Zur Aufweichung des kirchlichen Arbeitsrechts. „Am Wesentlichen vorbei“.

Auagerechnet von außerhalb Europas, aus den USA, müssen wir uns auf eine weitere Aufweichung katholischer Prinzipien, die auf der Lehre der Kirche beruhen, aufmerksam machen lassen. Es ist die bekannte katholische Zeitung „National Catholic Register“, die uns von den Plänen der Deutschen Bischofkonferenz berichtet. Diese werden ausgerechnet zu einem Zeitpunkt bekannt, in dem gerade in Deutschland höchstrichterlich die kirchliche Praxis bestätigt wurde, Menschen, die sich nicht an die Praxis der Kirche im Umgang mit Angestellten im kirchlichen Dienst aus diesem entlassen zu können. Siehe hierzu:   http://www.kath.net/news/48372

Nun könnte man durchaus auf seiten der Aufweichler argumentieren, dass wir heute schon und noch mehr in Zukunft immer mehr Schwierigkeiten haben werden, deutsches und vor allem katholisches Personal in den Krankenhäusern zu finden, in denen wir ja schon Chefärzte aus Migrantenkreisen, also aus anderen Kulturen, haben. Dabei stellt sich allerdings wieder erneut die Frage, ob die katholische Kirche noch alle Institutionen auf die Dauer weiterführen soll und kann, die mit katholischem Personal zumindest in der Leitung nicht mehr zu besetzen sind. Schließlich geht es nicht nur um die Krankenhäuser, sondern um zahlreiche andere Institutionen, von denen die Caritas eine der größten ist.
Im Folgenden veröffentlichen wir hier eine etwas ausführlichere Betrachtung von Hw. Herrn Prälat Prof. Dr. Lothar Roos, der das Forum Deutscher Katholiken auf dem „Dialogprozess“ 2012 in Hannover vertreten hat und der einmal über diese Veranstaltung kritisch berichtet, zum anderen aber sich gerade mit diesen Fragen der Katholizität der kirchlichen Institutionen beschäftigt.
Der Beitrag „Am Wesentlichen vorbei“ ist erschienen in unserer Monatszeitschrift „Der Fels“ im November 2012. Seiner Aktualität wegen veröffentlichen wir ihn hier noch einmal.

Der im vorigen Jahr in Mannheim von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) begonnene „Gesprächsprozess“ soll sich mit den drei Grundaufgaben der Kirche befassen: der „Bezeugung des Glaubens“ (Martyria), der „Verehrung Gottes“ (Liturgia) und der „Verantwortung in der freien Gesellschaft“ (Diakonia). In Umkehr dieser logischen Reihenfolge sollte am 14./15. September 2012 in Hannover zunächst über die „Diakonia“ gesprochen werden. So machte ich mir als Delegierter der Bewegung „Freude am Glauben“ zu folgenden drei Fragen Gedanken: (1) Worin bestehen die Bausteine einer „Zivilisation der Liebe“, die wir Christen den Menschen von „heute“ schulden? (2) Wie sieht es mit der Gesellschaft aus, in der wir leben? Wo sind die „Türen“ für die Diakonie der Kirche offen, wo sind sie verschlossen? (3) Wie steht es damit bei uns selbst? Wie können wir auch anderen dabei helfen, den Weg zu Christus und damit zu einer „Zivilisation der Liebe“ zu finden?

