Als das Kreuz aus dem Zentrum der Betrachtung gerückt wurde

Nach der vielfach einseitigen Medienberichterstattung und der aufgeregten Diskussion über die erste Sitzungsperiode der Bischöfe der Weltkirche zum Thema „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“ konnte man eine breit angelegte Information über das katholische Eheverständnis erwarten. Hirtenworte, Predigten, Katechesen und Religionsunterricht boten sich dafür an. Schließlich hatten Leserbriefe in den Zeitungen den dürftigen Wissensstand der Gläubigen deutlich genug gezeigt. Nichts geschah jedoch bis heute. Die Herde ist sich selbst überlassen. Warum ist das so? Ein Interview in der Tagespost vom 21.2.2015 mit dem Familienbischof der Deutschen Bischofskonferenz Heiner Koch kann darüber Aufschluss geben.
Auf die Frage „Mit der Familiensynode im Herbst verbinden viele Menschen derzeit hohe Erwartungen… bekommen Sie bei dem Gedanken an die Synode manchmal Bauchschmerzen?“ antwortet der Familienbischof: …“Etwas erschrocken bin ich, auf welche Themen die Synode oft eingedampft wird: Auf die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie und auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften“… aber, hatten nicht gerade die deutschen Bischöfe und ihre Vertreter auf der römischen Synode alles getan, das Gesamtthema auf diese Fragen einzuengen?
Auf die Frage „Wie wollen Sie auf die Reizthemen reagieren, die bis Oktober nicht vom Tisch sein werden?“ antwortet Bischof Heiner Koch: …“Ehe und Familie dürfen als Lebensform nicht idealisiert werden. Wir Christen haben kein romantisches Familien- und Eheverständnis. Von daher halte ich es für bedenkenswert ob der Bischof in seiner Lehr- und Hirtensorge nicht die Autorität hat, in besonderen Fällen im ‚Forum internum‘ Menschen, die eine zweite nicht sakramentale Ehe eingegangen sind, unter besonderen Umständen um ihres Heils willen den Zugang zur Eucharistie, die eben auch ein Mahl der Sünder ist, zu ermöglichen, gerade auch angesichts der Tatsache, dass das Recht nicht die ganze Wirklichkeit des Lebens erfassen kann… die Frage ist, ob die Kirche ihren Bischöfen, denen sie die Lehr- und Hirtensorge anvertraut haben auch den Raum gibt, in Einzelfällen zu Einzellösungen zu kommen“. Der Familienbischof bezieht sich in seiner Aussage auf „sehr bedächtige Theologen“.
Auf die Frage „Schätzen sie die bischöfliche Autorität so hoch ein, dass ein Hirte den Gläubigen plausibel machen kann, warum das Wort Jesu und die Gebote in einigen Fällen nicht gelten? Würden die Menschen es nicht als Beliebigkeit oder verletzend wahrnehmen, wenn Herr A. in den Genuss einer bischöflichen Ausnahmeregelung kommt, Frau B. aber nicht?“ kommt die eher hilflose Antwort: … „Dass die wiederverheirateten Geschiedenen ihre Situation nie als politische Demonstration ausnutzen wollen. Im Übrigen ist eine persönliche Regelung etwas ganz anderes als eine beliebige Regelung“.
Die Antwort des Familienbischofs auf eine weitere Frage zeigt m.E. den Kern des Problems, das die Mehrheit der deutschen Bischöfe hat. Die Frage lautet: „Warum können sie von solchen Paaren nicht erwarten, dass sie ihren Weg mit der Kirche nicht auf dem Boden von Familiaris consortio gehen?“ Darauf Bischof Koch:… „Es gibt Menschen, die sagen, dass sie nicht zur sexuellen Enthaltsamkeit berufen seien. Sie möchten ihre neue Beziehung ganzheitlich leben, geistig, geistlich und körperlich, alles andere bleibt für sie heil-los“.
Der Familienbischof spricht das aus, was nach Medienberichten rund zwei Drittel der deutschen Bischöfe vertreten: Eine „Josefsehe“ der sexuellen Enthaltsamkeit wird nicht mehr als zumutbar angesehen. Das wäre aber die Aussage einer Kirche der Zumutbarkeit oder der Anpassung an die gängigen Trends. Die deutsche Ortskirche ist nun schon viele Jahre diesen Weg gegangen. Attraktiver ist sie dadurch, wie ein Blick auf die rückläufige Kirchlichkeit und die Austrittszahlen zeigen, nicht geworden. Im Gegenteil. Begonnen hat dieser Weg als das Kreuz aus dem Zentrum der Betrachtung gerückt wurde. Das ist aber nicht der Weg, den Christus vorgegeben hat. Bei ihm heißt es: „Wenn jemand mein Jünger sein will, dann nehme er täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach“.

