„Der Zustand sterbender Ortskirchen sollte nicht exportiert werden“

Manchmal ist es gut, einen Vorgang aus der Distanz zu betrachten, weil man sonst vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, d.h., weil das eigentliche Problem aus den Details nicht mehr klar hervortritt. Das trifft auch zu, wenn man den Zustand der Deutschen Ortskirche betrachtet. George Weigel, ein amerikanischer Theologe, der in Deutschland auch als Biograf von Papst Johannes Paul II. bekannt ist, hat diesen distanzierten Blick. In seinen Überlegungen über den Ablauf der ersten Sitzungsperiode der Bischöfe der Weltkirche zum Thema „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“ spricht Weigel über den Versuch des Synodensekretärs Kardinal Baldisseri sowie der deutschen Bischöfe, dem Synodenverlauf die gewünschte pastorale Richtung zu geben, mindestens aber den Debattenverlauf nach außen in diesem Sinn darzustellen. George Weigel beurteilt in seinem Artikel „Die afrikanische Stunde“, abgedruckt im „Vatikan Magazin“ 2/2015, auch den religiös geistlichen Zustand der deutschen Ortskirche. Er kommt dabei zu folgendem Urteil: „Die deutsche Fixierung auf diesen Punkt war in gewisser Hinsicht ein Ausdruck der Beschäftigung mit sich selbst und den pastoralen Problemen einer erstarrten deutschen Kirche, die unbestreitbar schwerwiegend sind“. George Weigel: „Zehn Monate, bevor die Synode zusammenkam habe ich einen gut unterrichteten Beobachter der katholischen Verhältnisse in Deutschland gefragt, warum die Spitzen der katholischen Kirche in Deutschland darauf beharrten, die Frage der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene wieder aufzugreifen, wo doch der Großteil der Weltkirche meine, sie sei bei der Synode über die Familie im Jahr 1980 ausreichend erörtert worden und scheine durch die erneute Bekräftigung der traditionellen kirchlichen Lehre und Praxis im apostolischen Schreiben ‚Familiaris consortio‘ des heiligen Johannes Paul II. im Januar 1981 sowie den Kirchenrechtskodex im Jahr 1983 erledigt. Die Antwort bestand aus einem Wort: ‘Geld‘“
Erläuternd fügt George Weigel seinen Überlegungen an: „Viele deutsche Bischöfe scheinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass der Abfall vom Bezahlen der Kirchensteuer am besten dadurch erklärt werden kann, dass die katholische Kirche als geiziger, engherziger und grausamer Vertreter von Normen wie etwa der Unauflöslichkeit der Ehe wahrgenommen wird, die für keinen Europäer des 21. Jahrhunderts, der etwas auf sich hält, akzeptabel sei. Dass die Leute aufhören Kirchensteuer zu zahlen, weil sie nicht mehr glauben, dass Jesus der Herr und die katholische Kirche sein Leib ist, wäre eine einfachere Erklärung. Doch dann müsste man zugeben, dass der Rückgang des katholischen Glaubens und der katholischen Praxis in Deutschland etwas mit dem kolossalen Scheitern der deutschen Theologen und Katecheten zu tun hat, das Evangelium unter den sich verändernden Bedingungen der späten Moderne und Postmoderne effektiv zu vermitteln“.
Hat Weigel Recht? Die Entwicklung des Kirchenbesuchs, repräsentative Umfragen darüber, was die deutschen Katholiken noch glauben, und die fehlenden Anstrengungen zu einer Neuevangelisierung bestätigen das Urteil von George Weigel und sie machen verständlich, dass die Bischöfe der dynamisch wachsenden afrikanischen Ortskirchen auf der Bischofssynode in Rom dagegen waren, dass „Bischöfe, die sterbende Ortskirchen repräsentieren, die westliche Dekadenz nicht in den Südteil der Welt exportieren sollten, wo der Katholizismus exponentiell gewachsen sei, in dem die Wahrheiten des Evangeliums mitfühlend, aber auch kompromisslos verkündigt werden“.
Der Zustand der deutschen Ortskirche ist den Verantwortlichen bekannt. Es sieht derzeit nicht so aus, als würden energische Reformschritte dagegen eingeleitet werden. Dabei geht es nicht mehr um ein herumkurieren an Symptomen. Der Kurs insgesamt müsste auf den Prüfstand gestellt werden. Greifen wir exemplarisch einen Bereich heraus, nämlich den Religionsunterricht. Es genügt nicht mehr, das eine oder andere zugelassene Lehrbuch aus dem Verkehr zu ziehen, oder einem Katecheten die Lehrerlaubnis zu entziehen. Die Misere eines völlig ineffektiven Religionsunterrichts begann damit, als man vom bewährten Katechismus-Prinzip abging. Seitdem kennen diejenigen, die durch neun Jahre Pflichtbesuch des Religionsunterrichtes gegangen sind, die Fundamente des katholischen Glaubens nicht mehr: Das Credo, die zehn Gebote und die sieben Sakramente. Es fehlt ihnen aber nicht nur das religiöse Wissen, sondern meist auch die Identifikation mit der eigenen Kirche.