1. Zur Methodik des Gesprächsprozesses
Wie sollte es möglich sein, so fragte ich mich gespannt, in zwei halben Tagen und mit über dreihundert Teilnehmern über diese Fragen zu sprechen und dabei zu repräsentativen „Ergebnissen“ zu gelangen?
a) Die „Tischrunden“
Bei der Registrierung der Teilnehmer konnte jeder ein nummeriertes Los ziehen, womit er einer zufällig zusammengesetzten Tischrunde von je acht Teilnehmern zugeteilt war. Auf jedem Tisch lagen zwei iPads bereit, in die jeder eintippen konnte, was ihm gerade einfiel. So kamen in kurzer Zeit insgesamt 471 Einzelmeldungen beim Zentralcomputer an. Eine nächtliche Arbeitsgruppe unternahm dann eine gewisse Sortierung der Eintragungen. So entstanden 38 Themengruppen, die „wegen ihrer großen Zahl allerdings dem Gesprächsprozess, dem Finden von Lösungen, kaum konstruktiv weiterhalfen.“ 1. Die vor Beginn der „Tischrunden“ vorgetragenen „Impulse“ der drei Bischöfe Overbeck, Bode und Kardinal Marx hatten auf den Gesprächsprozess kaum Einfluss. Aufgrund dieser Methodik konnte es gar nicht ausbleiben, dass sich am Ende die klassischen „Reizthemen“ als wichtigstes Ergebnis herausstellten: der Umgang mit zivil Geschiedenen und Wiederverheirateten, und damit zusammenhängend, die Forderung, die kirchliche „Grundordnung“ dergestalt zu ändern, dass man hier „großzügiger“ als bisher handelt; dass man den kirchlichen „Umgang“ mit der Sexualität bzw. die „kirchliche Sexualmoral“ überdenken und die Stellung der Frauen in der Kirche „aufwerten“ müsse. Einige ergänzende Postulate außerhalb der „Reizthemen“ waren: Die ehrenamtliche Dia­konie vor Ort müsse gegenüber der hauptamtlich organisierten Caritas verstärkt werden; die Kirche müsse gegenüber den Menschen „sprachfähiger“ werden; man solle die „Charismen“ in den Gemeinden nach dem Vorbild des Apostels Paulus in ihrer ganzen Breite fördern.

b) Die kategorialen Kreise
Am Samstagvormittag wurden die Tischgruppendiskussionen abgelöst durch die Bildung von kategorialen Kreisen der neun unterschiedlichen Gruppen von Teilnehmern: Bischöfe, Vertreter der Caritas, Geistliche Gemeinschaften, Vertreter der Gemeinden, Ordensleute, pastorale Mitarbeiter, Priester, Theologie-Professoren, Repräsentanten katholischer Verbände. Sie sollten versuchen, jeweils drei ihnen besonders wichtig erscheinende Empfehlungen zu formulieren.
Die Bischöfe legten z. B. Wert auf den „Lebensschutz“, die Caritasvertreter forderten eine „Quotenregelung“ für Frauen in Kirche und Caritas. Die „Geistlichen Gemeinschaften“ wiesen hin auf die „Verantwortung aller Getauften“ für das Leben der Kirche und darauf, dass die Jugend des Glaubens „bedürftig“ sei. Vertreter der Gemeinden postulierten politisches Engagement, z.B. Entscheidungen gegen die „herrschende Asylpolitik“. Die Vertreterin der Ordensleute formulierte als „Selbstverpflichtung“, die Sexualität neu zu bedenken und positiv zu leben. Schließlich schlug sie ein „Versöhnungsprojekt“ mit „Donum vitae“ vor, ein Postulat, das insgesamt den größten Beifall erhielt. Der Vertreter der pastoralen Mitarbeiter vermisste die „Option für die Armen“. Von der Gruppe der Priester wurde dezidiert eine „Neuformulierung der Sexualmoral“ gefordert. Die Theologieprofessoren warben für die „Implementierung“ der „Gender-Theorie“ in die Kirche. Der BDKJ- Vorsitzende setzte sich für den Diakonat von Frauen und die Gemeindeleitung durch Frauen ein, reklamierte die Wiedervorlage der Beschlüsse der Würzburger Synode und meinte humorvoll, in allen Zweifelsfragen solle man „den BDKJ fragen“.

