. sogar selber vorauszugehen? Es geht darum, den blockierten Riesen zu entfesseln. Berichte und Analysen über ihn sind zu wenig!

Hubert Gindert

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2 Antworten auf Wer entfesselt den blockierten Riesen?

  1. Sehr zutreffend! Danke!
    Mir scheint dieses Buch ein weiterer narzisstischer Beitrag zu sein – wie heute in der deutschen Kirche so üblich. Immer dreht sich nur alles um das eigene Image, die kirchlichen Befindlichkeiten. Man schreit laut: „Wir müssen den Glauben verkünden!“ – aber tut es nicht:

    „Wenn wir mehr den Glauben verkünden, auch die erlösende Botschaft, die Barmherzigkeit Gottes verkünden, in einer Welt, wo man vielleicht auch ein beängstigendes Gottesbild hat, desto mehr merken auch Progressive und Konservative, dass es das Entscheidende ist, Menschen zum Glauben zu bringen, die an nichts glauben“, zitiert Radio Vatikan den Autor Manfred Lütz.

    „Berichte und Analysen über ihn (gemeint: den Riesen, die Kirche) sind zu wenig!“ sagt Prof. Gindert. Wie wahr!

    Und bezüglich sog. „konservativer“ und „progressiver“ Katholiken, geht es eben nicht um „konservativ“ oder „progressiv“ sondern um „gläubig“ oder „nichtgäubig“. Ist es doch genau das Problem, welcher Glaube verkündet werden soll: der, bei dem (beispielsweise) zivil wiederverheiratete Geschiedene und Andersgläubige zum „Tisch des Herrn“ eingeladen sind; bei dem Barmherzigkeit darin besteht, die Sünde zu ignorieren; der Glaube, in dem jeder Gläubige seine eigene Wahrheit hat, die auch von der Lehre der Kirche abweichen kann und die Gläubigen ihren ureigenen Wertvorstellungen verpflichtet sind (nicht aber dem offenbarten Glauben und dem Lehramt der Kirche)? Der Glaube, die Kirche sei eine Basisdemokratie und die heilige Messe und die Gemeindeleitung sei nicht an das geweihte Priestertum gebunden?

    Das Problem ist doch, dass es keine Einheit mehr im Glauben gibt. Die Gläubigen sind gespalten. Und ganz richtig: Die Bischöfe müssten die Gläubigen ermutigen, den Glauben der Kirche (nicht den eigenen „Glaubenssalat“, wie es Franziskus nennt) zu verkünden – und sie müssen die mit dem Glaubenssalat zurechtweisen. Dann können auch die, die nichts glauben und denen der Glaube verkündet wird, den Glauben erkennen und sich für ihn entscheiden. Aber ein Reich das in sich uneins ist…

    „Das Entscheidende ist, Menschen zum Glauben zu bringen, die an nichts glauben“, sagt Lütz. Das stimmt, und ganz sicher ist der Tipp von Lutz, es sei dabei ein guter Anfang, Geschichten von Heiligen- und Seligen zu erzählen, ein sehr guter Tipp, aber das eigentliche Problem, nämlich die Verteidigung des authentischen überlieferten Glaubens, das thematisiert auch Lütz nicht. Auch für ihn scheint alles „gleich-gültig“ zu sein.

  2. Eduard Werner sagt:

    Dieser Text trifft leider die Realität. Als im Mai 2014 der SPD-Mann Schulz im Europa-Wahlkampf die Entfernung der Kreuze aus allen öffentlichen Räumen forderte, schwiegen Bischöfe und Zentralkomitee. Als jetzt in Stuttgart gegen den regierungsamtlichen Kindesmissbrauch in den Schulen demonstrierte wurde, schwiegen wiederum Bischöfe und Zentralkomitee. In der Nazis-Zeit riskierten Priester und Laien noch das KZ, wenn sie sich für den Verbleib der Kreuze in den Schulen einsetzten. Wenn sich heute besorgte Eltern an kirchliche Stellen wenden, um auf Defizite im Religionsunterricht hinzuweisen, werden sie an eine unpersönliche Schulbuchkommission verwiesen, wenn sie überhaupt eine Antwort bekommen. Die Kirche in Deutschland gleicht einem Schiff ohne Kapitän, ohne Lotsen, ohne Offizier.
    Nur auf der Gehaltsliste stehen sie alle. Ein solche Kirche, ein solcher Riese wirkt nicht anziehend. Deshalb treten so viele aus.

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