Lieber nett statt wahr?

Über den evangelischen Kirchentag in Stuttgart ließe sich manche Satire schreiben. Aber manchmal überholt die Wirklichkeit die Satire. Die evangelikale Nachrichtenagentur idea hat das in einer nüchternen Reportage am Beispiel des interreligiösen Dialogs festgehalten. Autor Klaus Rösler schreibt: „Im Inneren des von riesigen Kronleuchtern festlich beleuchteten Saales sitzen die 400, die es geschafft haben (hineinzukommen), an eingedeckten Tischen. Für Musik sorgt die Tübinger Gruppe „Les baliseurs du desert“ (Wanderer in der Wüste) mit Liedern aus der islamischen Sufi-Bewegung. Die drei Musiker laden ein zum Mitsingen: Auch Christen könnten „Allah“ im Lied verehren, da dies die im Orient übliche Bezeichnung „für den einen Gott“ sei. Und so stimmen viele mit ein. Das Lied erinnert melodisch an den Ruf eines Imams auf einem Minarett“. Die Naivität der Teilnehmer hat damit aber keineswegs den Höhepunkt erreicht. Rösler weiter: „Bei einer muslimischen Bibelarbeit tritt die türkischstämmige Musikerin Hülya Kandemir auf. Unter den Türken in Deutschland war sie als Folkloresängerin eine Berühmtheit, bis sie sich 2004 entschloss, nur noch für Allah zu singen. Das hat ihr nicht nur Sympathien eingebracht. Sie freut sich, dass sie auf dem Kirchentag wie selbstverständlich über Allah singen darf. Hunderte applaudieren. Sie lädt die Kirchentagsbesucher ein, mit ihr in das „La ilaha illa Allah“ („Es gibt keinen Gott außer Gott“) einzustimmen. Die eingängige Popmelodie macht es leicht mitzusingen. Bei der Veranstaltung kümmern sich muslimische Pfadfinder – es gibt 150 in fünf Stämmen in ganz Deutschland – um den reibungslosen Ablauf“.
Rösler zieht ein Fazit: Er habe beim interreligiösen Dialog „nette Juden, Muslime und Buddhisten kennengelernt. Man muss als Christ keine Angst haben, mit ihnen über Glaubensfragen zu sprechen. Aber ich freue mich über eine klare Aussage des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister. Er hat auf dem Kirchentag vor einem ‚theologischen Mischmasch‘ gewarnt, der den Eindruck erweckt, dass ‚alles irgendwie richtig ist‘. Doch genau das hat der Kirchentag getan“. Mehr noch: Wer die erste Sure laut sagt (La ilaha illa Allah Mohammed rasul al Allah – Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet) der gilt in den Augen von Muslimen als Konvertit. Vielleicht fänden die mitsingenden Besucher das sogar gut, wenn sie es wüßten. Für die EKD allerdings gibt es noch Unterschiede. Ein Grundsatztext betont die Unterschiede zum Islam. Aber was soll man noch mit Grundsätzen, wenn alle so nett singen?

Jürgen Liminski

Dieser Beitrag erscheint auch in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Juliheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

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6 Antworten auf Lieber nett statt wahr?

  1. Mathias Wagener sagt:

    Kleine Anmerkung noch am Rande. Wer war wieder ausgeschlossen ? Die missionarischen Juden. Darauf möchte ich doch hinweisen. Ansonsten ist glaube ich ein Kommentar über diesen sogenannten Kirchentag überflüssig.

  2. Gunter Küpper-S. sagt:

    Liminski müsste es besser wissen. Nicht einmal die Salafisten betrachten das bloße Nachsprechen der Schahada für sich allein als gültige Konversion. Noch weniger natürlich, wenn der zweite Teil fehlt wie in diesem Lied. Der Rest sind islamfeindliche Verschwörungstheorien. Dass Liminski diesen Unsinn verbreitet, ist vielsagend.

    • Ulrich S sagt:

      Liminski geht es in seinem Artikel um die Unterschiede zwischen Christentum und Islam. Dass die Shahada das islamische Glaubensbekenntnis ist, werden Sie ja wohl nicht bestreiten wollen.
      Es ist einfach unmöglich, dass Menschen, die sich Christen nennen, dieses auf einem Kirchentag singen; denn der Islam betrachtet sich als die einizige monotheistische Religion. Dem Christentum und dem Judentum spricht er den Monotheismus ausdrücklich ab.
      Dass Sie hier das ignorante Modewort „islamfeindliche Verschörungstheorie“ verwenden, ist wohl eher Ihr „vielsagender Unsinn“.

      • Gunter Küpper-S. sagt:

        Eine muslimische Frau, die das Bekenntnis zum einzigen Gott zusammen mit christlichen Kirchentagsbesuchern anstimmt (und dafür von islamistischen Hardlinern natürlich als Apostatin betrachtet wird), ist erkennbar nicht der Ansicht, dass Christen Polytheisten wären.
        Ebenso sind Kirchentagsbesucher, die das Lieb mitsummen, erkennbar nicht der Ansicht, dass Mohammed der letzte Prophet und Isa nur der Vorletzte wäre. Diese Frage ist einfach ausgeklammert, weil ja nur der erste, für beide Religionen unverfängliche Teil des Bekenntnisverses gesungen wird.

