Brief an Johnnes Hartl über unser Zeugnis als Christen.

Dr. Johannes Hartl, der Leiter des Gebetshauses in Augsburg und vielen Christen und Nichtchristen bekannt durch seine segensreiche Evangelisationsarbeit auf den katholischen Fernsehsendern, Internet, DVD’s und anderen Medien, hat jüngst sich mit den an Schärfe zunehmenden ideologischen Grabenkämpfen auseinandergesetzt und sich in überzeugender Weise über die Haltung von Christen in diesen Grabenkämpfen geäußert. Siehe hierzu:
http://www.kath.net/news/49582
Er hat in berührender Weise das Dilemma eines gläubigen Christen in diesen Diskussionen aufgezeigt: auf der einen Seite die Probleme offen anzusprechen und andereseits durch Wut und des daraus resultierenden Rachegelüstes den Weg Christi und Seine große Liebe zu den Menschen zu verdunkeln, indem man sich durch Wut zu Härte und Lieblosigkeit hinreißen lässt. Ganz offen gibt er zu, dass auch ihm diese menschlichen Gelüste nicht fremd sind und reflektiert in beeindruckender Weise über den Umgang des Christen mit Gegnern und Feinden.
Ich habe zwei Tage über seine Darlegungen nachgedacht und möchte ihm hier in einem offenen Brief antworten.

