„Die katholische Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus“ Von Prof. Dr. Konrad Löw

Im Anschluß an den unten auf diesem Blog stehenden Brief Dr. Eduard Werners an Horst Rankl zu seinem Drama „Edith Stein“, der heute auch auf kah.net erschien, und als eine weitere Antwort auf die ignoranten und verleumderischen Behauptungen von Margot Käßmann und Anke Silomon über Papst Pius XII. geben wir hier noch einmal den Vortrag wieder, den Prof. Konrad Löw 2013 auf der Theologischen Sommerakademie in Augsburg gehalten hat. Auch werden wir die Lebensbilder der zahlreichen katholischen Märtyrer, die unsere Monatszeitschrift „Der Fels“ in jeder Nummer seit 16 Jahren bringt, auch auf diesem Blog fortsetzen.

I. Vorbemerkungen:
In meinen Ausführungen geht es nicht um Apologetik. Ich liebe meine Kirche, aber bei allem, was mir heilig ist, versichere ich, dass ich mich um größtmögliche Objektivität bemühe. Es geht primär um die historische Wirklichkeit und nicht um die Produktion von „Heiligenlegenden“.
Das Thema ist sehr umfangreich, lässt sich selbst an einem ganzen Wochenende nicht erschöpfend abhandeln. Wir müssen uns auf die wichtigsten Fakten und Gesichtspunkte beschränken. Das Gesamtbild muss stimmen und aufschlussreich sein. (Wer tiefer einsteigen möchte, den verweise ich auf mein Buch „Die Schuld. Christen und Juden im Urteil der Nationalsozialisten und der Gegenwart“. Es gibt Restexemplare der 2. Auflage für einen geringen Preis. Ich verdiene daran nichts.)
Es sei mir gestattet, mich kurz vorzustellen:
Am 25. Dezember 1931 kam ich in München zur Welt. Um mir die Gnade der Taufe nicht unnötig lange vorzuenthalten, wurde ich noch am gleichen Tag in der Kirche St. Korbinian, Untersendling, getauft. Gefirmt hat mich im Sommer 1943 in St. Michael, Neuhauserstraße, Michael Kardinal Faulhaber, die namhaftesten Stimme des deutschen Katholizismus jener Jahre, von Freund und Feind geachtet.
Bevor Hitler an die Macht kam, gehörte mein Vater zusammen mit Alois¬ Hundhammer der Bayernwacht an, einer Organisation der Bayerischen Volkspartei, die der Abwehr des militanten NS dienen sollte. In der Bayernwacht befanden sich auch Juden. Als Hitler legal an die Macht kam, löste sie sich auf.
Von Hundhammer sind Texte erhalten, die seinen Referaten gegen den Antisemitismus der NS zugrunde lagen. Von meinem Vater hat ein Tagebuch des Jahres 1930 überlebt. Unter dem Datum 28. April 1930 steht dort zu lesen: „Mit H. Biegler eine Auseinandersetzung wegen der Nationalsozialisten, die doch große Feinde unserer katholischen Kirche sind. Arme Menschen, die solchem gottlosen Gesindel nachlaufen. Abends waren Adolf und ich bei H. H. Stadtpfarrer wegen der Kirchenwacht am 1. Mai, damit die Kirche v. d. Roten nicht beschmutzt und beschädigt wird.“
Hundhammer und mein Vater haben die NS-Ära als politisch Verfolgte überlebt. Keiner der Freunde war je Mitglied einer NS-Organisation. Darauf hinzuweisen erscheint mir notwendig, damit jeder weiß, in welchem Geiste ich erzogen wurde. Ich war nie Mitglied in der Hitlerjugend.

II. Kirche und NS vor 1933
1. Dem in Deutschland aufkeimenden Antisemitismus trat das Heilige Offizium entschieden entgegen. Da der Papst „allen Neid und alle Eifersucht zwischen den Völkern verurteilt“, heißt es in einer Verlautbarung vom 25. März 1928, so verdammt er auch aufs schärfste den Hass gegen das einst von Gott auserwählte Volk, jenen Hass nämlich, den man allgemein heute mit dem Namen ‚Antisemitismus’ zu bezeichnen pflegt.“
2. Im August 1932, also fünf Monate bevor Hitler Reichskanzler wurde, erließ die gesamtdeutsche Fuldaer Bischofskonferenz „Richtlinien“, in denen zu lesen steht: „Sämtliche Ordinariate haben die Zugehörigkeit zu der [Hitler-]Partei für unerlaubt erklärt, weil 1. Teile des offiziellen Programms derselben, so wie sie lauten und wie sie ohne Umdeutung verstanden werden müssen, Irrlehren enthalten …“

