„Dann knöpf halt die Bluse etwas zu!“

Die Augsburger Allgemeine Zeitung (AZ, 4.3.15) bringt auf Seite 1 einen Bericht („Mehr Klagen über sexuelle Belästigung“) über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Hinzu kommt noch ein Kommentar („Unerträgliche Übergriffe“) von Frau Ursula Ernst zur gleichen Sache. Danach haben „etwa die Hälfte aller Beschäftigten am Arbeitsplatz schon sexuelle Belästigungen erlebt oder beobachtet. Das geht aus einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hervor“. Konkret spricht die AZ „von sexuellen Handlungen über anzügliche Bemerkungen bis hin zum öffentlichen Aufhängen pornographischer Bilder“.
Unabhängig davon, dass sexuelle Belästigung generell nicht in Ordnung ist, sind hier doch einige Bemerkungen angebracht. Das „Erleben“ einer sexuellen Belästigung ist etwas anderes als die „Beobachtung“, auch deswegen, weil die „individuelle Grenzziehung“, wie es im Kommentar heißt, nicht immer leicht ist. Heißt es doch bei Ursula Ernst „Was für den einen schon eine Belästigung ist, ist für den anderen noch Spaß“.
Die Aussage des Gleichbehandlungsgesetzes sagt: Wenn das sexuelle Verhalten die Würde eines Menschen verletzt, liegt eine sexuelle Belästigung vor. (AZ, 4.3.15) Das Empfinden dafür ist zweifellos unterschiedlich ausgeprägt.
Der Kommentar nennt unter der Überschrift „Unerträgliche Übergriffe“ als Grenzverletzungen am Arbeitsplatz „den tiefen Blick in den Ausschnitt, die Hand, die zufällig über den Po streicht, ein paar anzügliche Komplimente“. Das wird zurecht gerügt. Trotzdem muss auch einmal rückgefragt werden. Werden solche „unerträglichen Übergriffe“ nicht auch gelegentlich provoziert, z.B. durch extrem körperbetonte Kleidung, durch aufreizend tiefe Ausschnitte etc. Das Gesagte gilt nicht nur für die Kleidung am Arbeitsplatz, sondern auch für Teenagerkleidung in Schulen, mit der Lehrer konfrontiert werden.
Der Kommentar vermerkt weiter „Schmutzeleien am Arbeitsplatz… sind immer noch üblich, obwohl sich die Arbeitswelt verändert hat. Es sind nicht mehr alte Männer, die damit Zeichen ihrer Macht setzen wollen. Junge Männer machen es ihnen nach. Kann sein, dass bei ihnen die Hemmschwelle durch die im Netz allgegenwärtige Pornographie gesunken ist“.

Diese Ursachennennung übergeht Wesentliches. Es ist nicht nur „die im Netz allgegenwärtige Pornographie“. Sie springt heute an jedem Zeitungskiosk, auf der Theaterbühne, im Fernsehen und in der Literatur in die Augen. Diese Freizügigkeit, die unter Pressefreiheit läuft und tabu ist, wird aus Gründen der politischen Korrektheit nicht angesprochen. Wenn aber die eigentlichen Ursachen eines Übels nicht mehr angesprochen werden dürfen, dann nützt auch das Lamentieren nicht viel. Es wird sich so kaum etwas ändern. Die Frühsexualisierung der Kinder in staatlichen Pflichtschulen wird die Hemmschwelle weiter senken.

Hubert Gindert

 

 

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