c) Die „Aquariums-Debatte“
Methodischer Schlusspunkt des „Gesprächsprozesses“ war dann der sogenannate „Fishbowl“, also die „Aquariums-Debatte“, in der in der Mitte des Raumes je ein Vertreter der neun kategorialen Gruppen saß, um ein Gesamtresümee bzw. die jeweils wichtigste „Empfehlung“ zu formulieren. Dies war der einzige Ort, an dem öffentlich ein kleines Fenster für andere als die Mehrheitsmeinungen offen war. Dazu stand ein leerer Stuhl für ein kurzes Statement aus dem um das „Aquarium“ postierte Publikum bereit.
Dies nutzte einer der beiden Vertreter des „Forum Deutscher Katholiken“, Bernhard Mihm, zum einzigen oppositionellen Statement der Versammlung: Er wolle einmal „gegen den Strich bürsten“. Es herrsche ja „große Einmütigkeit, dass sich die Kirche in Fragen des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit“ bewusst als „Gegensatzbewegung zu den herrschenden Auffassungen und Verhältnissen“ verstehen müsse. „In Fragen um Ehe und Sexualität aber soll das anders sein. Ich meine, auch da muss die Kirche sich als ‚Gegensatzbewegung’ verstehen.“ Sie müsse sich „gegen den gesellschaftlichen ‚Mainstream’ stellen und sich nicht von der Gesellschaft leiten lassen, sondern von ihren eigenen Grundsätzen und Einsichten.“ Sie sei „der Wahrheit verpflichtet, nicht der Gesellschaft“. Was dann geschah, kommentierte die Fuldaer Zeitung mit der Überschrift „Buh-Rufe für CDU-Politiker“, und fuhr fort: „Die wahren Gläubigen vor Ort denken anders“, so kommentierte ein Pfarrer die Wortmeldung von Mihm, und erhielt dafür Applaus. „Eine laute Kontroverse war unerwünscht, Harmonie war das Programm.

2. Zum kirchlichen Profil der Caritas
In der Annahme, dass gemäß der Ankündigung in Hannover das Thema „Diakonie“ im Mittelpunkt stünde, hat sich das Kuratorium des „Forums Deutscher Katholiken“ darüber Gedanken gemacht, worüber hier zu diskutieren wäre. Da die Kirche mit ihren sozial-caritativen Diensten am weitesten in die moderne Gesellschaft hineinreicht, hat dazu das „Forum“ einige Überlegungen formuliert und schon im August allen Bischöfen vorgelegt, die dann später in der Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ veröffentlicht wurden.3 In einer „Zivilisation der Liebe“ geht es zunächst um Hilfen in elementarer Lebensnot. Hier gilt das Vorbild des „barmherzigen Samariters“. Nach dem Wort Jesu: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Hier ist jeder Christ zur Hilfe verpflichtet und zwar ohne alle weiteren Bedingungen als der eigenen Möglichkeit dazu. Der weitaus größte Teil des sozial-caritativen Engagements der Kirche bzw. der Caritas besteht jedoch in Hilfen zur Anhebung der Lebensqualität bei den Risiken der Kindheit, des Alters, der Krankheit, der Arbeitslosigkeit, der Pflegebedürftigkeit, der Behinderung usw. Hier geht es mehr als bei der Hilfe in elementarer Lebensnot, insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe (Kindergärten, Kitas), sowie der Ehe- und Familienberatung, um die religiös-ethische Dimension und deshalb besonders um das katholische Profil der entsprechenden Angebote der Kirche. Bei der Frage nach dem christlichen „Mehrwert“ der sozial-caritativen Dienste fiel in jüngster Zeit besonders auf, dass sich der Deutsche Caritas-Verband öffentlich gegen das „Betreuungsgeld“ ausgesprochen hatte. Dies wurde von einigen Bischöfen deutlich kritisiert. So schrieb z. B. Bischof Hanke (Eichstätt) in einem Brief an den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, die Caritas „sollte unbedingt den Eindruck vermeiden, als eine Anwältin in eigener Sache zu agieren, um das eigene ökonomische Interesse als Krippen-Trägerin vor das Kindeswohl zu stellen. Die erzieherische Eigenverantwortung der eigenen Eltern ist ein unaufgebbares Prinzip unserer katholischen Soziallehre.“4 Mehrere Bischöfe haben dem „Forum Deutscher Katholiken“ für seine Stellungnahme gedankt. So konnte es dazu kommen, dass es in dieser Frage vor Hannover zu einer gemeinsamen Linie der Bischöfe und des deutschen Katholizismus kam, und zwar in einer „gemeinsamen Stellungsnahme des Familienbundes der Katholiken, des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, des Kommissariats der Deutschen Bischöfe“ vom 04. September 2012. Dort setzen sich die Unterzeichner für ein Betreuungsgeld in Höhe von EUR 300,– ein, um Eltern zu ermöglichen, „öffentliche oder private Betreuungsangebote zu finanzieren oder sich für eine häusliche Erziehung und Betreuung zu entscheiden“. Dem schloss sich schließlich auch der Deutsche Caritasverband am 13.9.2012 an. – In Hannover allerdings wurden diese und andere Fragen, die mit dem kirchlichen Profil der Caritas zusammenhängen, allenfalls am Rande angesprochen, einige Wortmeldungen gingen sogar in die Richtung, dass – im Unterschied zur Kirche insgesamt – die Caritas „so populär wie der ADAC“ sei. Eine Stimme meinte sogar, man müsse unterscheiden zwischen der „Kirche als Caritas“ und der „bischöflich verfassten Kirche“.

