Kardinal Brandmüller zu den Begrifffen „konservativ“ und „liberal“

Der „BILD am Sonntag“ gab Walter Kardinal Brandmüller“, der emeritierte Chefhistoriker des Heiligen Stuhls ein sehr interessantes Interview, das Paul Badde führte. Badde führte das Interview sehr geschickt, indem er dem Kardinal sehr provokativ die richtigen Fragen stellte, die der Kardinal knapp und treffend, wie gewohnt souverän und hervorragend beantwortete. Kath.net. gab dieses Interview heute unter dem Stichwort wieder: „Warum sind Konservative Dunkelmänner, Herr Kardinal?“ Wir erinnern uns, dass vor einiger Zeit papst- und lehramtstreue Katholiken von „liberaler“ katholischer Seite als Dunkelkatholiken bezeichnet wurden. Diese Bezeichnung stammte von dem Jesuitenpater Klaus Mertes in einem Gespräch ausgerechnet mit dem Spiegel im Juli 2011, nachdem er 2010 eine Minute vor 12 die Flucht nach vorne angetreten hatte, und kurz vor der platzenden Bombe bei der Presse die zahlreichen schweren Missbrauchsfälle in Deutschland in der Gesellschaft Jesu „aufdeckte“ und gleichzeitig für das Versagen bei den Jesuiten und bei anderen schuldig gewordenen Priestern die Sexuallehre der Kirche verantwortlich machte und seine Kritiker als „pöbelnde Dunkelkatholiken“ bezeichnete. Siehe Hierzu: „Lichtkatholik“ Mertes und die “pöbelnden Dunkelkatholiken“: http://www.kath.net/news/32444
Auf die Frage von Badde, warum konservative Katholiken so hart und unbarmherzig seien, antwortete der Kardinal, dass es barmherzige und unbarmherzige Liberale und Konservative gäbe. Wie wahr!
Auf die Frage, ob Konservative nicht dennoch mehr Angst haben, wo Liberale mutiger sind, antwortete Kardinal Brandmüller: „Woher das denn? Reden wir hier vielleicht von den Elefanten, die mutig in den Porzellanladen stapfen? Vorsicht im Umgang mit kostbaren Gefäßen würde ich nie mit Ängstlichkeit verwechseln.“
Damit schildert der Kardinal treffgenau die Situation, in der wir uns ständig wiederfinden. Dann wurde er gefragt, ob die Konservativen nicht gerne nach hinten schauen, wo die Liberalen nach vorn in die Zukunft schauen. Die Antwort: „Ich bin Historiker. Die Vergangenheit ist der Stoff der Erfahrung. Die Zukunft ist das Reich der Träume und Verführer. Da lässt sich ungeprüft leicht alles behaupten und versprechen. Nur auf der sicheren Basis geschichtlicher Erfahrung lässt sich Zukunft bauen.“
Den letzten Satz gilt es besonders zu würdigen, nicht nur weil er einleuchtend ist und die Erfahrung ihn bestätigt hat. Ausgerechnet einer der Begründer der modernen Bibelkritik, der Philosoph Spinoza, der dem Rationalismus zugeordnet wird, hat vor ca. 350 Jahren den berühmten und wahren Satz geprägt:
„Wenn du willst, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart, musst du in die Vergangenheit schauen.“ Die Befolgung dieses Rates hat die Historiker und manche Denker und auch Politiker davor bewahrt, in das Reich der Träume und Verführer zu fallen.
Dann fragte Badde den Kardinal, wie er denn deutet, dass die größten Gegenspieler in der Debatte zwischen Konservativen und Liberalen Kardinal Müller und Kardinal Kasper in der katholischen Kirche Deutsche sind.
Der Kardinal antwortete mit Goethe: „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust.“ Das träfe irgendwo auch auf Deutschland zu, wo die Reformation die Deutschen in zwei Lager gespalten hat. Diese Spaltung durchzöge mittlerweile auch die katholische Kirche in Deutschland, so Kardinal Brandmüller.
Wir müssen allerding befürchten bzw. feststellen, dass diese Spaltung längst über Deutschland hinausgegangen ist und auf Europa und vor allem das nördliche Amerika übergegriffen hat. Die oft wiederholte bischöfliche Beteuerung, dem sei nicht so, ändert daran nichts.
Die eine, liberale Seite wird in einem ihrer Extreme wie oben geschildert durch Menschen wie den Jesuiten Klaus Mertes repräsentiert. Dem wird aber auch leider auf der rechten Seite – ich vermeide hier das dafür unzutreffende Wort „konservativ“ – reichlich entsprochen.
Wir sollten uns lieber mit Kardinal Brandmüller hinter den Stellvertreter Christi stellen und der Lehre der Kirche folgen, die von extrem links und extrem rechts angefochten wird.
Eine Frage in diesem Interview wollen wir noch behandeln. Badde fragt den Kardinal, ob wir nicht gerade diesen Streit in einer gesunden Kirche brauchen. Kardinal Brandmüller gibt eine sehr wichtige und treffende Antwort:
„Ein gewisses Ferment der Unruhe tut jeder Gemeinschaft gut. Auch Konservative brauchen Reibflächen, an denen sie ihre Streichhölzer entzünden können. Auch der Irrtum hat seine Bedeutung für den Fortschritt der Erkenntnis.“
Hier bezieht sich der Kardinal auf einen unserer größten Kirchenlehrer, den heiligen Thomas von Aquin, der geschrieben hat, dass wir auch den Irrenden Dank schulden, weil sie uns Umwege ersparen. Es ist gut, wenn wir uns an diesen Satz in dieser so gespaltenen Kirche erinnern, weil er uns wieder dahin führt, dass das Größte die Liebe ist. Nur sie, die aus dem Heiligen Geist Gottes uns gegeben wird, läßt uns die Gräben überwinden.
Das ganze Interview mit Kardinal Brandmüller finden Sie hier:
http://www.kath.net/news/48283

