Bischof Chira: „Mein Herz hinterlasse ich Rom.“

In Zeiten staatlicher Religionsverfolgung ist das Leben der Priester besonders gefährdet. Im sowjet¬russischen Machtbereich konnten Priester nur in Verstecken anonym überleben. Einer von ihnen ist Bischof Alexander Chira. Er wurde 1897 in einem Dorf in der Karpato-Ukraine geboren. Nach dem Studium der Theologie in Budapest wurde er 1920 in Uschgorol zum Priester geweiht. Zunächst wurde er Sekretär des Bischofs. Anschließend wurde er Seelsorger in seiner Heimat, um die Gläubigen dort vor einem erzwungenen Übertritt in die Orthodoxie zu bewahren. Die sowjetrussische Regierung wollte nämlich die Überführung der Katholiken in die russische Orthodoxie, weil diese leichter zu beeinflussen war als die mit Rom verbundene griechisch-katholische Kirche. Nach der Ermordung des dortigen Bischofs Romzha versprachen die Sowjets dem Priester Chira, ihn zum Bischof zu machen, wenn er das Bistum Mukachevo dem Moskauer Patriarchat unterstellen würde. Seine Antwort war jedoch klar: „Ich bin griechisch-katholisch geboren und ich möchte auch griechisch-katholisch sterben.“ Daraufhin wurde Chira sehr belastenden Verhören unterzogen. In der Nacht vom 10. auf den 11. Februar 1949 wurde er verhaftet und zur Zwangsarbeit verurteilt. Als die Sowjets erfuhren, dass Chira heimlich zum Bischof geweiht worden war, verurteilten sie ihn erneut „wegen Verrats an der Sowjet-Union“ zu 25 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien. Erst wenige Jahre nach Stalins Tod 1953 setzte langsam ein politisches Tauwetter ein. 1956 wurde auch Bischof Chira aus der Haft entlassen. Er kehrte in sein Heimatdorf zurück und setzte seine Seelsorge heimlich fort. In Privatwohnungen feierte er mit wenigen zuverlässigen Getreuen die Heilige Messe, wenn die Türen verschlossen und die Fester sorgsam verhängt waren. Unter strengster Geheimhaltung taufte Chira Kinder, traute junge Paare und segnete die Sterbenden. Rein auf Verdacht hin wurde Chira wiederholt verhaftet und misshandelt. Doch er gab nicht auf. Schließlich wurde er wieder verhaftet, zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und das mit der Auflage, nie mehr in die Heimat zurückzukehren.
Wie sehr muss ein Priester von Gott überzeugt sein, dass er Jahre lang sein Leben riskiert, um den Gläubigen heimlich die Sakramente spenden zu können. Bischof Alexander Chira war es.
Damals wurden im sowjetrussischen Einflussbereich die Katholiken des griechisch-katholischen Ritus von zwei Seiten hart bedrängt – und zwar von den Kommunisten wie auch von den Russisch-Orthodoxen. In ihrer Not fühlten sich die Katholiken dort umso bewusster mit dem Papst verbunden.
Nach seiner zweiten Verurteilung zur Zwangsarbeit kam Chira nach Karaganda in Kasachstan. Im dortigen Lager nahm er sich der zahlreichen verschleppten Christen aus Litauen, Polen und der Ukraine an. Wer Alexander Chira wirklich war, wusste fast niemand. Der richtige Name eines Untergrundpriesters musste ja geheim bleiben. 1977 bekam er überraschend die staatliche Erlaubnis, eine griechisch-katholische Kirchengemeinde zu bilden. Der Heilige Vater Papst Johannes Paul II. konnte Bischof Chira schließlich sogar ein Glückwunsch-Telegramm schicken. Als er es seiner Gemeinde vorlas, weinten die Gläubigen vor Freude. Am 26. Mai 1983 starb der zeitlebens furchtlose Bischof Chira. In seinem letzten Brief hatte er geschrieben: „Meinen Leib übergebe ich der Erde, meinen Geist an Gott, doch mein Herz hinterlasse ich Rom.“ Dank solcher Bischöfe strahlt die Kirche auch nach 2000 Jahren immer noch eine unüberwindbare Kraft aus.

Eduard Werner

Dieser Beitrag erscheint auch in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Juniheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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