Lieber Johannes Hartl,
Ihre Ausfürungen haben mich sehr berührt und ich komme insgesamt zu dem Schluß, dass Sie mit Recht auf eine große Wunde im geistlichen Leben der Christen den Finger gelegt haben. Ich bin seit über 45 Jahren pulizistisch tätig und muss mich seit gut zwei Jahren als Leiter des Blogs des Forums Deutscher Katholiken täglich mit den Problemen in Kirche und Welt auseinandersetzen. Ich habe schon länger erkannt, dass ein zu harter Ton die Musik des Evangeliums verzerrt und unser Zeugnis unglaubhaft werden lässt. Ein langes Gespräch mit einem befreundeten Pfarrer und Ihre Reflexionen haben mir gezeigt, dass ich mich im Ton noch mehr zurücknehmen muss, um das Zeugnis nicht zu verdunkeln. Ich merke nämlich immer mehr, dass diese sehr intensive Arbeit und dieser geistliche Kampf mein geistlichen Leben negativ beeinflusst. Gerade vor zwei Tagen habe ich mich auf kath.net und auch auf unserem Blog mit den Kirchenschändungen und der bis jetzt fehlenden Antwort der Bischofkonferenz auseinandergesetzt und dabei den Direktor der Limburger katholischen Akademie mit scharfen Worten bedacht.
Sehen Sie, es ist nicht die Bosheit der „Welt“ (Paulus), die mich in Rage bringt, sondern es ist das Versagen von Menschen „die von der Kirche, aber nicht für die Kirche leben“ (Otto von Habsburg). Vor Monaten sagte mir ein Ordinariatsdirektor einer der großen deutschen Diözesen, dass man eigentlich in den Ordinariaten 70 % der Belegschaft entfernen müsste, weil sie mit Christentum nichts mehr am Hut haben und viele von ihnen mit den Feinden der Kirche und ihrer Botschaft zusammenarbeiten und alle, die das Evangelium und die Lehre der Kirche noch ernst nehmen, in die rechte, nazinahe Ecke schieben. Das haben Sie auch selbst in richtiger Weise angesprochen. Es macht mich traurig, zornig, viel zu oft in Wut umschlagend, zu sehen, wie bei uns die Mehrheit der Hirten Gott und dem Mammon dienen wollen und wie sich die Mehrheit des überdimensionalen kirchlichen Apparates „der Welt anpasst“ (Römerbrief) und selbst die Bischöfe an ihren eigentlichen Aufgaben hindern und diese sich so gut wie nicht wehren und oft auch nicht mehr wehren können.  Es ist sicher richtig und wahrscheinlich der einzige Weg zu sagen: „Herr, ich lege diese Niedertracht vor Dich auf deinen Altar; denn es ist Deine Kirche und ich vertraue auf Deinen Schutz und Deine Führung.“
Aber dürfen wir schweigen? Nein, so sagen Sie selbst. Wir haben einen Auftrag. Es geht also um die Art, wie wir den Glauben der Kirche und ein Leben aus dem Evangelium heraus in rechter Weise „verteidigen“. In meiner publizistischen Arbeit habe ich von klugen Geistlichen und Professoren der Kirche gelernt, dass man in dieser Mediengesellschaft mit Sanftmut und leisen Tönen kein Gehör mehr findet. Ein wirklicher Fachmann aus der Kirche sagte mir: „Schon die Überschrift muss knallen, sonst wird der Artikel erst gar nicht gelesen.“
Und trozdem haben Sie recht: Wir müssen auf unseren Ton achten und dem Hass keine Chance geben, denn dann reibt sich der Böse die Hände. Im Grunde hasse ich diese Leute auch nicht; denn sie wissen sehr oft nicht, was sie tun (einige schon!)
Mit einem Punkt Ihrer Betrachtung, der Sie sich selbst in „einer Zerreißprobe“ fühlen, möchte ich mich auseinandersezten. Sie schreiben:
„Hat Jesus die Missstände seiner Zeit angekreidet? Naja…manchmal schon. Doch eigentlich weniger als man meinen möchte…“
Hier möchte ich doch etwas ergänzen. Ich habe es schon oft geschrieben, dass zur Liebe Konsequenz gehört. Eine Liebe ohne Konsequenz ist nur Gefühlsduselei a la Rosamunde Pilcher. Und Konsequenz kann auch manchmal weh tun. Und so hat Jesus mitunter mit deutlicher Schärfe reagiert. Wir denken an die Tempelreinigung, an die scharfe Zurechtweisung des Soldaten des Sanhedrin, der ihn schlug. Seine harten Worte gegen die Schriftgelehrten und Parisäer bei Matt. 23 und Luk. 11-12. Seine wirklich scharfen Worte gegen die drei Städt Chorazin, Betsaida und Kafarnaum, seine Stadt: „Und du Kafarnaum glaubst du, du wirst bis zum Himmel erhoben, du wirst bis in die Hölle herabfahren, denn wären in Sodom die Taten geschehen, die in dir geschehen sind, es hätte sich bekehrt. Amen, ich sage dir, dem Lande Sodom wird es im Gericht glimpflicher ergehen als dir.“ (Luk. 10).
Es ist viel von Gottes flammendem Zorn die Rede. Lev.26: „Ich werde eure Götzen zerschlagen und eure Leichen auf die Trümmer eurer Götzen werfen und euch verabscheuen.“ Als ich das erschossene Diktatorenehepaar Ceausecu am Fuße einer ihrer Zwingburgen liegen sah, fiel mir dieser Bibelvers ein.
Ist das nun ein Widerspruch zu Gottes Nähe, Liebe und Geduld. Gewiss nicht; denn „der Herr erlöst seine Knechte. Wer sich zu ihm flüchtet, bleibt straflos.“ (Ps. 34) Der Zorn Gottes ist immer pädagogisch und entspringt seiner rettenden Liebe. Unser Zorn ist oft Wut, genährt von Rachsucht. Das haben Sie richtig gesehen. P.Prof. Norbert Baumert SJ, den Sie sicher kennen, hat einmal auf den Ilbenstädter Tagen gesagt: „Wir dürfen Gottes Liebe nicht zum Zorn reizen.“ Sie zitieren Paulus. Paulus hat gesagt, dass wir nicht die Menschen verurteilen dürfen, aber sehr wohl ihre Taten beurteilen sollen. „Wisst Ihr nicht, dass ihr einmal über Engel richten werdet.“ Und den Korinthern empfielt er in einem schwierigen Fall, die betreffende Person für eine gewisse Zeit dem Satan zu übergeben, damit seine Seele gerettet wird. Eugen Mederlet OFM hat geschrieben („Kirche im Sturm“), dass der Satan die Aufgabe hat, uns voran zu treiben. Er steht in gewissem Sinn im Dienst des Heiligen Geistes. Er will es nicht, aber er muss. Und wenn wir die Hand Gottes nicht loslassen und zu Ihm umkehren, kann er uns nichts tun.
Beten Sie, lieber Johannes, in ihrem Gebetshaus auch für uns katholische Schreiberlinge, dass der Heilige Geist unsere Herzen öffnet und unsere Ohren gut durchbläst, damit wir Seine Stimme hören, die uns mit Sicherheit zum rechten Ton verhilft in unserer manchmal sehr aufregenden Arbeit. Wir müssen darüber im Gespräch bleiben!
Mit den besten Segenswünsche für Ihr wunderbares Werk verbleibe ich

Ihr Michael Schneider-Flagmeyer.

