Bibelarbeit: Das Bild der Taube in der Heiligen Schrift

Vor ein paar Jahren war von dem suspendierten Priester und Theologen Gotthold Hasenhüttl im Fernsehen zu hören, dass die Taube ein Symbol der Göttin Venus sei. Eine für einen Priester und Theologieprofessor erstaunliche Bemerkung. Immer wieder treffen wir auf eine so unglaubliche Ignoranz von Theologen, so dass ein wenig Bibelarbeit not tut. Ich gebe hier einen Vortrag wieder, den ich auf den Ilbenstädter Tagen gehalten habe und der seinerzeit in Rundbrief der Charismatischen Erneuerung erschien.

Einst hörten fromme Menschen aus dem Gurren der Taube “Kürri’, Kürri’” das Wort “Kyrie” heraus. Die Taube ist eines der ältesten Gottessymbole. Archäologische Funde zeugen davon, was die Taube im religiösen Leben der alten Welt bedeutete. Im römischen Reich erreichte der Taubenkult seinen Höhepunkt. Es gab Tausende von Kolumbarien in Form von hohen, mächtigen Türmen, die jeweils Tausende von Tauben fassten.
Die Taubenliebe der Alten wurzelte tief im Religiösen. Durch Jahrtausende war die Taube in der vorderasiatischen Welt und später auch im Mittelmeerraum durch Mythos, Sage und Kult mit dem Göttlichen verbunden. Der Grund dafür war die Vogelnatur der Taube überhaupt. Ist doch der am strahlenden Himmel dahinschwebende Vogel, der aus den irdischen Niederungen nach oben dem göttlichen Bereich zustrebte, schon an sich ein Symbol des Göttlichen.
Die Taube galt als der Lichtvogel, der sein Nest zur Sonne hin baute. Als fruchtbar und vermehrungsfreudig war die Taube besonders den altorientalischen Muttergöttinnen geweiht, die mit ihren Gefährten, den in Baum und Pfahl repräsentierten Lebensbaumgöttern, zusammen das Prinzip des Lebens darstellten.
Die Beziehung der am Himmel im Sonnenlicht silbern-golden schillernden Tauben zum Glanz der Gottheit war nicht nur den Heiden geläufig, sondern auch das alttestamentliche Gottesvolk pries die Lichtherrlichkeit der Taube.
“Was bleibt ihr zurück in den Hürden? Du Taube mit silbernen Schwingen, mit goldenen Flügeln?” (Ps 68,14).
Auch für die Armen war der Goldglanz des Taubengefieders von Bedeutung, wenn sie Tauben als Jahwes Lieblingsvogel als Brand- und Sühneopfer am Eingang des Bundeszeltes opferten (Lev 1 ,14; 12,6.8).

Die Bibel beginnt ihren Schöpfungsbericht mit einem Bild, das den Geist Gottes als einen Vogel erahnen lässt. In Genesis 1,1 (Übersetzung Buber-Rosenzweig) heißt es: “Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war Wirrnis und Wüste. Finsternis über dem Abgrund. Braus Gottes über den Wassern.”
(Einheitsübersetzung: „…Finsternis lag über der Urflut und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“)
Hier also rühren wir bereits an das göttliche Geheimnis der Taube, indem die ruah Jahwe (was wir unzulänglich als Geist Gottes übersetzen) als das Leben hervorbrütend beschrieben wird.
Das Buch Genesis (1. Mose) zeigt uns später in der Geschichte von Noah die Taube als Lebensboten (Gen 8,11 ff). Sie zeigte Noah und den Seinen an, dass das Verderben von der Erde gewichen und das Leben zurückgekehrt war. Welcher Fingerzeig ins Neue Testament zur Taufe Jesu! Die Taube weist auf das Leben hin, ja sie zeigt den Weg zum Leben: “Du tust mir kund den Weg zum Leben” (Ps 16).
Die Taube heißt auf hebräisch Jona. Auch Jona war ein Bote Gottes, nach Ninive gesandt, um die Menschen dort vom Tod der Sünde zum Leben zu rufen.

