Siebzig Jahre nach der Schoah und ein Zeichen Gottes

Mit Überraschung und Entsetzen habe ich einen Artikel von Michael F. Feldkamp in „Die Tagespost vom 27 Januar 2015 S. 9 gelesen. Noch nie ist mir bewusst gewesen nach über 40 Jahren publizistischer Tätigkeit, dass das offizielle Deutschland erst 40 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und dem unvorstellbaren Grauen der Schoah, der grausamen Ermordung von ca. 6 Millionen europäischer Juden erst mit einer Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker begann, offiziell der Ermordeten der KZ’s zu gedenken und dass es noch 10 Jahre dauerte bis das wiedervereinigte Deutschland beschloss einen jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus einzuführen. Es war der 27. November, den Bundespräsident Roman Herzog als Gedenktag für die Opfer bestimmte. Der 27. November 1945 war der Tag, an dem die wenigen Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von russischen Soldaten befreit wurde. Dort ermordeten die Nazis auf furchtbare Weise ca. 1,5 Millionen Menschen unter ihnen auch Sinti und Roma und auch viele Homosexuelle. Aber die weit überwiegende Zahl der Opfer waren die europäischen Juden, die das dämonische Regime Hitlers und seiner Schergen auf grauenvolle Weise vernichteten. Dafür stehen noch die Namen von anderen Konzentrationslagern wie Treblinka, Dachau und anderen. Es war der große jüdische Philosoph der Aufklärung im 17. Jahrhundert, Baruch de Spinoza, der gesagt hat. “Wenn Du willst, dass die Zukunft besser wird als die Gegenwart, musst Du in die Vergangenheit schauen.“ Wir müssen einfach in die Vergangenheit immer wieder schauen und dürfen nicht vergessen, auch wenn viele Menschen gerade in unserem Lande sagen, dass es nun einmal genug sein muss. Nein, es ist niemals genug und nur die Erinnerung kann uns daran hindern, dass sich das Grauen wiederholt, denn der Schoß aus dem Hitlers Dämonie stammt ist immer noch fruchtbar! Zur Zeit erleben wir, dass in Frankreich Tausende von Juden vor Verfolgung durch extremistische Muslime das Land verlassen müssen und den französischen Behörden nichts anders einfällt, als den Film „Der Prophet“, in dem ein Muslim zum christlichen Glauben übertritt zu verbieten, während man einen Film, in dem ein Franzose zum Islam übertritt, ohne Einschränkungen passieren lässt. Ein einmaliger Vorgang von unerträglicher Zensur in der europäischen Nachkriegsgeschichte! Und bei uns in Deutschland werden jüdische Friedhöfe und Synagogen geschändet und unsere leider noch zu wenigen jüdischen Mitbürger bedrängt und bedroht. Und leider sind die Täter nicht immer nur extreme Muslime. Die Erinnerung an die Toten der Schoah muss aufrecht erhalten werden und die grauenvollen Bilder, die so schwer erträglich sind, müssen uns immer wieder zurufen: „Nie wieder.“ Der Historiker und Publizist Michael Hesemann hat uns in diesen Tagen sehr beeindruckend den Besuch des deutschen Papstes Benedikt XVI. im Mai des Jahres 2006 im Konzentrationslager Auschwitz als Zeuge in Erinnerung gerufen, der nicht nur ein gedenkwürdiges Ereignis in der Geschichte ist und bleibt, sondern in dem auch Gottes Spur in der Geschichte erkennbar ist.   http://www.kath.net/news/49237
Der unmittelbare Vorgänger des deutschen Papstes, der heilige Johannes Paul II, wurde in 30 km Entfernung von Auschwitz geboren und der deutsche Papst Benedikt XVI. in 30 km Entfernung vom österreichischen Braunau, dem Geburtsort Hitlers geboren. In der gleichen Entfernung zu den zwei Orten an denen die Hölle in Aktion trat, in Braunau begann es und in Auschwitz endete das höllische Geschehen mit 1,5 Millionen Toten, wurden zwei Vikare Christi auf Erden geboren. Als Benedikt XVI. seine bewegende Rede bei strömendem Regen in Auschwitz beendet hatte – was für ein schwere Bürde für einen Papst aus dem Land der Täter – riss der Himmel auf, die Sonne trat hervor und ein wunderbarer Regenbogen spannte sich über den Himmel von Auschwitz. Er war und ist das Zeichen, das Gott dem Noah nach der großen Sintflut an den Himmel setzte als Zeichen seines Bundes mit ihm. Das erinnert mich an die verzweifelte Frage Martin Bubers in den schweren Tagen an Gott: „Ist denn der Bund mit Dir zerbrochen?“