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8 Antworten auf Brief an Johnnes Hartl über unser Zeugnis als Christen.

  1. Herbert Klupp sagt:

    Die Beiträge hier sind alle sehr gut. Sie lassen aber auch Fragen offen. Ich persönlich finde, daß sowohl in Worten als auch in Taten die Brutalitäten des Islam(ismus) gar nicht scharf genug gegeißelt werden können. Wir stehen hier NICHT vor Beispielen für Jesu Gebot, auch die andere Wange hinzuhalten. Trotzdem kann ich für diese Mörder beten. Einfach weil ich HINTER ihrer Brutalität die verführte, irregeleitete Seele sehe. Dieser Seele wird nicht geholfen durch Nachgiebigkeit (wie es bei „unseren“ persönlichen Konflikten, leider oft genug aus Stolz und Statusdenken heraus entstanden, absolut wünschenswert ist) sondern durch äußerste Entschlossenheit, dem Bösen zu widerstehen. Scharfe Kritik aus katholischem Mund wünsche ich mir auch gegen die verleumderischen Medien. Es ist schon richtig: die milde Formulierung wird heute überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Wir müssen heutzutage „mehr“ in die Waagschale werfen !

  2. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Ja, die Intention der Ausführungen des Herrn Dr. Hartl und auch die von Herrn Dr. Schneider-Flagmeyer sind bei mir angekommen und unterstütze sie vollends. Ich frage mich allerdings schon, wie wir auf die Barbareien des Christenmordes, des Jesidenmordes, des daraus resultierenden Flüchtlingselends, hervorgerufen durch islamistische Täter, die letztlich tatsächlich auch „nicht wissen, was sie tun“, verbal und auch gebetsmäßig reagieren sollte. Bei innerkirchlichen Problemen und unter zivilisierten Menschen ist das ja alles auch machbar unter Berücksichtigung der Intentionen des Dr. Hartl. Völlig richtig. Ich kann für Bischof Marx beten, der möglicherweise sich nicht mehr gänzlich an die Vorgaben aus Rom hält, sogar mit Herzblut.

    Aber wie soll ich dies bei Mördern und Folterern und Zerstörern von Kulturgut bewerkstelligen?

    Mir persönlich geht es so, dass ich für diese Täter nicht von Herzen beten kann, sondern nur aufgrund eines Gebotes Jesu, der uns aufgetragen hat, für die Verfolger zu beten. Wie stelle ich es an, für solche Täter, die unsere Glaubengeschwister so sehr drangsalieren und auch umbringen, Gefühle und Liebe im Gebet für sie zu empfinden? Das schaffe ich einfach nicht. Mein seltenes Gebet für diese Täter, da bin ich ehrlich, bleibt da sehr an der Oberfläche, obwohl ich selbst nicht einmal betroffen bin. Ich schaffe es nicht, für solche Schlächter zu beten. Jesus war Gottes Sohn und ihm war es möglich, mir nicht. Ein kaltes, also tatsächlich halb-, ja achtelherziges Gebet kann kaum Wirkung erzielen. Mit meiner Feindesliebe bin ich noch lange nicht bei der Vollkommenheit angekommen.

    Vielleicht kann mir jemand hier auf dem Blog darauf Antworten geben?

    • Herbert Klupp sagt:

      Ich rate zu einem Gebet des „Typs“: HERR, segne diese Mörder und wecke sie auf, damit sie erkennen, was sie tun, und sich bekehren ! Außerdem meine ich, wir sind wirklich überfordert, wenn wir für solche perversen Mörder „Liebe empfinden“ sollen. Ich bete für sie (etwa im obigen Sinne) und ich hasse sie nicht. Ich hoffe, daß Jesus gnädig ist und mir die hier sicher mangelnde Liebe nicht allzusehr „anrechnet“.

