Keiner besitzt die Wahrheit?

„Die Kirche soll von der Wahrheit sprechen, aber auch wissen: Keiner besitzt sie. Wir sind alle auf der Suche“, so die Theologin Johanna Rahner in einem Zeitungsinterview aus Anlass ihrer Antrittsvorlesung als Lehrstuhlinhaberin für Dogmatik an der Universität Tübingen. (Qu: Konrandsblatt 29.2014, S. 3)
Den Worten von Frau Prof. Johanna Rahner entnehmen wir, dass zwar die Kirche über die Wahrheit sprechen darf, ja sogar soll, aber die Wahrheit nicht hat. Das erstaunt. Dachten wir doch bisher, dass die Kirche die Botschaft Jesu Christi lehrt, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Wir hatten weiter geglaubt, dass Theologen, insbesondere jene, die Dogmatik lehren, die Lehre Christi, die die Kirche lehrt, erforschen, vertiefen und verständlich darstellen. Wenn dem nicht so ist, wie Frau Rahner behauptet, dann kann die Kirche wie alle übrigen Religionen dieser Welt, von Wahrheit, besser von ihrer Wahrheit sprechen, denn „alle (sind) auf der Suche“, sowie auch alle Philosophen ihre „Welterklärungen“ zum Besten geben. Morgen werden neue Wahrheiten auf den Markt der Meinungen kommen. Das Wahrheitskarussell wird sich weiter drehen und wir bleiben im Ungewissen.
Wenn „keiner die Wahrheit besitzt“, warum sollten sich dann die Menschen an eine Kirche binden? Das Angebot an „Wahrheiten“ ist groß. Viele, die konsequenterweise mit dem Gedanken spielen, sich von den angeblichen „Fesseln“ der Kirche zu befreien, können sich jeden Tag ihre Wahrheit aussuchen. Frau Johanna Rahner lehrt Dogmatik an der Universität Tübingen. Tübingen liegt in der Diözese Stuttgart-Rottenburg. Dort sind im ersten Halbjahr 2014 so viele Katholiken aus der Kirche ausgetreten, wie 2011 und 2012 im gesamten Jahr (10.000).
„Aufgabe der Kirche ist es aus der Sicht des Bischofs Fürst von Stuttgart-Rottenburg, Menschen auf ihrer Suche nach religiöser und ethischer Orientierung zu begleiten. Dabei müsse die Kirche dem Anspruch gerecht werden, die Menschen in der Eigenständigkeit von Denken, Glaubensvollzug und Lebensgestaltung zu respektieren, zugleich aber der Botschaft des Evangeliums treu zu sein“ (Quelle: kath.net 15. Juli 2014). Die Frage ist, ob die o.a. Feststellung von Frau Prof. Johanna Rahner bzgl. der Wahrheit die Botschaft des Evangeliums getreu wiedergibt.

Hubert Gindert

Dieser Beitrag erscheint auch in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels”. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-066744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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7 Antworten auf Keiner besitzt die Wahrheit?

  1. Gertraud Neldner sagt:

    Wie oft höre ich, auch von Gläubigen, selbst von Katholiken: „Ich bin auf der Suche!“
    Wieso Suche?
    Ich muss doch nicht mehr suchen, habe das Wertvollste unter der Sonne doch schon gefunden: IHN, bzw. ER hat sich finden lassen.
    Gott hat sich uns gezeigt – in Jesus Christus!
    Es liegt an uns, wie wir mit diesem Gottesgeschenk umgehen!

    Warum müssen es sich bestimmte Theologen nur selbst so schwer machen und andere, die ihnen anvertraut sind, mit hineinreißen?

    • Herbert Klupp sagt:

      Liebe Frau Neldner,
      Sie haben völlig recht. Das Gerede von der „Suche“ (als Katholik) ist einfach nur dümmlich. ER hat sich gezeigt und ER hat sich finden lassen, das haben Sie hundertprozentig richtig beschrieben. Ich möchte nur hinzufügen: und ER läßt sich von uns einverleiben, kauen, essen, und er geht durch unsere Blutbahn in Milliarden unserer Zellen hinein und heiligt eine jede von diesen. Etwas intensiveres in Sachen „Finden“ bzw „Gefundensein“ kann es ja garnicht geben.
      PS: Wegen der Bischöfe hoffe ich, daß Sie Unrecht haben. Sagen wir es so: ich habe über 3 Jahre (2001-2004) an einer kath Fakultät (FFM) erlebt wie päpstliche Enzykliken nur verachtet wurden, wie Antikirchliches gelehrt wurde, und wie die Hl. Schrift mutwillig, einseitig (und letztlich unwissenschaftlich) immer nur negiert und zerpflückt wurde. So schlimm, auch nicht ansatzweise, habe ich noch nie einen Bischof erlebt, auch nicht unter den sogenannten „Liberalen“.