III. Kirche und NS während der Hitlerherrschaft
1. Am Palmsonntag des Jahres 1937 wurde von allen Kanzeln der katholischen Kirche Deutschlands eine in deutsch abgefasste Enzyklika verlesen, die der Papst speziell gegen Hitler-Deutschland erlassen hatte. Sie beginnt mit den Worten: „Mit brennender Sorge …“ Auch sie hätte schwerlich eindeutiger sein können. Daraus einige Sätze:
„Wer immer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung – die innerhalb der irdischen Ordnung einen wesentlichen und ehrengebietenden Platz behaupten – aus dieser ihrer irdischen Wertskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und verfälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge … Nur oberflächliche Geister können der Irrlehre verfallen, von einem nationalen Gott, von einer nationalen Religion zu sprechen … „
Auch unter der Überschrift „Reiner Christusglaube“ werden „Blut und Rasse“ in ihre Schranken gewiesen: Der im Evangelium Jesu Christi erreichte Höhepunkt der Offenbarung ist verpflichtend für immer. Diese Offenbarung kennt keine Nachträge, … die gewisse Wortführer der Gegenwart aus dem sogenannten Mythos von Blut und Rasse herleiten wollen.
Die Ausführungen unter „Reiner Kirchenglaube“ betonen die Gleichwertigkeit aller Menschen: „Unter ihrem [der Kirche] Kuppelbau ist Platz und Heimat für alle Völker und Sprachen, ist Raum für die Entfaltung aller von Gott dem Schöpfer und Erlöser in die Einzelnen und in die Volksgemeinschaften hineingelegten Eigenschaften, Vorzüge, Aufgaben und Berufungen.“

2. Der Papst beendete seine Weihnachtsansprache des Jahres 1942, nachdem er der gefallenen Soldaten, der Witwen und Waisen, der Flüchtlinge und Kriegsopfer gedacht hatte, mit einem Appell, den Frieden zu suchen. „Dieses Gelöbnis schuldet die Menschheit den Hunderttausenden, die ohne eigene Schuld manchmal nur wegen ihrer Nationalität oder der Abstammung dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind.“

3. Die deutschen Bischöfe haben mehrmals Hirtenbriefe verfasst und verlesen, in denen sie die elementaren Rechte der Menschen betonen, so im März 1942 Faulhaber: „Wir deutschen Bischöfe werden nicht nachlassen, gegen die Tötung Unschuldiger Verwahrung einzulegen. Wir legen größten Wert darauf, nicht nur für die religiösen und kirchlichen Rechte an zuständiger Stelle einzutreten, sondern auch für die allgemein-menschlichen gottverliehenen Rechte des Menschen. An der Achtung und Erhaltung auch dieser Rechte ist jeder ehrenhafte Mensch interessiert; ohne sie muss die ganze abendländische Kultur zusammenbrechen … Jeder Mensch hat das natürliche Recht auf Leben und die zum Leben notwendigen Güter.“

IV. Die Kirche im Urteil der Täter
Die Nationalsozialisten waren weder blind noch taub. Längst vor 1933 und danach haben sie die katholische Kirche als ihre große Gegnerin angesehen und ab 1933 auch physisch bekämpft. Zu den ersten KZ-Insassen zählten profilierte Katholiken, ebenso zu den ersten Mordopfern des Systems, so der Journalist Fritz Gerlich, der Vorsitzende der Katholischen Aktion im Bistum Berlin Erich Klausener, der Reichsführer der Deutschen Jugendkraft Adalbert Probst.
Wenige Wochen vor dem Novemberpogrom 1938 schrieb die Parteizeitung der NSDAP, der Völkische Beobachter, klar und unmissverständlich: „ Der Vatikan hat die Rassenlehre von Anfang an abgelehnt. Teils deshalb, weil sie vom deutschen Nationalsozialismus zum ersten Mal öffentlich verkündet wurde, und weil dieser die ersten praktischen Schussfolgerungen aus der Erkenntnis gezogen hat; denn zum Nationalsozialismus stand der Vatikan in politischer Kampfstellung. Der Vatikan musste die Rassenlehre aber auch ablehnen, weil sie seinem Dogma von der Gleichheit aller Menschen widerspricht, das wiederum eine Folge des katholischen Universalitätsanspruchs ist und das er, nebenbei bemerkt, mit Liberalen, Juden und Kommunisten teilt.“ Diese Sätze verdienen es, mehrmals gelesen zu werden.
Die Katholiken saßen also neben den Juden auf der Anklagebank des Regimes, was damals jedermann wusste. Doch die totale Abrechnung mit ihnen sollte auf die Zeit nach dem Endsieg aufgeschoben werden, um die Kriegsziele nicht zu gefährden. Trotzdem richtete sich der Pogrom 1938 nicht nur gegen die Juden. So hieß es in München in einem „Aufruf an alle“: … Das nationalsozialistische München demonstriert heute Abend 20 Uhr in 20 Massenkundgebungen … gegen das Weltjudentum und seine schwarzen und roten Bundesgenossen …“ Die „Schwarzen“, das waren die Katholiken. Parteihörige Pöbelmassen rückten gegen das Palais des Münchner Bischofs vor, beschädigten die Mauern und drohten, das Tor zu stürmen.
Nachdem der Papst in seiner Weihnachtsansprache 1942 der nur ihrer Abstammung wegen Ermordeten gedacht hatte, urteilte der NS-Sicherheitsdienst: „Er [der Papst] beschuldigt tatsächlich das deutsche Volk der Ungerechtigkeit gegenüber den Juden, und er macht sich zum Sprecher der Juden, der Kriegsverbrecher.“