3. Licht und Schatten in Hannover

a) Pluralismus – Bereicherung oder Belastung?
Eine im Programmheft vorgegebene Behauptung lautete: „Unsere Kirche hat große Ausstrahlungskraft, wenn wir Vielfalt als Bereicherung erleben.“ Die Teilnehmer sollten sich Gedanken darüber machen: „Welche Vielfalt in Kirche und Gesellschaft erleben wir als Bereicherung?“. Etwas boshaft könnte man sagen: Es wurde über alles und nichts diskutiert. In den Tischgruppen hörte man einander zu, versuchte einander zu überzeugen, dachte über gegensätzliche Positionen nach. Wertvoll waren auch viele informelle Gespräche bei den Mahlzeiten und bei Begegnungen in den Pausen. Es war auch zu spüren, dass es allen Teilnehmern um die Sache der Kirche, ihren Dienst an den Menschen ging, dass sie selber aktiv am Leben der Kirche beteiligt sind. Aber wirklich einigen über das, was für die Zukunft der Kirche wichtig sei, konnte man sich kaum. Inwieweit die Vielfalt tatsächlich als „Bereicherung“ oder als Belastung empfunden wurde, ließ sich letztlich nicht ausmachen.

b) Ergebnisdruck
Der „Gesprächsprozess“ steht seit Mannheim unter der immer wieder ausgesprochenen Drohung, er werde scheitern, wenn er keine „Ergebnisse“ erbringe. In den Pressemitteilungen der DBK nach der am 28.09.2012 beendeten Herbstvollversammlung in Fulda erläuterte Erzbischof Zollitsch die „Handlungsziele“, die von den in Hannover teilnehmenden Bischöfen dort formuliert wurden: „Dazu gehören das Bemühen um eine angemessene Pastoral für zivil geschiedene und wiederverheiratete Gläubige unter Einschluss arbeitsrechtlicher Aspekte, die Sorge und eine vermehrte Mitwirkung der Frauen in der Kirche und die Stärkung der Diakonie vor Ort“. Was aber haben diese Fragen, abgesehen von der letzteren, so Hinrich E. Bues, „noch mit der ‚Diakonia’ der Kirche, der ‚Zivilisation der Liebe’, unserer Verantwortung in der freien Gesellschaft – so das offizielle Thema – zu tun?“5 Ein Mitarbeiter des Berliner Kommissariats der Deutschen Bischöfe, das für die Beziehungen zwischen Kirche und Staat zuständig ist, sagte mir: Was hier diskutiert wird, hat kaum etwas mit all den Fragen zu tun, die wir im „Katholischen Büro“ im Blick auf die gesellschaftliche Diakonie der Kirche besprechen und verhandeln. Dazu gab es nicht nur keine Ergebnisse, sondern nicht einmal Fragen.