  2. Herbert Klupp sagt:

    Der Glaubensverfall an katholischen Fakultäten, Fachbereichen und Akademien ist schon lange offensichtlich. Dazu kommen eine päpstlicher Weisung feindselig stehende Grundhaltung und materiell (real) eine echte Abwendung von der Kirche (bei manchmal gleichzeitig nach außen vorgetragener „Frömmigkeit“). Vielleicht ist das alles nicht mehr zu stoppen wegen eines (falsch verstandenen) Begriffes der „Freiheit der Wissenschaft“. Sollen sie fortfahren mit ihren untheologischen, jedenfalls unchristlichen Tiraden. Aber eines entzieht sich völlig meinem Verständnis: Wieso werden diese „Kirchenfeinde“ weiterhin von der Kirche bezahlt ?

    • Gertraud Neldner sagt:

      Wenn die Angestellten diesselbe Meinung vertreten, wie die Chefs der einzelnen Abteilungen, d.h. also die Bischöfe, ist es dann nicht logisch, dass sie problemlos weiterbeschäftigt werden?

    • Mathias Wagener sagt:

      Die Freiheit der Wissenschaft entbindet aber nicht von der Loyalität zur Kirche, der man hier im besonderen Maße verpflichtet ist.

  3. Mathias Wagener sagt:

    Man muss sich fragen, was die Ansichten dieser Professorin überhaupt noch mit Theologie zu tun haben. Das ist doch der Knackpunkt. Da muss sich niemand wundern, wenn in und außerhalb der Kirche so viel Verunsicherung herrscht, wenn derartig exponierte Leute sich klar von der Kirche abwenden. Anders kann die Positionierung dieser was auch immer Lehrenden doch wohl nicht mehr gesehen werden.

  4. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Was ist Wahrheit, fragte schon Pilatus. Wenn der Ausspruch Jesu über den Weg, die Wahrheit und das Leben wahr ist und kein Christ zweifelt daran, warum erzählen Theologen solche Dinge? Begleitet diese Theologin die Christen auf dem Weg zur jesuanischen Wahrheit oder zweifelt sie selbst daran, dass Jesus die Wahrheit ist.
    Da wir aber Jesus haben, wissen wir, wer die Wahrheit ist, eben weil er das Leben ist. Zugleich ist er auch der Weg, der Leben und Wahrheit ist. Ich weiß nicht, was am Christentum so schwer zu begreifen ist. Jesus ist am Kreuz gestorben: Alle Jünger laufen weg bis auf Johannes und die Mutter des Herrn. Alle bekommen den Tod des Herrn mit. Dann erscheint der Herr nach dem Tode sowohl den Jüngern als auch den Aposteln durch verschlossene Türen. Entweder ich glaube das, was die Zeugen aussagen im NT oder aber ich glaube ihnen nicht. Der Märtyrertod, den die meisten Apostel erlitten haben, zeugt von der Ernsthaftigkeit ihrer Zeugnisse für Jesu Auferstehung. Ohne Auferstehung hätte sich niemand umbringen lassen. Also welche Wahrheiten kann diese Theologin nicht akzeptieren? Andere Religionen suchen nach Gott, der sich ihnen nie gezeigt hat und nie auf sie zukommt. Im Christentum haben wir die einmalige Chance, den Vater in Jesus kennen zu lernen und diese Theologin fragt nach der Wahrheit? Man kann nur nach der Wahrheit fragen, wenn der Glaube nicht vorhanden ist, wenn diese Frau im Grunde nicht an die volle Sohnschaft Jesu glaubt. Dann kann die Wahrheit ins Wanken geraten. Viele Christen legen sich ihr eigenes Christentum zurecht.
    Offensichtlich reicht dieser Dame diese Wahrheit nicht. Vielleicht sollte man die Wahrheit eher erspüren, als diese nur als intellektuellen Akt ansehen. Gott ist intellektuell eben nicht erfassbar. Wenn wir Jesus als die Wahrheit jedoch aufgeben, können wir uns auf eine unverbindliche Einheitsrelgion, die offensichtlich angestrebt wird, gefasst machen. Gott hat bezeugt aus seinem verborgenen Sein heraus: Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Auf IHN sollt ihr hören. Die Kirche tut das, nimmt den Vater wieder beim Wort. Tut das diese Theologin auch? Wünschen wir es ihr von ganzem Herzen.

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