Hubert Gindert

Dieser Beitrag erscheint auch in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Aprilheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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5 Antworten auf „Der Zustand sterbender Ortskirchen sollte nicht exportiert werden“

  1. Eduard Werner sagt:

    Wir sollten viel mehr beachten, dass es „die deutschen Bischöfe als Einheit“ in dieser Form gar nicht gibt. Ein stark geführtes Kollegium erlaubt immer nur den kleinsten gemeinsamen Nenner, vor allem – wenn das Kollegium streng gehalten ist, erlaubt es nicht, nach außen eine abweichende Meinung kundzutun. Bei einigen mag das Geld der fast Ungläubigen durchaus eine Rolle spielen. Für entscheidender halte ich jedoch die Angst der Bischöfe vor den wirklich kirchenfeindlichen Medien. Für das Schweigen der deutschen Bischöfe gibt es jedenfalls mehrere Gründe. Die Erinnerung an die Absetzung von Bischöfen in Chur, Wien, Augsburg und Limburg hinterließ halt doch bittere Spuren und Angst.

  2. Imrahil sagt:

    Manchmal weiß es der Beobachter von außen besser. Manchmal kann Motivationen auch der Beobachter von innen besser beurteilen.

    „Die deutschen Bischöfe sind nur auf das Geld aus“ scheint mir eine arg *arg* entstellende Vereinfachung, die so auch gar nicht stimmt, sein. Mr Weigel mag ja mit der Position der deutschen Bischöfe nicht übereinstimmen, sie sogar für unkatholisch halten, aber auch dann sollte er – oder sollte der Beobachter, auf den er sich beruft – nicht einfach Anschuldigungen unlauterer Motive aus der Tasche hervorholen, um einen Punkt zu machen.

    Es ist kein Geheimnis: den deutschen Bischöfen ist ein zahlender Ungläubiger lieber als einer, der auch nicht glaubt, aber auch nicht zahlt. *Das* ist soweit richtig, es ist aber auch nicht verwerflich.

    Verwerflich wäre es, wenn man um des Geldgewinns willen mit Vorsatz (!) das Falsche verkündigen, die Wahrheit grundsätzlich nicht verkündigen oder einer Seele schaden würde… das kann ich aber bei den deutschen Bischöfen so, allen Ernstes, nicht erkennen. Deshalb darf man ihnen immer noch in schöner katholischer Streitkultur widersprechen, aber sie quasi als schleimige Geldscheffler zu zeichnen, die den Leuten mit Vorsatz das Blaue vom Himmel herunterverzählen, um Reibach machen zu können, entbehrt doch jeder Grundlage in den Fakten; ich lehne es jedenfalls ab.

    Nein, das Problem ist – behauptet dieser Beobachter hier, scil. ich – ein viel Einfacheres und viel Schwierigeres: die Bischöfe meinen, einem Gläubigen, der kommt und fragt: „warum muß ich das tun? das ist hart!“ keine befriedigende* Antwort geben zu können. Und – das ist vielleicht etwas spezifisch Deutsches – können sich nicht damit zufriedengeben, die Frage halt einfach ungeklärt zu lassen.