    • Obl-Scholastika sagt:

      Eine sehr schwere Frage, Herr Kemmer. Ich kann Ihnen nur meine kümmerlichen Gehversuche anbieten. Vergebung ist so wichtig, so zentral, dass der Herr es ins Vaterunser aufgenommen hat. Wenn ich vergebe, werde ich frei, sprenge die Ketten, mit denen der Täter mich an sich gefesselt hält. Er beherrscht weder weiter meine Gedanken noch mein Verhalten. Der Täter läuft aber weiter mit seiner Schuld vor Gott herum. Wenn er nicht umkehrt von seinen falschen Wegen, bleibt er im Tod. Jesus Christus ist der Erlöser. Gott möchte alle Menschen retten. Aber Er zwingt niemanden in Sein Reich. Wir haben nur den Weg der Liebe. Verteidigen dürfen und müssen wir uns aber schon. Dr. Schneider – Flagmeyer schreibt ja auch, dass zur Liebe auch Konsequenz gehört, die manchmal auch wehtut. Auch Papst Franziskus hat ja gesagt, man muss das stoppen.Nur dürfen wir nicht in einen Rachestrudel verfallen. Hass und Gewalt führen in den Tod, man nennt das auch Hölle. Liebe und Vergebung sind der einzige Weg herauszufinden aus dieser Dunkelheit. Das Ziel ist der Himmel, ewige Gemeinschaft mit Gott. Mir persönlich sehr geholfen hat die Gebetsschule von Pater Hans Bob „Tür nach innen „. Ich lese es gerade nochmals als Fastenlektüre. Beste Empfehlung! Mühen wir uns alle auch um Neuevangelisierung. Resignieren dürfen wir nicht! Gottes Segen!

    • Renate Golombek sagt:

      Vielleicht könnte ich Ihnen weiterhelfen. Ich bete jeden Morgen für den unbekannten Moslem. Der allmächtige Vater kann sich dann aussuchen, für wen Er das Gebet verwenden will. Es kann der Moslem von Nebenan sein oder der Moslem, der gerade ein christliches Kind geköpft hat. Wenn Sie mir Ihre email-Adresse schicken, kann ich Ihnen den Text zusenden.

      Mit freundlichen Grüßen

      • Renate Golombek sagt:

        Der Beitrag von Herrn Kemmer kam mir wie ein Hilferuf vor. Deshalb möchte ich ihm und allen Lesern folgendes kleines Gebet vorschlagen

        „O Gott, ich bitte Dich für den unbekannten Moslem.
        Behüte ihn auf seinen Wegen, laß nicht zu, daß er verlorengeht,

        Gib ihm Deine Gnade, daß er erkennt, was für einer furchtbaren grausamen Irrlehre er anhängt und daß ihn diese Irrlehre nicht zu Dir und ins ewige Leben, sondern ins ewige Verderben führt.
        Gib ihm Deine Gnade, daß er den Weg findet und geht, der zu Deinem Sohn und in Seine Heilige Kirche führt.

        Hilf ihm und allen seinen Lieben. Führe sie alle zum Glauben und in die Heilige Kirche, führe sie alle zu Deinem Sohn und zum ewigen Leben,

        Schau bitte nicht auf meine Unwürdigkeit, sondern hilf Um Deines Sohnes willen.
        Amen.“

        Für wen der Allmächtige Vater das Gebet verwenden will, ob für den Moslem von nebenan oder für den Moslem, der gerade ein christliches Kind geköpft hat, das überlasse ich ganz und gar Ihm.

        Das Gebet ist, nebenbei gesagt, ein Akt wahrer Feindesliebe.

  3. Vielen Dank für diesen wichtigen Brief! Der Kommentar von Dr. Johannes Hartl auf kath.net hat auch mich sehr berührt und nachdenklich gemacht. Ihre ergänzenden Gedanken, sehr geehrter Hr. DR. Schneider – Flagmeyer runden das ganze ab. Mir ist es schon sehr wichtig zu wissen, was eigentlich läuft in Kirche, Politik und Gesellschaft.Sonst kann man ja schnell für dumm verkauft werden und ist auch der Manipulation ausgeliefert. Und so arbeiten wir im Leib Christi dann auch wunderbar zusammen, der eine schwerpunktmäßig als Journalist und der andere schwerpunktmäßig in der Evangelisationsarbeit, als Beter usw.. Im Miteinander, im Voneinanderlernen wird es dann auch gut.

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