Misericordia Domini – Was bedeutet Barmherzigkeit?

Es ist viel von Barmherzigkeit die Rede in unseren Tagen in und außerhalb der Kirche. Eigentlich dürfen wir uns darüber freuen; denn die Barmherzigkeit Gottes ist unbegreiflich groß. Eine der schönsten Aussagen über diese Größe der Barmherzigkeit Gottes hat der heilige Vinzenz Pallotti getan.
„Ich bin eine ausgelöschte Kerze, aber die unbegreifliche Barmherzigkeit meines Gottes und das Licht Jesus Chrsitus sind immer mein Licht.“
„Unbegreiflich“ nennt der heilige Vinzens Pallotti Gottes Barmherzigkeit. Wir erinnern uns daran, dass im 12. Jahrhundert der grosse jüdische Philosoph und Rabbi Mosche Ben Maimon genannt Maimonides gelehrt hat, dass alle Eigenschaften, die wir Gott zuschreiben aus der menschlichen Begrifflichkeit stammen und Gott nur bedingt treffen; denn Gott ist in allem immer größer, als wir es ausdrücken und fassen können. Wenn wir also von Gottes Barmherzigkeit sprechen, so ist diese unbegreiflich wie Vinzens Pallotti sagt, weil wir in unserer kleinen irdischen Vorstellungswelt die Größe von Gottes Barmherzigkeit nicht fassen können.
Und doch geben uns die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche einen für uns fassbaren Begriff von Gottes Barmherzigkeit.
Ich nenne hier nur drei überlieferte Zeugnisse, in der von Gottes Barmherzigkeit die Rede ist.
1. Im 15. Kapitel der Weisheitsbuches nennt die Bibel uns gleich zu Beginn die Eigenschaften Gottes. „Du aber unser Gott bist gütig, wahrhaftig und geduldig; voll Erbarmen durchwaltest Du das All.“
2. Die Offenbarungen der heiligen Schwester Faustyna von Krakau über die Größe, Schönheit und Unbegreiflichkeit von Gottes Barmherzigkeit, die alle unsere menschlichen Vorstellungen übersteigt und jedem Menschenleben einen unerschütterlichen Halt  geben will und kann.
3. In der Folge dieser Offenbarungen Christi an Faustyna hat Papst Johannes Paul II. seine wundervolle Enzyklika „Dives in misericordia“ geschrieben, um den Menschen dieses Wunder von Gottes Erbarmen nahe zu bringen.
Allerdings haben viele Christen gerade in unseren Tagen auch im Zusammenhang mit der gewesenen und noch stattfindenden römischen Bischofssynode über die Familie den Eindruck, dass die Barmherzigkeit Gottes klein geredet wird, indem man sie manchmal zu „billig“ macht.
Das Evangelium Christi beginnt mit den Worten: „Kehrt um (ändert euren Sinn); denn das Reich Gottes ist nahe.“ Weil das Reich Gottes uns nahe ist und in Jesus Christus offenbar geworden ist, müsssen wir in einem ständigen Prozess umkehren, unseren Sinn ändern, damit wir mehr und mehr dieses Reiches würdig werden. Das Buch der Weisheit gibt uns an, wie wir in der Nachfolge Christi zu sein uns bemühen sollen: gütig, wahrhaftig, geduldig und barmherzig.
Es ist ein langer Weg dahin, den wir alleine gar nicht beschreiten können. „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ sagt der Herr in seinen Abschiedsreden (Joh. 15.5). Und in der Thora (Lev. 19,2) heißt es: „Seid heilig; denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“
Wie können wir sündige und schwache Menschen, „eine ausgelöschte Kerze“ wie Vinzens Pallotti sagt, dieser Forderung Gottes nachkommen? Ein Kapitel weiter gibt das Buch Levitikus (20,8) uns die Antwort: „Ihr sollt auf meine Satzungen achten und sie befolgen. Ich bin der Herr, der euch heiligt.“
„Ohne mich könnt ihr nichts tun“. Barmherzig zu sein, heißt also, sich von Gottes Geist dahin führen zu lassen in einem manchmal langen Prozess und auf einen dornigen Weg; denn wir Menschen neigen dazu, für uns und unsere Sünden Gottes Barmherzigkeit zu reklamieren, aber nicht für den Mitmenschen. In der gegenwärtigen Diskussion um die wiederverheirateten Geschiedenen hat der Wiener Kardinal Schönborn mit Recht gefragt, wo denn die Barmherzigkeit für die Verlassenen und vor allem für die Kinder, die eigentlichen Leidtragenden  einer Trennung, bleibe.
Das zeigt uns einmal mehr, wie weit noch der Weg ist, den wir gehen müssen, um nur Gottes Barmherzigkeit ein wenig nahe zu kommen.
Was ist nun Barmherzigkeit? Das alte deutsche Wort sagt es nicht so treffend wie das lateinische miseri-cor-dia: cor dare – das Herz geben (öffnen) für die Misere unserer Mitmenschen. Gott hat in und mit Jesus Christus sein Herz gegeben für unsere Misere, „als die Zeit erfüllt war“ (Gal.4,4).
So wollen auch wir uns auf den Weg machen, um unser Herz zu geben ( cor dare) für die Misere der Menschen und uns dabei ganz vom Geist Gottes führen  lassen, damit wir unseren Sinn ändern, umkehren und uns vom Herrn selbst heiligen  lassen.

Michael Schneider-Flagmeyer

Wir danken Herrn Matthias Hinrichsen, der im Israel-Magazin seine schönen Bilder aus dem Heiligen Land kostenfei zur Verfügung gestellt hat. Das hier abgebildete Foto heißt: „Auf dem Weg zum Berg der Seligpreisungen“ und gibt einen Blick über den See Genezareth.

„Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Matth. 5,7)

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Eine Antwort auf Misericordia Domini – Was bedeutet Barmherzigkeit?

  1. Walter Richter sagt:

    Ja es stimmt, Gott ist unendliche Liebe und unendliche Barmherzigkeit aber auch die unendliche Gerechtigkeit. Eine Barmherzigkeit ist ohne Gerechtigkeit nicht zu denken. Barmherzig ist er nur dem bereuendem UND umkehrenden Menschen.

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