    [* Und die deutschen Bischöfe haben zumindest insoweit recht, als „der Heiland hat noch viel schlimmer gelitten“ eine Mahnung, aber keine Antwort ist, und „das hat der Herrgott nuneinmal befohlen“ nur dann eine wäre, wenn wir es mit einer lediglichen lex divina positiva zu tun hätten wie mit der Feiertagsheiligung. Bei der Sexual- und Ehemoral verkündet die Kirche, wie immer gelehrt worden ist, aber „nur“ das Naturrecht, d. h. nur das, was ohnehin jeder tun muß – daß man als Christ ein bißchen mehr tun müsse ist daher ebenfalls keine Antwort – und was auch jedem Menschen mit natürlichen Mitteln, d.h. ohne Rückgriff auf Offenbarung, prinzipiell erkennbar sein muß.

    Natürlich kann er dabei auch irren. Man müßte es erklären, wie’s richtig gemacht wird. Aber bitte nicht nur das „so ist es“ (das Sed contra der scholastischen Argumente), sondern auch das „warum ist es so“. So wie das beste Mittel gegen Arbeitsunlust in vielen Fällen „weniger Arbeit“ ist, so ist auch das beste Mittel gegen Ungehorsam in vielen Fällen „Verständlichmachen des Befehls.]

    Sicher, hochtrabend formuliert (vereinfachen kann ich’s jetzt nicht, hab keine Zeit), aber man sollte nicht meinen, daß solche Gefühle nicht verbreitet wären und sich nicht irgendwie äußerten.]

    • Ulrich S sagt:

      Die „hochtrabende Formulierung“ haben Sie für Ihren Kommentar selbst eingestanden. Dass Sie keine Zeit für die Erläuterung haben, macht Ihren Kommentar auch nicht glaubwürdiger.
      Ich will Ihren Kommentar nicht vollständig heruntermachen, aber die Äusserungen von George Weigel und die Aussage von H. Gindert interpretieren Sie doch ein wenig über.

      • Imrahil sagt:

        Sorry… er mag falsch sein, der Kommentar, aber ich kann nicht sehen, wo er unglaubwürdig ist.
        Und wie gesagt, zum Kürzen hatte ich keine Zeit.
        Aber nochmal: Mr Weigel scheint zu sagen: „Diese Deutschen, die sind bloß auf das Geld aus und deshalb schmeißen sie einfach die kirchliche Lehre um.“
        Alles was ich gesagt habe und weiterhin meine, ist: das ist zum einen eine ungeheure Anschuldigung und gibt zum anderen die Motivationen der Bischöfe ziemlich sicher nicht korrekt wieder.
        Ach, es wäre doch einfach schön – sicher, ich träume vor mich hin, aber trotzdem, es wäre doch einfach schön – wenn man die sachlichen Fragen diskutieren könnte ohne der Gegenpartei moralische Vorwürfe zu machen.
        Wohlgemerkt: das *kann* heißen, daß man der Gegenpartei sagt: „das ist schlicht und einfach falsch“, am besten mit „weil…“. Aber ohne Beweise und, wie ich meine, auch unrichtigerweise die deutschen Bischöfe einfach als glaubensvergessene Geldscheffler darstellen (was nebenbei auch noch einen Topos der Kirchenfeinde rezipiert)… muß das sein?

        Gegen die Aussage von Herrn Gindert selber habe ich übrigens gar nicht gesagt. Speziell seinen Ausführungen zum Religionsunterricht stimme ich übrigens vollkommen oder fast vollkommen zu.