Nein, niemals zerbricht der Bund Gottes mit seiner ersten Liebe Israel. Nach christlichem Verständnis wurde dieser Bund in Jesus Christus erneuert und auf die ganze Menschheit ausgedehnt. Es war der Herr selber, der der Samariterin am Jakobsbrunnen sagte: „Das Heil kommt aus den Juden.“ (Joh.4) Deshalb muss sich jeder Christ als das empfinden, was der Apostel Paulus im 11. Kapitel des Römerbriefes schrieb. Wir sind auf den Baum, der Israel ist, aufgepfropft und der Stamm wird von der Wurzel (Jesse) getragen nicht durch die Aufgepfropften. Diese können nach Paulus auch wieder sozusagen abgepfropft werden. Das zeigt uns, wer wir wirklich sind. Wir sind die jüngeren Geschwister von Gottes erster Liebe Israel und niemals wieder darf ein Christ auch nur einen antisemitischen Gedanken hegen, weil der Herr, den wir als den Christus, den Messias bekennen ein jüdischer Rabbi war, geboren in der Davidstadt Bethlehem, gereift in Nazareth und gestorben und auferstanden in Jerusalem, „des großen Königs Stadt“. Bundespräsident Gauck hat in der diesjährigen Rede zum 70. Jahrestag der Schoah gesagt, dass ihn persönlich die Frage bis an sein Lebensende bewege: Wie konnte es sein, dass ein Volk mit einer großartigen Kultur wie die der Deutschen mit deren unsterblichen Leistungen mehrheitlich einem solchen Dämon folgte und zum großen Teil wegschaute und nichts wissen wollte. Wir weisen seit Jahren auf diesem Blog und vor allem in unserer Monatszeitschrift „Der Fels“ durch die Beiträge des Historikers Dr. Eduard Werner auf die Tausenden von Märtyrern hin, die im deutschen Sprachgebiet gegen die Schreckensherrschaft der Nazis mit ihren Untaten aufgestanden sind und ihr Leben auch für die Verteidigung der Juden gegeben haben. Damit ist immer an die Schoah erinnert. Wie viele mussten sterben, weil sie Juden versteckten oder gegen ihre Misshandlung protestierten? Männer und Frauen der Kirche, für die das Wort des Herrn, dass das Heil aus den Juden gekommen ist, lebendige Wirklichkeit war. Gerade deshalb müssen wir Christen für immer fest an der Seite des jüdischen Volkes stehen, damit sich nicht wiederholen kann, was einmal in deutschem Namen geschah und den Spruch prägte, dass „der Tod ein Meister aus Deutschland ist“. Mancher ist an der Frage der Theodizee zerbrochen. „Und wo war Gott, wie konnte er das zulassen?“ Michael Hesemann erzählt uns in dem oben verlinkten Beitrag, von dem jüdischen Schriftsteller Elie Wiesel, der Auschwitz überlebte, und der in seinem autobiographischen Roman Die Nacht (1958) schilderte, wie sie eines Abends zurück zu ihrer Baracke kamen und dort zwei Männer und einen Buben am Galgen fanden. Und auf die verzweifelte Frage: „Wo bist du, Gott?“, hörte Elie Wiesel in seinem Inneren eine deutliche Stimme, die sagte: „Wo er ist? Dort-dort hängt er am Galgen.“ Wir erinnern uns daran, dass der große deutsch-jüdische-israelische Religionsphilosoph Martin Buber einmal den Gottesnamen so übersetzte: „Ich bin, wo du bist“. Ich bin in deinen Misshandlungen und Qualen und ich bin auch in deinem Tod. Ich leide in und mit dir und führe dich zum ewigen Leben. Ich bin, wo du bist! Niemals mehr darf sich ereignen, das Gottes Ebenbild, der Mensch, so misshandelt wird. Dafür müssen wir wachen und uns immer erinnern, damit wir wach bleiben. Wir schließen uns dem eindringlichen Schrei Papst Benedikts in Auschwitz zu Gott an. „Wach auf und vergiss Dein Geschöpf Mensch nicht! Und unser Schrei muss zugleich ein Schrei in unser eigenes Herz hinein sein, dass in uns die verborgene Gegenwart Gottes aufwache.“ Wir schließen mit dem Schrei des Psalmisten (Ps 80), dessen Klang in dem Schrei des deutschen Papstes in Ausschwitz widerhallte: „Du Hirte Israels, höre, der Du Josef weidest wie eine Herde! Der Du auf den Kerubim thronst, erscheine vor Ephraim, Benjamin und Manasse! Biete Deine gewaltige Macht auf, und komm uns zur Hilfe! Gott (Adonai), richte uns wieder auf! Lass Dein Angesicht leuchten, dann ist uns geholfen.“ Amen!

Michael Schneider-Flagmeyer

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Eine Antwort auf Siebzig Jahre nach der Schoah und ein Zeichen Gottes

  1. Ben Wilmes sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag.
    Auch heute, wo viele Juden ( zum Beispiel in Frankreich) permanenten Repressalien ausgesetzt sind, sollten wir uns als Christen klar positionieren.
    Ob es tumbe Neonazis sind oder radikalisierte Muslime, die den Juden zusetzen, ob es „linke“ Antizionisten sind, die angeblich keine Antisemiten, sondern lediglich Kritiker israelischer Politik sind, spielt keine Rolle.
    Judenfeindschaft gehörte und gehört zum Schlimmsten, was einen Menschen „befallen“ kann. Unsere „älteren Schwestern und Brüder“ ( Benedikt XVI) sollten uns IMMER ganz besonders am Herzen liegen.
    Danke, lieber Michael schneider – Flagmeyer, für die eindeutige Botschaft.

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