Ich bin nicht Charlie, sondern Christ!

Trotz aller Unvollkommenheit und Schwäche bemühe ich mich, ein Jünger Jesu zu sein. Nein, ich bin nicht Charlie. Das heißt, dass ich mich nicht mit denen identifizieren kann, die meinen Glauben in den Dreck ziehen und verspotten. Davon gibt es weltweit unzählige Menschen.
Aber ich werde bis zu meinem letzten Atemzug das Recht dieser Menschen auf unversehrtes Leben verteidigen. Niemand darf aus Rache oder Selbstjustiz einem anderen Menschen das Leben nehmen oder es durch Gewaltakte beeinträchtigen. Wir Christen sollten das Liebesgebot Christi tief in unser Herz einschreiben und versuchen es mit all unserer Schwäche zu leben: „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen…“. „Liebet einander, wie ich euch geliebt habe.“ Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch sage!“
Diese Worte Jesu sind der Grund, warum Christen keine Bomben auf ihre Feinde werfen oder sie mit Kalaschnikows niederschiessen. Auch unsere Feinde und Verfolger sind unsere Nächsten, die wir lieben sollen. Das ist für zahllose Menschen schwer anzunehmen, weil das Gelüste nach Rache und Revanche zu den Regungen gehören, die die Lehre unserer Kirche als eine Folge der Erbsünde, des Fallens der ersten Menschen einordnet.
„Mein ist die Rache“, spricht der Herr: „Ich werde vergelten“. Das heißt, dass die Stunde für jeden Menschen kommt, in der er sich dem Gericht Gottes stellen muss. Das macht mich ruhig, wenn ich höre und sehe, wie Bosheit und Niedertracht und Gewalt in der Welt Triumpfe feiert. Und es führt mich tiefer ins Gebet gerade für die, die den Willen Gottes mit Füssen treten.
Es sei mir erlaubt, hier ein Zeugnis zu geben. Ich war 12 Jahre alt und im Internat in einer furchtbaren Verfassung und Einsamkeit, als Stalin starb und alle Welt sagte: „Gott sei Dank, dass dieser Massenmöder tot ist ist.“ Ich war auf einem Spaziergang im württembergischen Ried, als eine Stimme tief in mir sagte: „Bete für Stalin“. Ich sagte: „Ich kann doch nicht für diesen Massenmöder beten. Alle Welt ist froh, dass er tot ist.“ Aber die Stimme in mir wiederholte sanft und beharrlich: „Bete für Stalin“. Und da habe ich für Stalin gebetet. Und diese „Bitte“ habe ich bis heute im Herzen, und wenn eine(r) von den ganz Schlimmen stirbt, dann zünde ich die Osterkerze an und bete für ihn (sie). Das gibt mir eine große Ruhe und tiefen Frieden. Gott ist derjenige, der das Urteil spricht und das ist absolut gerecht, und kein Mensch entkommt dem – auch die nicht, die das nicht glauben und sich darüber lustig machen.
Und deshalb werde ich keinem Menschen auf Erden das Lebensrecht absprechen.
Papst Benedikt XVI. hat oft das Wort der Bibel ausgelegt; dass nur durch die Vergebung das Böse (der Böse) überwunden werden kann. Das ist für die meisten Menschen keine Wahrheit, aber es ist Gottes Wahrheit; denn die Vergebung ist die Frucht der Liebe.
In meiner Heimatstadt Wuppertal gab es einen vorsitzenden Richter am Landgericht, der oft sagte, wenn der Delinquent rief: „Wo bleibt die Gerechtigkeit, Herr Direktor“: „Mein Lieber, Gerechtigkeit gibt es nur im Himmel. Hier auf Erden haben Sie nur einen Anspruch auf ein Urteil nach den Gesetzen dieses Landes. Und das werden Sie jetzt bekommen.“
Es tröstet mich unendlich, dass jedermann sich am Ende seines Lebens einem Urteil stellen muss, in dem ihm göttliche Gerechtigkeit zuteil wird; denn nur Gott sieht in die Herzen der Menschen. Das gilt auch für die, die es nicht glauben wollen. Deshalb kann mich auch der Spott derjenigen, die unseren Glauben mit Füßen treten, nicht zur Rache verleiten.
Wer einem Menschen jäh das Leben nimmt, nimmt ihm die Möglichkeit zu reifen, umzukehren und sich zu ändern und damit sein Leben zu vollenden. Die letzte Reifung geschieht im natürlichen, angenommenen Tod und in der festen Hoffnung, ja Gewissheit auf Gottes Barmherzigkeit, die alles übersteigt aber nicht unsere groben Verstöße gegen die Liebe einfach wegwischt; denn Gott ist absolut gerecht, wie der Heilige Pfarrer von Ars immer betont hat.
Mein evangelischer Vater hatte sich als Sterbespruch ein Wort des Apostels Paulus aus dem Römerbrief ausgesucht: „Der Tod ist der Sünde Lohn; die Gabe Gottes aber das ewige Leben.“
Und deshalb werde ich das Lebensrecht und die körperliche Unversehrtheit aller Charlies dieser Welt, die den Glauben verspotten, bis zu meinem letzen Atemzug verteidigen mit festem Blick auf das Kreuz Christi und auf sein leeres Grab.

Michael Schneider-Flagmeyer

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10 Antworten auf Ich bin nicht Charlie, sondern Christ!

