Passion 2015. Predigt zum Passionssonntag aus St. Ludwig in Saarlouis

Liebe Schwestern und Brüder,
Passio heißt Leiden und so ist dieser Sonntag, der letzte vor dem Beginn der großen, heiligen Woche überschrieben. Das Leid und Elend dieser Welt wird hineingenommen in das Leiden des Gottessohnes, der sich in die Reihe der Sünder stellte und dieses Menschenleid mit „Schreien und unter Tränen“ (Hebr.) vor Gott brachte.
Passion 2015: Das sind die Kranken unserer Pfarrgemeinden, die in den nächsten Tagn mit der Osterkommunion gestärkt werden. Passion 2015: Ist das Leid der Menschen in Syrien – das Abschlachten von Menschen, dem die politische Welt seit Jahren unfähig zusieht; das ist die Ukraine, wo Machtspiele wieder einmal die Armen und Kleinen treffen, das noch immer geöffnete Foltergefängnis der Amerikaner in Guantanamo. Nicht nur der starke Staat im Osten, Russland, sorgt für Leid, auch die guten amerikanischen Freunde können das.
Passion 2015: Das sind die vielen Anschläge, blindschlagender Terror im Namen des Islam. Das ist die Verfolgung und Tötung von Christen in so vielen Ländern der Erde. Die am meisten verfolgte Religionsgemeinschaft auf der Welt sind wir Christen.
Passion bringt es mit sich, wenn gute Geschäfte mit Ländern getätigt werden, in denen man die Menschenrechte mit Füßen tritt. Passion aus Karnkheit und Flucht, die mit Ertrinken im Mittelmeer endet.
Und ist es nicht auch eine unsägliche, an politischer Dreistkeit nicht mehr zu überbietende Passion, dass einige wenig in unserem Land und anderswo immer reicher und die vielen Kleinen und Normalbürger immer ärmer und bis zur Schmerzgrenze geschröpft werden?
Wir Christen schicken uns an, wieder einmal Ostern zu feiern, ein Fest, das Gott sei Dank ohne den großen Kommerzrummel auskommt, wie es das Geburtsfest Christi erleiden muss. Ostern wird auch nicht mit glitzernden Fassaden, Kerzenlicht, mit Feiern und Wunschzettelidylle ersehnt und erwartet.
Nein! Der Weg zu Ostern geht durch die Passion und das Leid. Ostern feiern und Osterwirklichkeit erfahren kann nur der, der am Karfreitag vor dem Gekreuzigten steht. Leid und Passion 2015 ist – wenn überhaupt – nur dem zugänglich, der im Antlitz des Gekreuzigten, des Zershlagenen und Verschmähten zugleich den Sieger von Golgotha sehen kann und auch Seine Frage im Herzen schmerzhaft spürt: Populus meus quid feci tibi: „Mein Volk, was tat ich dir? Seht, ich wurde doch zum Weizenkorn für euch, für euer Leben und für euer Leiden.“
Angesichts einer leidvollen aber auch einer gottlosen Welt kann sich dem Christen, dem, der sich zum Gekreuzigten und Aufertandenen Bekennenden nur dieselbe Sehnsucht aufdrängen wie den ortsfremden Griechen damals beim Osterfest in Jerusalem: „Wir möchten Jesus sehen“ Ja, wir möchten Jesus sehen, sein „Haupt voll Blut und Wunden“. Wir möchten IHN sehen in den Kranken bei uns zuhause auf ihrem Krankenlager, in den Entführten, Gefangenen, in den verfolgten, gefolterten und getöteten Christen, in den Mißbrauchten und Endrechteten, in den Eltern, die um ihre Kinder trauern, in den Augen hungriger Menschen ohne Zukunft und Hoffnung, in den Armen unter uns, denen am Monatsende nur die Verzeifelung bleibt. Misereor – Mich erbarmt es!
Oh Haupt voll Blut und Wunden. Wir wollen Jesus sehen! Ja, Jesus in ihnen sehen, der von der Erde erhöht alle an sich ziehen will.
Ja, liebe Schwesten und Brüder, wir schicken uns an, Ostern zu feiern. Ostern begreift nur, wer die Wirklichkeit des Karfreitags begreift. „Wer sein leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“
Das ist der österliche Glaube, der auch die Passion 2015 durchdringt: Das Gesicht des Gekreuzigten ist zugleich das Gesicht des Auferstandenen. Und wo Er ist, sollen auch seine Dienerinnen und Diener sein!
Leiden und Auferstehung – untrennbar sind diese Pole verbunden! Und so macht uns die Leidensgeschichte Jesu, die uns in diesen Tagen vor Augen steht, neuen Mut und nimmt jeden von uns in Anspruch.
Die Leidensgeschicht Jesu. Sie ist verknüpft mit so vielen Menschen, Mächtigen und Ohnmächtigen, Anhängern und Feinden, Getreuen und Verrätern, Verstockten und Reumütigen, Grausamen und Mitleidenden.
Und ich? Was hat das mit mir zu tun? Komme ich auch in dieser Geschichte vor? Zu welcher Gruppe muss ich mich zählen? Was ist mir dieser Jesus wert? Um welchen Preis verkaufe ich ihn? Wo setzte ich mich für ihn ein? In welche Ausreden flüchte ich mich? Wo zeige ich Farbe? Wann verberge ich mein Christsein?
Leidensgeschichte damals wie heute. Welche Rolle spiele ich darin?

Pfarrer Ralf Hiebert

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