Kreszentia Hummel – Wer ein Kind rettet, rettet die ganze Welt.

Wer Mitmenschen in Todesnot rettet, tut dies meist spontan und denkt daher im ersten Moment nicht an die Gefahren, die die spontane Entscheidung für das eigene Leben bedeutet. Diese Gefahren musste auch Kreszentia Hummel im Kriegsjahr 1942 machen. Sie war Hausangestellte bei einem wohlhabenden Juden in Nürnberg. Als mit den sogenannten Rassengesetzen 1935 den Deutschen der Dienst bei Juden verboten wurde, kehrte sie zurück auf den heimatlichen Bauernhof in Arberg, um ihrem Vater bei der Arbeit zu helfen. Bei ihrem Dienstherrn hatte sie vor Jahren dessen kleine Nichte kennen gelernt, die öfter aus München auf Besuch zu ihrem Onkel nach Nürnberg kam. Kreszentia Hummel schloss die kleine Charlotte Neuland schnell ins Herz. Als ihr nun im Juni 1942 die Frage gestellt wurde, ob sie dieses bedrohte jüdische Kind aufnehmen wollte, um es vor der Verschleppung nach Auschwitz zu retten, sagte Kreszentia sofort ja. Auch ihre Familie war einverstanden, obwohl dies lebensgefährlich war. Denn wer damals Juden versteckte, riskierte für den Fall der Entdeckung den eigenen Tod. Trotzdem gab Vater Hummel kurzentschlossen seine Zustimmung, weil es Christenpflicht sei, Menschen in Todesgefahr zu retten. Das Dorf Arberg war eine katholische Enklave im sonst überwiegend protestantischen Mittelfranken. In Arberg hatten die Nationalsozialisten bei den letzten freien Wahlen fast keine Stimmen bekommen. Dieser Ort schien also für das Untertauchen besonders geeignet. Dort glaubten die Leute, die keine Lotte sei wegen der ständigen Fliegerangriffe aus dem zerbombten München auf das Land gebracht worden. In jedem Fall war diese Fluchthilfe hoch riskant. Familie Hummel zog den Dorfpfarrer Josef Scheiber ins Vertrauen. Dieser fand das Verseckspiel in Ordnung und versprach, Lotte wie ein getauftes Kind zu behandeln, damit ja kein Verdacht erregt würde. Auf dem Bauernhof gab es auch genug zu essen. In der Stadt dagegen brauchte man für einen einzigen versteckten Juden jeweils bis zu 20 geheime Helfer, die einen Teil ihrer Lebensmittelkarten zur Verfügung stellten. Familie Hummel und der Dorfpfarrer litten nur unter der ständigen Angst entdeckt zu werden.
Kreszentia Hummel bat unablässig Gott, er möge ihren Einsatz dadurch lohnen, dass er das Kind rette und darüber hinaus auch ihre beiden Brüder an der Front heil heimkehren lasse. Ihr Vertrauen auf Gott war tatsächlich groß. Und nach dreijährigem Zittern und Bangen waren 1945 der Krieg und die nationalsozialistische Diktatur glücklich vorüber. Der Vater von Charlotte Neuland wollte seine inzwischen dreizehnjährige Tochter natürlich wieder nach München zurückholen. Charlotte weigerte sich zunächst. Sie empfand jetzt Familie Hummel und das Dorf Arberg als Heimat. Und Kreszentias Brüder waren ebenso unversehrt wieder nach Hause gekommen. Als Charlotte Neuland, verheiratete Knobloch, längst eine prominente Persönlichkeit in Deutschland geworden war, schlug sie ihre Retterin zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vor. Aber Kreszentia Hummel lehnte ab. Sie sagte: „Charlotte ist gerettet und meine Brüder sind gesund vom Krieg nach Hause gekommen. Gott hat mein Opfer genug gelohnt.“
Kreszentia Hummel heiratete nicht mehr und wurde bei ihrem geistlichen Bruder Pfarrhaushälterin. In ihrer Pfarrgemeinde war sie hoch geachtet und beliebt. 2002 starb sie nach einem erfüllten Leben. An ihrem Grab in Arberg stand auch Charlotte Knobloch, die spätere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Sie bekannte: „Meine Pflegemutter hat unter Einsatz ihres Lebens mein Leben gerettet.“

Eduard Werner

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2 Antworten auf Kreszentia Hummel – Wer ein Kind rettet, rettet die ganze Welt.

  1. Dr Christopher Brennan sagt:

    This is such a beautiful and extraordinary story and report. I have recently personally met Frau Dr. Knobloch in Munich (April 2019) and I am also reading her autobiography. Both Kreszentia Hummel and Charlotte Knobloch were and are amazing people and an inspiration to us all for ever. Especially in the times of extreme right political parties and their supporters, the leadership of Charlotte Knobloch and Kreszentia Hummel remain inspirational and incredibly important for us all in Munich, in Germany and in Europe. All of us are called upon to open our mouths and speak out against any trend which could potentially put in danger our hard-earned democracy in Germany and in Europe. May Frau Dr Knobloch stay healthy and active for many more years to come!

  2. Ben Wilmes sagt:

    Lieber Herr Werner, Danke für den schönen Bericht.
    Natürlich kenne ich Frau Knobloch, aber diese Geschichte war mir nicht bekannt.
    Werde für die wunderbare Frau Hummel beten.
    Die wahren Helden sind oft die „einfachen“ Leute.
    Mut, Menschlichkeit und Gottvertrauen hat es auch in diesen barbarischen Zeiten gegeben. Und die Bescheidenheit von Frau Hummel, eine offizielle Ehrung abzulehnen,
    zeigt ihre tiefe Frömmigkeit, die in Gottes Lohn genug hat.
    Ein grosses Vorbild.

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