  1. Benno sagt:

    Zu Mathias Wagener

    Stimme Ihnen voll zu. Es wäre billige Beliebigkeit, würde ich alle Religionen als gleichwertig betrachten. Das kann eigentlich nur ein Atheist oder ein Agnostiker.
    Sobald ich im Glauben stehe, habe ich ja die Glaubensgewissheit, ein Begriff der rein materialistisch ( im philosophischen Sinn) orientierten Leuten zwangsläufig unlogisch erscheinen muss. Aber für mich ist es die Wahrheit, und die ist nicht austauschbar.

    Was mich in den letzten Jahren sehr fasziniert hat, war die Auseinandersetzung von Benedikt XVI mit der Fragestellung: Glaube und Vernunft.
    Der christliche Glaube ist nicht nur einfach schön und von innerer spiritueller Kraft, er ist auch überaus vernünftig.

  2. Michael Schneider-Flagmeyer sagt:

    Nur Gott sieht in die Herzen der Menschen, Herr Wagener. Nur Er weiss, wie sie das wurden, was sie sind. Von Stalin wird berichtet, dass er Gott nicht abgelehnt habe (im Gegensatz zu Hitler) und gerade gegen Ende seines Lebens nachdenklicher wurde. Wenn auch in den Augen der Menschen an jemand nichts Gutes ist, meinen Sie nicht, dass Gott tiefer blickt als Sie und ich?
    Dem Menschen wird jede Sünde vergeben, wenn er darum bittet. Nur eine Sünde vergibt Gott nicht, die Sünde gegen den Heiligen Geist. Das ist die Bestreitung der Vollmacht Christi und des Erlösungswerkes Gottes durch Seinen Sohn Jesus Christus. Wer diese Sünde in voller Kenntnis der evangelischen Botschaft begeht, der wird Gott nicht um Vergebung bitten, weil er an die Vollmacht Christi Sünden zu vergeben nicht glauben WILL. Wer Gott ablehnt, dem läßt Gott seinen Willen, aber der muss dann dahin gehen, wo Gott nicht mehr hinschaut. Und diesen Ort bzw. Zustand nennt die Bibel „die Hölle“, den Ort des besiegten Widersachers Gottes.
    Daraus ergibt sich, dass keiner von uns beurteilen kann, wer verdammt ist und wer nicht. Die Kirche betet ständig dafür, dass kein Mensch verloren geht: „Und führe alle zu Dir, die noch fern sind von Dir:“

    • Mathias Wagener sagt:

      Wenn ich nicht für jemanden bete, dann heißt das noch lange nicht, dass ich ihn für verloren hielte, ein Urteil, das mir nicht zukommt.

  3. Mathias Wagener sagt:

    Beten für Stalin ? Das kann man mir nicht vermitteln. Diese Vorstellungen halte ich für reichlich sonderbar. Tut mir leid, Herr Dr. Schneider-Flagmeyer, da bin ich irritiert, solches zu lesen.

    • Johannes Friedrich sagt:

      Beten für Stalin; mich hat das ganz und gar nicht irritiert, sondern im Gegenteil tief berührt. Gerade Menschen wie er, haben das Gebet besonders nötig. Niemand kann wissen, ob er nicht doch, unmittelbar vor seinem Tod, noch die Gnade der Umkehr erlangt hat.

  4. Mena sagt:

    Ich bin auch nicht Charlie, aber ich bete für ihn

    Den Ausführungen von M.Sch.F. möchte ich mich voll und ganz anschließen. „Allein den Betern wird es noch gelingen…“

  5. Jürgen Hülf sagt:

    In gewisser Weise ist Gott allerdings nicht gerecht, sondern barmherzig. 😉

  6. Eduard Werner sagt:

    Zwei junge Muslime sagten in MÜnchen nach einer Demonstration, man sollte die Verhöhnung Mohameds durch diese Satire-Zeitschrift zwar verurteilen, aber natürlich nicht mit Morden dagegen vorgehen. Ich meine, diese Verhöhnung einer Religion zeigt doch,dass die Satiriker eben nicht weltoffen sind. Ungestraft Verhöhnen darf man nur Christen, weil Christus gesagt: „Liebet diejenigen, die euch hassen. Im Koran steht natürlich etwas Anderes. Deshalb überraschen mich die Reaktionen der Moslems nicht. Es ist kein Zeichen von Kultur und Weltläufigkeit, die Muslime so unnötig zu beleidigen. Und trotzdem gibt es keinen Grund, der es rechtfertigt, Menschen zu ermorden.

  7. Benno sagt:

    Auch ich bin nicht Charlie.
    Die katholische Kirche hat 18 Prozesse gegen das Satiremagazin geführt.
    Das allein ist ein Beleg für Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit und Akzeptanz des Rechtsstaats.
    Unabhängig davon, dass alle diese Prozesse verloren wurden.
    Sollte ein Muslim auf der Strasse aufgrund seiner Religion verbal oder tätlich angegriffen werden, werde ich mich sofort schützend vor ihn stellen, unabhängig davon, dass ich den Koran für ein unverdaulich – krudes Gewaltbuch halte.
    Jeder Mensch ist von Gott gewollt, jeder Mensch kann entscheiden ob er für die Liebe oder den Hass kämpfen möchte.
    Bevor ich irgendwen oder irgendetwas verurteile, muss ich wenigstens versuchen so zu handeln wie Jesus es vorgemacht hat. Alles andere als einfach, aber die einzige Art für mich, ein sinnvolles Leben zu leben.
    Danke für den Beitrag!

    • Mathias Wagener sagt:

      Zu Benno:
      Hier ist doch zwischen dem Menschen, der aus welchem Grund auch immer dem Islam zugerechnet wird, und der Aussage des Islam zu unterscheiden. Als Christ muss ich ja notwendigerweise den Islam schon für falsch halten. Ich werde ihn aber nicht als gleichwertig in religiöser Sicht ansehen.

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