c) Der Professor und die Kanaldeckel
In „Christ und Welt“ stellte Volker Resing unter der Überschrift „Ab durch die Mitte“ fest: „Bischöfe und Laien haben sich in der vergangenen Woche überraschend auf ein Reformprogramm verständigt. Vom Arbeitsrecht bis zur Frauenförderung sind pragmatische Lösungen in Sicht. Jetzt kommt es darauf an, diesen Weg gegen eine Fundamentalkritik von rechts und links zu verteidigen.“ Als Beispiel für „linke Fundamentalkritik“ nannte er das von dem Mainzer Theologen Gerhard Kruip erzählte „Gleichnis“: „Die Katholiken in Deutschland, so komme es ihm vor, würden in finsteren Gängen und Kanälen unter der Erde umherirren. Sie seien auf der Suche nach Licht. Oben an den Enden der Gänge dringe von außen ein kleiner Spalt Helligkeit nach unten. Die Menschen versuchten, die Kanaldeckel, welche die Eingänge verschlössen, nach oben aufzudrücken. Aber der Weg zum Licht bleibe versperrt, denn auf jedem Kanaldeckel säße ein Kurienkardinal und halte die Öffnung verschlossen.“ Resing meinte dazu: „Wer ein solches Bild von der Kirche malt, unterstellt Böswilligkeit“ und „sitzt selbst auf einem Kanaldeckel.“6
Gegen diese Kritik suchte sich Gerhard Kruip in der nächsten Ausgabe von „Christ und Welt“ zu verteidigen, indem er „noch eins draufsetzte“. Er fordert darin „analog zur Pfarrerinitiative in Österreich“ mit ihrem spektakulären Aufruf zum „Ungehorsam“ eine „Bischofsinitiative“ gegen „Rom“. In einem Leserbrief dazu bezeichnete ich die Parole „Weg mit Rom, und alles wird gut“ als „naiv“, weil sie die wahren Ursachen des Glaubens- und Gläubigenschwundes völlig ausblendet. Insofern hatte Volker Resing recht, als er seinen Bericht über Hannover mit der Feststellung abschloss: Die „Erneuerung des Glaubens“ könne in einer zunehmend „säkularen“ Situation nur „im Kleinen“ gelingen: Wenn „Eltern mit ihren Kindern in die Kirche gehen, beten, die Heilige Schrift hören, mit anderen Eucharistie feiern und Gott loben und preisen“.

d) Die Bibel und der Papst – Fehlanzeige
Eine der Fragen, die im „Tagungsbuch“ des Gesprächsprozesses vorgegeben war, lautete: „Wieso glauben wir, nicht nahe bei den Menschen zu sein?“ Ich stellte in meinem „Tischkreis“ die Gegenfrage: „Warum sind die Menschen nicht nahe bei uns, bei der Kirche, beim christlichen Glauben?“ Darauf wurde nicht eingegangen. Es herrschte die Vorstellung: Wenn wir nur „gut genug“ wären, dann hätten wir keine Probleme damit, „nahe bei den Menschen zu sein“. Aufschlussreich war auch die Erfahrung, dass beim „Gesprächsprozess“ kaum biblisch argumentiert wurde. Die „Pastoral Jesu“ kam allenfalls bei der Bemerkung eines Pfarrers vor, Jesus sei der Heiland der „Zöllner und Sünder“ gewesen und habe der „Ehebrecherin“ vergeben. Dass sich Jesus nachdrücklich und sogar zum Entsetzen seiner Jünger gegen die damalige Scheidungspraxis mit dem Satz wandte „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“(Mk 10, 9), davon war nicht die Rede. Mit diesem Hinweis soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass bei der gegenwärtigen innerkirchlichen Diskussion, und so auch in Hannover, eine biblische, an der Pastoral Jesu orientierte Reflexion über die Chancen und Hindernisse des Glaubens kaum in den Blick kam.7 Dies galt auch im Hinblick auf das Apostolische Schreiben „Porta fidei“ Benedikts XVI. Der Papst kam in Hannover nur in der Weise „ins Gerede“, als manche ihr Unverständnis über seinen Freiburger Vortrag und das dort angeschnittene Thema einer „Entweltlichung“ der Kirche zum Ausdruck brachten.

e) Einige tröstliche Erfahrungen
Es gab aber auch eine ganze Reihe tröstlicher Erfahrungen: So konnte ich in meiner „Tischrunde“ einzelne Aussagen sammeln wie z. B.: Die sozial-karitative Diakonie sollte mehr mit den Gemeinden verknüpft sein; wir müssten den schulischen Religionsunterricht stärker in den Blick nehmen; man müsse sich wieder mehr mit dem Evangelium befassen, mit dem Leben aus den biblischen Schriften, etwa im „Bibel-Teilen“; es komme darauf an, junge Familien zu fördern, gerade auch im Blick auf die religiöse Erziehung der Kinder; wir müssten uns mehr um eine „Charismenorientierte“ Pastoral mühen; es gäbe viel Gutes, das unbekannt sei, und das wir mehr in den Blick nehmen sollten. Besonders beeindruckt hat mich die Feststellung einer Vertreterin der Geistlichen Gemeinschaften: „Jeder Glaubende ist eine Gabe Gottes für die gesamte Gesellschaft.“