Als der Mensch gewordene Sohn Gottes im Jordan von Johannes getauft wird, “da geschah es aber”, so berichtet uns Lukas (3,21 ff), “als Jesus getauft war und betete, da öffnete sich der Himmel, und das göttliche Pneuma stieg in körperlicher Gestalt (somatiko eidei) wie eine Taube auf ihn herab, und eine Stimme erscholl vom Himmel her: ‘Du bist mein geliebter Sohn, dich habe ich erwählt.’”
Was hier berichtet wird, hat höchste Deutekraft für das christliche Symbol. Hier ist das Bekenntnis des Schöpfers zu seiner Kreatur wirklich greifbar. Der Vater macht die Taube zum Offenbarungsbild seiner Lebenskraft. Hier ist das Geschöpf Taube nicht nur Zeichen, sondern die Lebenskraft Gottes, die ruah Jahwe, erscheint den Menschen selbst in der Gestalt der Taube sichtbar.
Die Kirchenväter haben nachdrücklich auf diese Momente hingewiesen. So der hl. Gregor von Nazians (Or. 39,16): “Das Pneuma bezeugt die Gottheit (Jesu), dem nämlich, der mit ihm gleichen Wesens ist, gesellt es sich zu. Und wie eine Taube wird es körperlich geschaut; denn es ehrt den Leib, da auch dieser durch die Vergottung Gott ist.” Justin, der Märtyrer, bemerkt dazu (Dial. 88,3-5): “Es musste den Menschen ein Zeichen gegeben werden, an dem sie erkannten, wer der Gesalbte ist.”
Zu den Aposteln und den ersten Jüngern kommt der Heilige Geist nicht in der geschöpflichen Gestalt der Taube (Apg 2,1 ff). Er kommt als Brausen und Feuer. Wir brauchen das Feuer des Heiligen Geistes (das Licht der Taube), damit es uns reinigt und uns als Jünger Jesu bereitet.
Gott schuf den Menschen sich zum Bilde. Im Bewusstsein dieser Wahrheit sah der biblische Mensch sich selbst in der Gestalt der Taube.
Was im 55. Psalm noch Sehnsucht Davids ist – “hätte ich doch Flügel wie eine Taube, dann flöge ich davon und käme zur Ruhe” – ist beim Propheten Jesaja (38,14) dem König Hiskija schon Gewissheit, in seiner Not ruft er zu Gott: “Ich gurre wie eine Taube.”
In der großen Vision Tritojesjas von der Wallfahrt der Völker zum himmlischen Jerusalem (Jes 60,8) heißt es: “Wer sind die, die heranfliegen wie Wolken, wie Tauben zu ihrem Schlag?” Es sind die Kinder Gottes, die zu ihrem Vaterhaus ziehen.
Beim Propheten Hosea spricht das 11. Kapitel über das Volk Gottes als Gottes große Liebe. Es heißt dort (11,10 ff): “Sie werden hinter Jahwe herziehen … Wie Vögel kommen sie zitternd herbei aus Ägypten, wie Tauben aus dem Land Assur.”
Immer wird das Volk Gottes mit der Taube verglichen. Es heißt … wie eine Taube.

Auch Jesus nimmt diesen Vergleich auf (Mt 10,16): “Seid ohne Falsch wie die Tauben.”
Nun ist es aber einfach wunderbar, dass der lebendige Gott selbst seine Kinder als Tauben bezeichnet. Im Hohenlied, das wörtlich Lied der Lieder heißt, wird in einer Folge von herrlichen Gedichten die Liebe von Mann und Frau besungen, die sich suchen und finden.
Die Redaktoren der Bibel haben hierin den Dialog des himmlischen Bräutigams mit seiner Braut der Kirche bzw. mit der einzelnen menschlichen Seele verstanden. Immer wieder nennt der göttliche Geliebte seine Braut hier Taube (2, 10-17): “Der Geliebte spricht zu mir, steh auf meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Meine Taube im Felsennest, versteckt an der Steilwand, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.”
Und nun geschieht etwas sehr Seltsames. Der Liebesdialog bricht ab, und es folgen zwei Sätze, die scheinbar gar nicht dorthin gehören: “Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse. Sie verwüsten die Weinberge, unsere blühenden Reben.”
Danach wird der Liebesdialog fortgesetzt mit der Antwort der Braut: “Der Geliebte ist mein und ich bin sein. Er weidet in den Lilien.”

Einige der modernen Ausleger sagen uns, das Hohelied sei eine erotische Liebes- bzw. Ehedichtung, die eigentlich gar nicht in die Bibel gehöre. Es ist immer gefährlich, einzelne Kapitel oder Bücher der Bibel isoliert zu betrachten, weil andere Abschnitte der Bibel – wenn man die Bibel wirklich ganz liest – die isolierten Abschnitte erklären. An diesem Beispiel hier und an dem Bild der Taube wird deutlich, dass hinter der ganzen Heiligen Schrift, die in fast 1500 Jahren von zahlreichen Autoren geschrieben wurde, ein einziger Autor steht, nämlich der Heilige Geist. (Siehe die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“ des II, Vatikanischen Konzils)
Betrachten wir dieses Beispiel! Erotisch ist dieses Gedicht sicher. Die Erotik ist ein Geschenk des Schöpfers an sein Menschenkind, dessen Körperlichkeit in den heiligen Schriften ausdrücklich bejaht wird.
Das Bild eines Liebes- und Ehebundes zwischen Gott und seinem Volk wird vom Herrn selbst immer wieder gebraucht. So in den wunderbaren Worten, die Gott durch den Propheten Hosea zu uns, seinem Volk spricht: “An jenem Tag – Spruch des Herrn – wirst du zu mir sagen: Mein Mann… Ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen; ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen. An jenem Tag – Spruch des Herrn – will ich dich erhören” (Hos 2,1 8.21 ff).
Gott ist der Bräutigam, wir sind seine Braut. Er wirbt um uns mit all seiner Liebe, Zärtlichkeit und Treue. Aber wir sind auch Gottes Weinberg. So heißt es beim Propheten Jesaja (5,7): “Der Weinberg des Herrn seid ihr Israeliten (Volk Gottes).”
Und die kleinen Füchse sind einmal die Stimmen, die aus unseren eigenen bösen Herzen kommen, wie Jesus sagt, zum anderen sind die Füchse die Stimmen dessen, der höchst interessiert daran ist, dass der Dialog des Menschen mit seinem Erlöser unterbrochen wird. Jesus selbst nennt diesen Störer den Satan.

