„…ruht ein wenig aus.“ Zum 16. Sonntag im Jahreskreis

Liebe Schwestern und Brüder,
Überlegen wir einmal ehrlich: Würden wir so eine Woche lang auskommen: Ohne Zeitung und Fernsehen, Supermarkt und Auto, Handy, PC, Telefon oder Stereoanlage? Für viele von uns eine Horrovision. Und dennoch kann auch das Gegenteil, das Überstrapazieren dieser technischen Hilfen, zu einem Übel werden: das aufdringliche Piepsen von Mobiltelefonen in Kauhäusern, Zügen und bald wohl auch im Kirchenraum, das Gedröhne aus den Walkmans an jedwedem Ort, das Ruhigstelllen von Kindern nicht durch Gepräch und Zuwendung sondern durch DVD-Film oder Computerspiele. Alle aufgezählten Dinge sind ja mehr als nur Sachen. Sie stehen für eine gewachsene Lebenskultur mit ihren ungezählten Lebensmöglichkeiten. Und ohne diese Möglichkeiten wären wir bald nicht mehr mitten im Fluß des Geschehens! Wer will schon gerne im Abseits stehen? Und jetzt kommt der Urlaub mit Ruhe und Erholung. Aber das heißt heute ja eher: Surfen, Action, Ballermann und Abenteuer. Und dieser Lebensstil, in dessen Flucht und Fluß die meisten eingetaucht sind, bewirkt genau das Gegenteil von dem, was wir eigentlich suchen.
Dieser schnellebige Lebensstil von Action, ständiger Bereitschaft und dem Immermehrwollen, der den Lebensstil der Werte, Menschlichkeit und Miteinander verdrängt und Egoismus allerenden sprossen läßt, dieser Lebenstil – und nicht der Verzicht darauf – führt ins Leere, Stumpfsinnige und ins Abseits.
Jesus wußte darum, als er seine Jünger einlud: „Kommt, laßt uns in eine einsame Gegend fahren um auszuruhen.“ Um Auszuruhen, nicht um den Lebensaufgaben zu entfliehen, sondern um neue Kraft zu sammeln für ein sinnvolles Leben mit den gestellten Aufgaben. Jesus sucht diese Stille für sich aber auch in der Gemeinschaft der Freunde.
Und dies täte auch uns in unserer Zeit von Hektik und Stress gut: innhalten bei mir selbst mit Menschen, die mir Freund sind. Daher rührte die Sonntagsheiligung seit Beginn der Christengemeinden. Daher kennt jede Religion ihren Ruhetag des Gebetes und der Heiligung. Wir modernen Zeitgenossen haben unseren Tag der Ruhe, des Gebetes und des Gottesdienstes zum Rummel- und Festchentag gemacht und wundern uns über unsere kranke Gesellschaft und den Boom des Ausgebranntseins.
„Kommt an einen ruhigen Ort“, so lädt uns Jesus ein jeden Sonntag. Und tut es nicht gut dort zu sein, innezuhalten, nachzudenken und Gott zu begegnen, mit den Freunden im Glauben das Fest des Glaubens zu feiern und neu aufzutanken?
Sie kennen vielleicht die Geschichte von der großen Wanderung, die ein Weißer mit seinem indianischen Freund macht. Nach einer geraumen Wegstrecke setzt der Indianer sich nieder und weigert sich vorerst weiterzugehen. Darauf angesprochen gibt er die weise Antwort: „Ich warte, bis die Seele nachgekommen ist.“
Lassen wir, liebe Schwestern und Brüder, in unserer turbulenten Zeit immer wieder die Seele nachkommen, damit wir Menschen und Mitmenschen bleiben.
Und lassen wir unsere Seele immer wieder auftanken an der Quelle Gottes, beim Innehalten am Sonntag, beim Ausruhen in der Nähe Christi.
Allen, die Urlaub machen, die Gemeinschaft und Erholung suchen, allen aber auch, die zuhause bleiben, wünsche ich dieses!
Halten wir etwas ein und lassen wir unsere Seele nachkommen. Amen!

Pfarrer Ralf Hiebert, St. Ludwig in Saarlouis am 19.7.2015

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