V. Kirche und Katholiken im Urteil der Opfer
Wie haben die Juden, insbesondere in Deutschland, die katholische Kirche und jene Katholiken wahrgenommen, die treu zu Kirche und Papst standen?
Das Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verstand die zitierte Verlautbarung des Vatikan vom Jahre 1928: „Die höchste Stelle der katholischen Kirche hat … ganz unzweideutig den Antisemitismus als unchristlich gebrandmarkt. Für uns ist das Gefühl der Verantwortung bemerkenswert, das sich in den Kundgebungen ausspricht, einer Verantwortung gegenüber der inneren Wahrheit der Religion, ja auch gegenüber der Menschheit.“
Der namhafteste Chronist der NS-Ära ist Victor Klemperer. Seine damaligen Erlebnisse, Gespräche, Eindrücke füllen acht Bände Tagebücher von unschätzbarem Wert. Wenn er von Katholiken spricht, dann immer voll Hochachtung. Sie sind Gegner des Regimes und sitzen im selben Boot wie die Juden.
Die Hauptsynagoge in München musste auf Hitlers Geheiß bereits im Sommer 1938 abgerissen werden. Wohin mit der Orgel? fragten sich die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde. Einer davon war Carl Oestreich. Er erinnert sich: „Am nächsten Morgen rief ich das immer hilfsbereite katholische Ordinariat München an und verkaufte die erst einige Monate vorher eingebaute Orgel um nahezu den Gestehungspreis.“ An der Spitze des immer hilfsbereiten Ordinariats stand kein anderer als Kardinal Faulhaber.
Daher nimmt es nicht wunder, dass sich die katholische Kirche sowohl bei den Westalliierten (Ernst von Weizsäcker wurde in Nürnberg „wegen Verfolgung von Juden, Katholiken und anderen Minderheiten“ verurteilt) wie bei vielen Juden im Krieg und nach dem Krieg eines großen Respektes erfreute. Zu den sehr namhaften Laudatores zählt Albert Einstein, der schon Ende 1940 bekannte: „Nur die katholische Kirche protestierte gegen den Angriff Hitlers auf die Freiheit. Bis dahin war ich nicht an der Kirche interessiert, doch heute empfinde ich große Bewunderung für die Kirche, die als einzige den Mut hatte, für geistige Wahrheit und sittliche Freiheit zu kämpfen.“
1945 trat der römische Oberrabbiner Israel Zolli gemeinsam mit seiner Frau zum katholischen Glauben über und nahm den Taufnamen Eugenio an in Verehrung des Papstes Eugenio Pacelli. Seine Erlebnisse führten bei Victor Klemperer zu der Einsicht (5. Mai 1945), „dass wir eigentlich katholisch werden müssten.“

VI. Schlussbetrachtungen
Es gibt schon zu denken, dass in der Nachkriegsära und bis heute nicht die Opfer als Ankläger auftreten, sondern Ausländer oder Nachgeborene, die keinerlei eigene Erfahrungen, geschweige denn Heldentaten vorzuweisen haben. Wie redlich ist es, alles auszublenden, was die damals Lebenden entlasten könnte? Die Kirche ist, wie unbestritten, eine Kirche der Heiligen und der Sünder. Aber wehe denen, die das Gebot missachten: Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten und deshalb ungerechte Urteile fällen.
Manch einer mag sich fragen: Warum hat der Papst nicht noch deutlicher gesprochen? Die holländischen Bischöfe haben noch deutlicher gesprochen und dadurch bewirkt, dass die jüdischen Katholiken Hollands unverzüglich deportiert wurden, weshalb die dortigen Bischöfe der Kritik ausgesetzt sind. Hitlers irrationale Reaktionen waren unberechenbar, wie der Pogrom 1938 zur Genüge zeigt. Die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ beweist, dass sich Hitler auch durch noch so klare und scharfe Worte nicht von seinen Zielen abbringen ließ.

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