Frei ist der, der sich der Wahrheit stellt.

Die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag ist zum „unbekannten Land“ geworden. Tatsächlich ist dieses Land keine Wüste, sondern ein Kraftfeld für den, der beherzigt, was Paulus zu seinem Schüler Timotheus gesagt hat: „Entfache die Gnadengabe Gottes zu neuem Leben“ (Tim 1,6).
Mit dem Aschermittwoch liegt die Zeit der Masken, der Verkleidungen und der Illusionen hinter uns, die manche auf das ganze Jahr ausdehnen möchten. Letzteres erinnert an eine zur Schau gestellte Kraftmeierei und aufgepumpte Plastikfiguren. Ein Pieps und mit der heißen Luft entströmen alle die Ängste vor Alter, Krankheit, Tod, Verlust des Arbeitsplatzes und der sozialen Absicherung. Der Demonstra¬tionszug der Verunsicherten, der Alleingelassenen, derer, die sich nicht mehr ernst genommen empfinden, wird länger. Die Selbsthilfekräfte schwinden.
Papst Franziskus vergleicht den Zustand der Gesellschaft mit einem „Feldlazarett“. Es ist überfüllt. Ein Blick auf die Wartezimmer der Ärzte, der Psychotherapeuten und der Kliniken bestätigt das.
Es gibt nach dem Fasching auch Vorstöße in das Land zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag, mit Heilfasten, Fitnesstraining etc.. Das zielt auf die Körperlichkeit des Menschen. Der Mensch besteht aber nicht nur aus Leib. Wer ihn darauf reduziert, wird ihm nicht gerecht. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auch Geist und Seele konstituieren ihn. Das unterscheidet ihn vom Tier und macht seine Bedeutung aus, die über das irdische Leben hinausreicht. Warum wird das in dem Bemühen um einen Neuanfang ausgeklammert?
Papst Franziskus spricht in einer Meditation in St. Martha von der Verhärtung der Herzen. Er fragt: „Warum ist das so?“ Der Papst führt schmerzhafte harte Erfahrungen, Enttäuschungen und Misserfolge an, die dazu führen, dass sich Menschen einigeln und sich vor anderen, aber auch vor Gott verschließen. Dazu kommen noch verletzter Stolz, Eitelkeit und gewollte Unabhängigkeit, die selbst mit allem fertig werden will. Als entscheidenden Grund für die Verhärtung der Herzen ortet Papst Franziskus den Mangel an Liebe. Sie zeigt sich im Offensein gegenüber den Mitmenschen und gegenüber Gott, der seinem Wesen nach Liebe ist, wie Papst Benedikt XVI. in einer Enzyklika dargelegt hat.
Warum ringen wir uns nicht zu der befreienden Einsicht und zum Bekenntnis durch, dass wir dem Liebesgebot oft nicht nachkommen und hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben? Das ist keine persönliche Angelegenheit. Denn, sie hat Auswirkung nicht nur auf uns selber, sondern auch auf unser Verhältnis zu den Mitmenschen und zu Gott. Sünde ist nicht privat.
Freiheit wird zu Recht zu den höchsten Gütern gerechnet. Frei kann aber nur der sein, der sich nicht ständig etwas vormacht, sondern der sich der Wahrheit stellt. Das ist manchmal schmerzhaft. Es würde aber die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag zu einem befreienden Erlebnis machen.

Hubert Gindert

Dieser Beitrag erscheint auch in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Märzheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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