4. „Das Wesentliche“
In der das Gesprächsforum abschließenden Eucharistiefeier stellte Erzbischof Zollitsch seine Predigt unter den Satz von Kardinal Martini „Es muss mehr um das Wesentliche gehen“. Dies führt zu der Frage: Konnte der „Gesprächsprozess“ in Hannover, schon angesichts seiner organisatorischen Form, überhaupt zum „Wesentlichen“ gelangen? Damit soll nicht bestritten werden, dass die Frage, wie wir als Kirche mit zivil wiederverheirateten Geschiedenen umgehen, die darunter leiden, nicht die Kommunion empfangen zu können, eine wesentliche Frage darstellt. Aber davon abgesehen, sollte es ja in Hannover „um unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft“ gehen. Im Programmheft war z. B. behauptet worden: „Unsere Kirche hat große Ausstrahlungskraft, wenn wir gesellschaftlichinitiativ, politisch präsent und wirksam sind.“ Bei einer solchen Feststellung, fühlt man sich in die Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückversetzt. Warum aber kann dies heute in diesem Sinn nur noch sehr begrenzt zutreffend? Darüber wurde in Hannover wenig nachgedacht. Es schien der Eindruck zu herrschen: Wenn wir uns als Kirche nur „richtig“ reformieren, dann können wir politisch präsent und wirksam werden. Außerdem sollte man zugeben, dass die „Reizthemen“ von den reformatorischen Konfessionen längst im Sinne einer „fortschrittlichen“, pluralistischen „Kirche der Freiheit“ erfüllt sind, ohne dass deren gesellschaftliche Kraft größer wäre als die der Katholischen Kirche – im Gegenteil. Eine „Kirche light“ kann weder im Sinne des Glaubens sein, noch kann sie der Gesellschaft jene Dienste leisten, die sie vom christlichen Glauben und der Kirche erwarten kann.
In seinem Beitrag „Ab durch die Mitte“ warnte Volker Resing wie schon erwähnt davor, das in Hannover erreichte „Reformprogramm … von den Rändern her schon wieder zu kritisieren“. Den „linken Rand“ repräsentiert für ihn der Sozialethiker Gerhard Kruip, den rechten Walter Kardinal Brandmüller, der beim „Forum Deutscher Katholiken“ zeitgleich mit Hannover in Aschaffenburg erklärt habe: „Vom Dialog ist im Evangelium mit keinem Wort die Rede“. Ohne letztere Aussage hier bewerten zu wollen, sei davor gewarnt, die Glaubenskrise nach dem Strickmuster „zwei rechts, zwei links, zwei fallen lassen“ lösen zu wollen. Es gibt leider derzeit in der Kirche in Deutschland keine „gesunde“ Mitte und zwei „ungesunde“ Ränder. Vielmehr zieht sich ein tiefer Riss mitten durch die Kirche und die Gemeinden. Wer das übersieht, verharmlost den Ernst der Lage. „In Gefahr und großer Not, bringt der Mittelweg den Tod“, sagt eine Lebensweisheit. Man sollte nicht länger der Frage ausweichen: Welche Kirche haben wir in zwanzig Jahren zu erwarten, wenn Säkularisierung und Entchristlichung so weiter gehen wie bisher, und wie bereiten wir uns darauf vor? Die Bischöfe und alle anderen Gläubigen werden an bestimmten Entscheidungen im Sinne dessen, was Benedikt XVI. „Entweltlichung“ genannt hat, nicht vorbeikommen. Damit wird nicht die Flucht in die „Kleine Herde“(Lk 12, 32) propagiert, aber nach dem unvermeidbaren Weg zu einer grundlegenden Neuevangelisierung gefragt. Gewiss muss sich die Seelsorge immer um alle mühen, aber dies ist nur möglich, wenn wir keine „Kernschmelze“ erleiden.8 Für mich ist es tröstlich, dass die jungen Priesteramtskandidaten, unter denen ich lebe, die Dinge weithin genauso sehen und dennoch ihren Weg in der „Freude am Glauben“ zu gehen suchen. Es bleibt zu hoffen, dass die nächsten Etappen des „Gesprächsprozesses“, bei denen es 2013 um „Die Verehrung Gottes heute“ (Liturgia) und 2014 um „Den Glauben bezeugen“ (Martyria) gehen soll, in diesem Sinn sich „nüchtern und wachsam“ (1 Petr 5, 8) und zugleich mit der Zuversicht des Glaubens der gesellschaftlichen und kirchlichen Wirklichkeit stellen. 