Gerade dieser auf den ersten Blick so seltsame Einschub im 2. Kapitel des Hohenliedes macht deutlich, dass hier Gott mit seinem Volk, mit uns, spricht.
Meine Taube im Felsennest nennt der Herr uns. Er sagt von sich selbst: “Ich bin der Fels” (Jes 8,14). Und in Psalm 92 heißt es: “Gerecht ist der Herr, mein Fels ist er.”
Wir sind die Tauben im Nest des Felsen, der unser Gott und Heiland ist; denn beim Herrn sind wir zuhause und nirgends sonst.
Genau dieses Bild kehrt beim Propheten Jeremia wieder (Jer 48,28), als der Herr die Moabiter, ein stolzes und hochmütiges Volk, demütigt und zu ihnen sagt: “Wohnt in den Felsen … macht es wie die Taube, die nistet an den Wänden der offenen Schlucht.”
Das heißt: Geht und macht es wie meine Kinder, die bei mir zuhause sind. Kehrt um zu mir. Nistet an meiner sicheren Felswand.
Und es ist geradezu erschütternd, dass dieser liebevolle Gott auch noch sein Volk mit diesem Liebeswort Taube bezeichnet, wenn es ihm untreu wird und sich anderen Göttern zuwendet.
Hosea 7,11: “Efraim ist wie eine verlockte Taube, die nicht Vernunft annehmen will”. (Efraim – einer der zwölf Stämme Israels).
Unter den schrecklichen Gerichtsworten beim Propheten Hosea hören wir das Weinen Gottes um seine Kinder heraus (Hos 11,3): “Ich war es, der Efraim gehen lehrte. Ich nahm ihn auf meine Arme. Sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie heilen wollte.”
Zu den Kapiteln der Heiligen Schrift, die mich am meisten bewegen und immer wieder zu Tränen rühren, gehören die Kapitel 2-4 beim Propheten Jeremia. Auch hier begegnet uns Gott als Ehemann, der über die Untreue seiner Frau klagt. Es ist geradezu unfassbar, dass der große allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde sich hier scheinbar so klein macht, dass er – wenn es sich um eine menschliche Geschichte handeln würde – als ein Hahnrei, eine tragisch-komische Figur, dastehen würde.
Er spricht zu Jeremia (3,6-7): “Hast du gesehen, was Israel, die Abtrünnige, tat. Sie hurte unter jedem Baum, auf jedem Hügel. Ich dachte, wenn sie genug von ihrer Hurerei hat, wird sie zu mir zurückkehren.” (Efraim ist wie eine verlockte Taube.)
Hier wird die ganze anbetungswürdige, unendliche, mit unserem Verstand gar nicht fassbare Liebe und Geduld unseres Gottes sichtbar. Er bleibt uns unerschütterlich treu, weil er uns verlockte Tauben liebt, “denn dein Schöpfer ist dein Gemahl, Herr der Heere ist sein Name” (Jes 54,5). “Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange die Treue bewahrt” (Jer 31,3).
Gott macht sich sogar klein für uns. Er liefert sich uns aus. Er wird ein Kind in einem armseligen Stall, nackt und bloß in einer Krippe, weil für ihn kein anderer Platz bei uns Menschen ist. Und dieses Kind wird als Mann am Kreuz enden, schmählich verspottet von den Weisen und Priestern des Gottesvolkes.
“Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb” (Hos 11,1).
Aber so sehr hat Gott diese Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, gerettet werden.
Der Gekreuzigte stand aus dem Grabe auf und fuhr zum Vater auf, der ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gab.
Der Löwe vom Stamme Juda ist gleichzeitig das Lamm mit der Todeswunde, vor dem sich alle Scharen des Himmels und der Erde beugen.
Wer kann das verstehen? Das ist göttliche Offenbarung. Das können Menschen sich gar nicht ausdenken.
Damit wir das mit unserem Herzen verstehen, und damit die Taube im Felsennest nicht verlockt wird, sandte der Herr den Heiligen Geist, der uns dieses alles erklärt und uns hilft, Kurs auf unserem Weg zu halten und Zeugen Christi zu sein.
Lasst uns schwache Tauben die Hände ausstrecken zu der himmlischen Taube und den Herrn bitten, dass er seinen Flug über unseren Herzen beende und in unseren Herzen sein Nest mit all seinen Gaben und Früchten baue.

Michael Schneider-Flagmeyer

Print Friendly
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*