        Eigentlich ganz einfach, man besinnt sich auf das Gemeinsame und blendet das Unterscheidende kurz mal aus. Genauso schreibt es die katholische Lehre vor für interreligiöse Begegnungen vor.
        Leider waren die Kirchentagsbesucher ja Protestanten, deshalb weiß ich nicht ganz sicher, ob die katholische Lehre für sie überhaupt gilt. Jedenfalls ist die katholische Lehre weitaus islamfreundlicher als die protestantische. Liminskis Warnungen sind deshalb umso unverständlicher.

        Dass dann Ultraorthodoxe (Muslime oder Christen) kommen und den Teilnehmern der jeweiligen Religion Apostasievorwürfe machen, ist ja zu erwarten und nicht verwunderlich. Braucht auch niemanden weiter zu beunruhigen. Die wahre Spaltung verläuft ja nicht zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Protestanten und Katholiken, sondern zwischen Fanatikern und Sanftmütigen. Erstere kommen in die Hölle, Letztere in den Himmel. Auf Weise behält letztlich doch das Christentum recht, denn die Lehre von den Sanftmütigen, die das Himmelreich erben, stammt ja von Jesus und nicht von Mohammed.

        • Ulrich S sagt:

          Das Unterscheidende mal eben kurz ausblenden geht auf einem Kirchentag eben nicht. Den Veranstaltern, die hier mit 150 Ordnern die Regie führten, ist durchaus bewusst, dass der Islam Christen und Juden für Polytheisten hält. Liminski hat doch Recht, weil Islam und Islamismus eben nicht voneinander getrennt werden kann, was u.a. das Urteil des höchsten Scheichs der Al Azhar Moschee in Kairo über den IS beweist. Gerade das wurde in den letzten Monaten viel besprochen.
          Die bekennenden Christen als Fanatiker zu bezeichnen und die anderen als Sanftmütige zeugt meines Erachtens von einer beispiellosen und daher gefährlichen Naivität.

  3. Hermann-Josef Kemmer sagt:

    Fragen wir einmal die Malayischen Muslime. Der oberste Gerichtshof in Malaysia hat den Christen verboten, den Namen „Allah“ in der Kirche zu verwenden.
    http://www.kath.net/news/39683
    Ganz in unserem Sinne. Das Gottesbild des Allah im Islam ist die blasphemische Form Gottes für den vollkommenen Dreieinen Gott, eine extreme Herabwürdigung des christlichen Gottesbildes, wenn dieser Allah auch nur in einem Atemzug mit dem Dreieinen Gott auch nur genannt wird. Ein Gott, der laut Eigenzeugnis, von vornherein den Himmel (kein Vergleich zur Himmelsvorstellung des Christentums) und die Hölle sowie Menschen und Dschin als Höllenbewohner, die er selbst höchstpersönlich noch sadistischer quält als Satan dies je könnte, erschafft, der Juden in Affen und Schweine verwandelt, der die Menschheit einteilt in Muslime, die beste Gemeinschaft der Erde, und explizit Juden und Christen als die je nach Übersetzung „abscheulichsten“ oder „schlechtesten“ Geschöpfe charakterisiert (im religiösen Kontext noch schlechter als Satan), also ein explizites Feindbild der unreinen und in die Hölle kommenden Kafir zeichnet, kann nicht durch Liedchen und Friede, Freude und Eierkuchen mit dem Gott der Christen in einen Topf geworfen werden. Gewogen und zu leicht befunden. Das mag zwar der Wohlfühlstimmung harmoniebedürftiger Christen dienen, die auch einem Wohlfühlchristentum light gern anhängen, nicht, und zwar in keinster Weise aber dem Ernst der Lage gerecht wird.

    Erst wenn alle religiösen Muslime und alle islamische Gelehrte voller Inbrunst und Ehrlichkeit sagen und lehren können „Keine Gewalt im Namen Allahs!“ Keine Tötung im Namen Allahs“ und „Keine Diskriminierung im Namen Allah“, und dies auch in die Tat umsetzen, kann überhaupt entfernt darüber nachgedacht werden, ob der Islam wirklich zu den monotheistischen Religionen von der Qualität des Judentums und Christentums gezählt werden kann. Diese Äußerungen habe ich noch nie von diesen Menschen gehört. Solange ich diese Sätze nicht von radikalen Muslimen höre, kann ich solche theologischen Ansätze nicht nachvollziehen, denn die Verfolgungssituation für Andersgläubige in islamischen Ländern sieht leider anders aus. Diese Liedchen sind in meinen Augen nicht nur ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die von Menschen des Islams im Machtbereich des Islams so diskriminiert werden, sondern auch für Jesus Christus.
    In dieser Frage fehlt mir jeglicher Humor, obwohl ich sonst ein humorvoller Mensch bin. Wollen wir den malayischen Muslimen durchaus Recht geben.

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