  3. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Diesem Artikel ist voll zuzustimmen. Aber nicht nur die eigene Kirche ist schuld, sondern auch dieses Gesellschaftsklima, in dem es immer schwieriger wird, zu glauben, ein Klima, welches politisch in einer politkorrekten Meinungsdiktatur , was gut und was schlecht ist, geführt worden ist, begünstigt durch den Atheismus, der Sattheit und der Gottvergessenheit. Ich glaube nicht, dass die mangelnde kirchliche Glaubenswissensvermittlung allein daran schuld ist. Denn Glaubenswissen kann sich jeder, wenn er es nur will, im Internet anschauen. Allein, der Wille, sich mit Jesus und seiner Lehre auseinandersetzen zu wollen, fehlt völlig, weil die Menschen meinen, dass Jesus und seine Lehre einfach nicht mehr gebraucht werden. Und wenn dann die Kirche in diesem Klima die konservativen Themen anspricht, so sind die Menschen hier einfach nur taub und erkenntnisblind. Sie haben einfach keinen Bezug mehr zum Evangelium, sind höchstens noch offen für Rosinenpickerei und keinen Bezug zur christlichen Religion als solcher. Die Voraussetzungen für eine Glaubenserneuerung sind hier in diesem kritischen, atheistisch und humanistisch geprägten Land mehr als schwer.
    Die Predigt und insbesondere die „konservative“ Predigt trifft auf äußerst kritische Einstellungen zur Kirche und zum Glauben. Kirche ist hier leztlich selbst bei den eigenen Gläubigen teilweise zum Feindbild mutiert. Da werden Grausamkeiten aus der Kirchengeschichte auf die heutige Zeit übertragen, um einen Grund zu haben, diese zu diskreditieren. Der Hass, der insbesondere dieser röm.-kath. Kirche entgegenschlägt, ist Legion, egal aus welcher Richtung, selbst aus dem Inneren der hiesigen Kirche, aus atheistischen, religiösen und anderen Kreisen heraus. Diese Kritik ist in der europäischen, aber insbesondere in der deutschsprachigen Kultur mit dem Protestantismus eingeführt und über den Humanismus und den ihn begleitenden Atheismus nur noch gesteigert worden. Die Mehrheit der Katholiken glaubt kaum noch an das Wunder der Auferstehung. Wer dies nicht glaubt, kann kein Christ oder Unterstützer des Christentums sein. Ich möchte nicht wissen, wie viele Bischöfe und Priester letztlich nicht an die Historizität der Auferstehung glauben. Das wird dann auch der Grund für Benedikt XVI gewesen sein, seine drei Bücher über Jesus zu schreiben. Bultmann hat ganze Arbeit geleistet. In wievielen Predigten habe ich gehört, dass die neutestamentarischen Wunder schlichtweg als so nicht geschehen oder als Märchenerzählungen degradiert wurden. Und weil dieser Unglaube auch in der hiesigen kath. Kirche möglicherweise selbst bei den Führungskräften sich eingeschlichen hat, kann verstanden werden, warum der Vermittlungswille der längst fehlenden Katechese kaum noch vorhanden war. Und ich schätze, dass dort die Ursache dieser gottvergessenen Verflachung zu finden sind und so auch die synkretistischen Tendenzen, die diese Kirche hier befallen hat. Wer JESUS und seine Lehre aus dem Gottesbild der Dreifaltigkeit herausoperieren will und zugunsten eines synkretistischen Einheitsglauben aufgeben will – und da meine ich, dass die kath. Kirche hier auf dem besten Wege ist – hat weder die Lehre Christi noch den Einfluss Christi auf das Gottesbild des liebenden Gottes in seiner Tiefe verstanden. Ohne Jesus fällt dieser globalisierte Gott auf einen Schatten seiner selbst, verstrickt im Janus-Gott-System, in sich zusammen. Das ist die große Gefahr, die sich diese Kirche in ihrer Intention aussetzt. Wer Jesus aus der Göttlichkeit herausnimmt, überlässt diesen Gott wieder den Vorstellungen der Menschen. Das Göttliche wird wieder aus menschlicher Sicht definiert. Jesus ist der Garant für das Gottesbild der Liebe, der vollkommenen Liebe. Wer das nicht begreift, schadet sowohl dem CHristenglauben und schadet sogar jeglicher Religion. Jesus ist und bleibt der Eckstein. Daran muss sich gerieben werden, will das Gottesbild nicht wieder dem vermenschlichten Denken über die Allmacht Gottes zum Opfer fallen

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