Hubert Gindert

Dieser Beitrag erscheint auch in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Märzheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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3 Antworten auf Als das Kreuz aus dem Zentrum der Betrachtung gerückt wurde

  1. Obl-Scholastika sagt:

    „In den Genuss der bischöflichen Ausnahmeregelung“ kommen bestimmt vor allem Menschen, die so gut und gerne über ihre besonders schwere Situation sprechen können, oft auch psychologengeschult. Mir ist aufgefallen, dass gerade starke und selbstbewusste Leute sich gerne als schwach darstellen. Da kann dann sicher auch oft eine gute Portion Selbsttäuschung dabei sein. Man muss halt auch kämpfen. Sage ich aus Lebenserfahrung !
    Ein Frage würde ich gerne mal in den Raum stellen : was macht man mit seinen Gewissensnöten, die in Deutschland als Kirchensteuerzahler immer drängender werden? Das nur immer wieder zu beichten kann es ja nicht sein.

  2. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Die Angst der Bischöfe vor der menschlichen Meinung. Die Angst der Bischöfe, als nicht menschlich zu gelten. Die Angst der Bischöfe, sich dem Zeitgeist nicht anzupassen.
    Wer Sünde, Hölle, das Kreuz tragen, aus dem Bestandteil des Christentumsglaubens entfernt, hat beste Chancen, eine Kirche der globalen Gesamtheit – allerdings ohne jegliche Christusbezogenheit – zu gründen. Wer die Worte Christi im Evangelium theologisch einer Bewertung unterzieht, die ein Wort hervorhebt und ein anderes Wort, welches den Menschen nicht passt, marginalisiert, hat beste Chancen, die Gesamtheit des Jesus von Nazareth einer Entcharakterisierung zu unterziehen. Man sucht sich nur rosinenmäßig nur das heraus, was dem Menschen zusagt und angenehm ist. Wird die Botschaft Christi in seiner Gesamtheit als gleichwichtig- und und für den Glauben tragend anerkannt, ist die Zeitgeistkirche am Ende. Ich denke, dass es letztlich darum geht. Die moderne Theologie kann somit nur ein Ziel haben: Inwieweit kann ich Christi Worte des Evangeliums so schleifen, dass nichts mehr übrigbleibt insbesondere für das Glaubensverständnis. Bequemer Glaube und Wohlfühlchristentum sind nicht das Ding vom biblischen Jesus. Kirche als Sozialverein, die einem sozialen Jesus verkündet, schafft sich ab. Das schafft jeder Kaninchenzuchtverein auch. Da braucht es keinen christlichen Glauben.

    Die Kreuznachfolge ist elementarer Bestandteil des Christentums so wie auch die Prophetie Jesu, Leiden und Martyrium auszuhalten für IHN. Das heißt im Klartext, dass Menschen sich nach Gott, nach Ihm zu richten haben und nicht der Dreieine Gott nach dem Menschen. Gott ist besorgt um jeden Menschen, geht aber nicht soweit, dass er Menschen sozusagen in seinem schlechten Tun, d. h. seinem Tun außerhalb der göttlichen Gesetze einen Himmelsfreibrief zu erteilen. Wer die Sünde abschafft, die Hölle nur noch zur theoretischen Existenz erklärt, schafft die Übernahme von Verantwortung für das eigene Fehlverhalten ab. Hitler, Stalin und Ceaucescu, Mao und Pol Pot und der hl. Franziskus von Assisi dürften dann nach diesem globalen Himmelsverständnis dann gleichzeitig den Himmel betreten.
    Wer als Kirche der Gunst des Menschen hinterherläuft, hat die Verkündigung Christi völlig missverstanden. Die Kirche hat die Aufgabe seit jeher, die Menschen in Christus zu Gott und seinen Geboten zu führen und nicht Gott zu einer beliebigen Kumpelfigur zu degradieren, der alles mit sich machen lässt. Jedenfalls habe ich den Jesus des NT so verstanden.
    Allerdings hat die deutsche Teilkirche das Sündenverständnis insbesondere der Sexualmoral hier seit dem 2. Vat. so vedunsten lassen, dass sich diese Probleme heute tatsächlich auftun. Ich behaupte jetzt einmal ganz hart: Jede 2. kath. Ehe wurde in den letzten 30 Jahren geschlossen in einem kirchen- und bibelfernen Verständnis. Es ging den meisten um die Ausrichtung einer schönen Feier in einem Wolhfühlambiente, nicht aber um die Konsequenz, die mit einem solchen Schritt verbunden war, wie auch, wenn die Eheleute letztlich kein intensives Kirchenleben geführt haben und die Kirche nur noch für die Ausstattung einer schönen Feier benutzt wurde. Bei diesen Ehen dürfen wir annehmen, dass sie ihre Ehe letztlich in einer Art Bewusstseinsirrtum geschlossen haben. Diese Eheschließung war im Grunde genommen keine echte katholische Eheschließung.

  3. Bettina sagt:

    Danke für den guten Beitrag. Wäre es nicht gut gewesen, den Familienbischof zum diesjährigen Kongress „Freude am Glauben“ einzuladen, gerade um ihn auf Podien und in Diskussionen noch vor der Familiensynode im Oktober 2015 in die innere Konfrontation mit Familiaris consortio zu schicken, damit er sein Gewissen und die Übereinstimmung mit der katholischen Lehre noch einmal überprüfen kann? Vielleicht kann dies noch nachgeholt werden?

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