Widerspruch!

Peter Scholl-Latour war eine faszinierende Persönlichkeit. Er konnte meisterhaft historische Ereignisse am Beispiel geschichtlicher Gestalten deuten. Beim Tod von Charles de Gaulle porträtierte er eine ganze Epoche.
Scholl-Latour war persönlich an den Brennpunkten und Schauplätzen der Konflikte in Indonesien, Afghanistan, Pakistan, Syrien und in afrikanischen Ländern präsent. Er stand im Gespräch mit den führenden Leuten in diesen Regionen. Er kannte die Geschichte und die geistigen Strömungen, die hinter den Konflikten standen. Als „Letzter Welterklärer“ und eine „Mischung von Marco Polo und Ernest Hemingway“ wurde er bezeichnet. Mit seinen 30 Büchern, Interviews und Fernsehauftritten prägte er das Bild der moslemischen Welt bei uns.
Peter Scholl-Latour verwahrte sich heftig dagegen, alle Moslems, z.B. saudische Sunniten und iranische Schiiten in einen Topf zu werfen. Aber er spricht pauschal von den „Christen“, die ihre verpflichtende Sittenlehre und ihre Dogmen aufgegeben hätten. Dagegen ist Widerspruch angesagt. An welche Christen dachte Scholl-Latour? An Freikirchler, evangelische Gemeinschaften, an bestimmte Strömungen von Katholiken in den deutschsprachigen Ländern?
Letztere repräsentieren nur sich, nicht aber die römisch-katholischen Christen. Diese werden von den Päpsten und den mit ihnen im Glauben verbundenen Bischöfen vertreten. Haben Johannes Paul II., Benedikt XVI. oder Franziskus, um nur an die Päpste der letzten 35 Jahre zu erinnern, die verpflichtende Sittenlehre oder die Dogmen der Kirche aufgegeben? Natürlich nicht! Hier hätten wir vom ehemaligen Jesuitenschüler Peter Scholl-Latour mehr Differenzierung zu seinen Aussagen über die Christen erwartet. Die römisch-katholische Kirche hat sich nie aufgegeben, auch nicht in Europa, auch wenn sich Katholiken von ihr abwenden.

Prof. Dr. Hubert Gindert
Vorsitzender des Forums Deutscher Katholiken

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3 Antworten auf Widerspruch!

  1. MAX sagt:

    Die katholische Kirche war immer gegen die Machtergreifung
    Hitlers , im Gegensatz zur evangelischen Kirche.
    Diese evangelische Kirche hat mit ihrer staatsfreundlichen Haltung
    im dritten Reich keinen Beitrag im Kampf gegen Hitler geleistet.
    Auch das muss in den Jubelfeiern 2017 thematisiert werden.

  2. Eduard Werner sagt:

    Ich vermute, dass Peter Scholl-Latour nicht dem Papst und allen Bischöfen das Festhalten an der traditionellen Lehre der Kirche absprechen wollte, sondern nur der so genannten westlichen Zivilisation. Und da hat er recht. Am 20. Juli 2014 sagte er ja auch im Phoenix bei einer Fernsehdiskussion: Die katholische Kirche war die einzige europäische Institution, die von Anfang an bis zum Schluss dem Nationalsozialismus Widerstand entgengesetzt hat. ER kannte offenbar die Erklärung des Heiligen Offiziums vom 25.März 1928: Der Papst verdammte damals den nationalsozialistischen Antisemitismus öffentlich. Das wollen die Gegner der Kirche nicht zur Kenntnis nehmen.

  3. Gertraud Neldner sagt:

    Welche Kirche genau Peter Scholl-Latour gemeint hat, werden wir nicht mehr erfahren.
    Sollte er aber die eine heilige katholische Kirche gemeint haben, so waren sicher nicht die Päpste gemeint, sondern die Kirche, wie sie vermutlich von ihm und darüberhinaus von Aussenstehenden wahrgenommen wird.
    Eine Großzahl ihrer Mitglieder, die sich nicht mehr um Gebote kümmert, für die der Besuch der hl. Messe keine Selbstverständlichkeit mehr ist, die Dogmen ablehnen und die Glaubenslehre nicht mehr verteidigen, wenn sie sie überhaupt noch kennen.
    Bischöfe, die sich kaum noch um Glaubensformung und -Vertiefung der ihnen anvertrauten Gläubigen kümmern und die teilweise sehr still geworden sind gegenüber befremdlichen Entwicklungen der Gesellschaft.
    Kann man Peter Scholl-Latour also übelnehmen, wenn er seine Wahrnehmung der (katholischen?) Kirche schildert?
    Er war nur ehrlich!

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