1 Hinrich E. Bues: „Um Himmels willen nicht nur Gerede“. Dürftige Analysen, mangelnde Ausstrahlung: Die zweite Runde des Dialogprozesses schwelgt in Meinungen, in: Die Tagespost vom 20. September 2012, Nr. 113, S. 6.
2 Vgl.: Frauendiakonat und Würste. Worüber beim Dialogforum diskutiert wurde In: Fuldaer Zeitung vom 17.9.2012.
3 Lothar Roos, Zum kirchlichen Profil der Caritas, in: Die Neue Ordnung, August 2012, Heft 4, S. 265 – 283. Der Artikel kann kostenlos unter www.die-neue-ordnung.de heruntergeladen werden.
4vgl. auch Lothar Roos „Betreuungsgeld“ und „Caritas“, in: DER FELS, 43. Jahr (August/September 2012), S. 254-256
5 Hinrich E. Bues, a.a.O., S. 6.
6 Volker Resing: Ab durch die Mitte, in: Christ und Welt, 20. September 2012, Nr. 39, S. 1.
7 Vgl. Lothar Roos: Der Eine für viele. Die Pastoral Jesu und die Neuevangelisierung heute, in: Reinhard Doerner (Hrsg.): „Fürchte Dich nicht, du kleine Herde“ (Lk 12, 32). Katholische Kirche in Deutschland zwischen Traditions- und Entscheidungskirche. Kardinal-von-Galen-Kreis e.V. 2012, S. 10-34.
8 Vgl. dazu: Lothar Roos, Neuevanglisierung statt Modernisierung, in: Die Neue Ordnung Nr. 4(2011), S. 262-273.(Der Beitrag kann kostenlos heruntergeladen werden: www.die-neue-ordnung.de)

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5 Antworten auf Zur Aufweichung des kirchlichen Arbeitsrechts. „Am Wesentlichen vorbei“.

  1. Die Abschaffung der Kirchensteuer lehne ich ab, da dadurch die Teilung in reiche und arme Gemeinden gefördert wird. Auch würde der Priester sich in Abhängigkeiten von Spendern in unvertretbarer Weise begeben. Im Übrigen ist die Kirchensteuer gerecht, da sie die Gemeindeglieder nach ihrer Leistungsfähigkeit belastet. Regelmäßige Beiträge der Gemeindeglieder sind unerläßlich zur erfüllung der mannigfaltigen Aufgaben.

  2. michael joseph schaaf dr.dr. sagt:

    Das ZdK – Herr Glück – hat schon festgestellt, dass die jungen Priesteramtskandidaten
    sehr streng und eng in ihrem menschenbild seien. Was soll man von solchen Menschen halten? Gealterte Jugendliche, die ihren Frühling hinter sich haben.

  3. michael joseph schaaf dr.dr. sagt:

    die gottes- und glaubenskrise wird nicht gelöst werden können, wenn wir menschen nicht einsicht üben, umkehren – und dann die barmherzigkeit gottes erfahren können. wir sind alle sünder und bedürfen der barmherzigkeit; aber jesus und sein vater lieben die sünder, doch er und sein vater hassen die sünde; deshalb gilt: „kehret um und bekehret euch…“. von umkehr höre ich nichts von diesen sog. hirten; sie wollen verqueerte lebensrealitäten anerkennen, sie wollen barmherzigkeit – was für ein scheinbares gutmenschentum!

  4. michael joseph schaaf dr.dr. sagt:

    Schafft die Kirchensteuer und die Dotationen von denen die Hirten bezahlt werden ab.

  5. Hildegard Maria Kiefer sagt:

    Naja,die Priester, die die Lehre CHRISTI verteidigen,werden MUNDTOT gemacht, wie unser PFARRER ECKERT, der vom BISCHOF seines Amtes enthoben wurde.

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