Michael Schneider-Flagmeyer

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Kardinal Brandmüller zu den Begrifffen „konservativ“ und „liberal“

  1. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Diese Begriffe polarisieren und sind ja lediglich die menschliche Sicht und Definition von „modern“ und „altmodisch“, beides sind jedoch Zeitströmungen, die durchsetzt sind von Ängstlichkeiten, Rechthaberei, Verschörungstheorien und im Grunde Vertrauenslosigkeit in den Dreifaltigen Gott.
    Ich denke, wir sollten diesen Begriffen gegenübertreten mit dem „Vater unser“, in dem es so schön kurz auf den Punkt gebracht heißt:
    „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“.
    Wenn dies wirklich von allen Kreisen, die wir das Gebet in allen hl. Messen beten – wahrscheinlich ohne Herz und leider nur noch aus Routine beten – beachtet werden würde – und Jesus wusste, dass die Menschen zur Spaltung in der Rechthaberei, weil sie zur Durchsetzung des Willens zur Macht der Deutungshoheit neigen – würden sich so manche Gegenpositionen in Luft auflösen.
    Es geht nicht darum, wer von den Menschen recht hat, sondern dass der Wille, des Vaters, des Heilige Geist und Jesu, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, geschieht. Es geht um das Erspüren von Wahrheit aus den biblischen Texten heraus. Nicht immer sind sie wortwörtlich zu nehmen. Und das wurde in diesem jesuanischen Gebet vollkommen zum Ausdruck gebracht. Offensichtlich wollen sich die Spalter, gleich welcher Couleur eher auf sich selbst, ihr Wissen, ihre Reputation, ihren akademischen Grad berufen, als auf Gott und haben die Tiefe dieses Grundgebets einfach nicht verstanden oder besser gesagt, sie wollen wegen der Hervorhebung der eigenen Profilierung nicht verstehen. Niemand will ja in der Wahrnehmung des öffentlichen Interesses im Rahmen des innerkirchlichen Diskurses in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Aber genau das will der Heilige Geist: Demut, Bescheidenheit, Hören auf das, was Gott, der Schöpfer will und nicht was Geschöpfe wollen. Die alten Mütterchen, im Rosenkranzgebet vertieft, die Gattung, die von liberalen Kreisen in den 70er Jahren bis heute so herablassend belächelt wurden, hatte mehr Glaubenswahrheit und Glaubensleben zu bieten als viele zeitgeisthörige, sich liberal verstehende Theologen, die sich in ihrer Selbstgefälligkeit schön und absolut sahen.
    Die Konservativen, die dem Papst nachfolgen sollten, aber in jedem Wort seines Mundes irgendwelche Kritik anzubringen haben, die somit wissen, wie Papst geht, und nur dem Papst dieses nicht zutrauen Papst zu sein, sind päpstlicher als der Papst und wissen eh alles dogmatisch besser, gefallen sich ebenfalls in ihrer Rolle, die absolute Wahrheit gepachtet zu haben. Auch kein Zeichen von Demut.
    Das Papsttum muss immer wieder den Willen des Vaters, den Willen Jesu erforschen und auch in der Lage sein, zwischen den Zeilen des jesuanischen Auftrags zu lesen und zu lehren. Der Heilige Geist ist nach 2000-jähriger Geschichte der Kirche, wenn der Weg der Demut und der Einfachheit nicht verlassen wird, der Garant für das Gelingen christlicher und somit katholischer Vorgabe.
    Die Reformatoren wollten ein anderes Christentum und das führte zur Spaltung, die meines Erachten nicht gefeiert werden sollte. Denn die Reformation ist ja letztlich die Einbetonierung der Spaltung und Spaltung ist kein Grund zum Feiern. Jesus wollte Einigkeit. Die Reformation hat bewirkt, dass jeder Christ sich sein eigenen Christentum aus der Bibel ableiten kann und so der Uneinigkeit Vorschub gibt.
    Selbstverständlich können Papst und Kirche in ihrer äusseren zeitgebundenen Erscheinung kritisiert werden, und es hat Zeiten gegeben, wo diese Kritik dringend erforderlich war. Aber die Gefahr dabei ist, dass die uns von Jesus gelehrte Demut, das Dienen, verloren geht.

  2. Mathias Wagener sagt:

    Das war ein wirklich interessantes Interview mit klaren Positionen. An den politischen Begriffen wie „lberal“ und „Konservativ“ störe ich mich allenthalben. Die Unauflöslichkeit der Ehe kann doch z.B. nicht als „konservativ“ apostrophiert werden. Wer etwas will, was mit dem Glauben nicht vereinbar ist, ist auch nicht „liberal“ im Kirchensinn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *