Der Sexismus in Deutschland – wieder eine Geisterdebatte?

Mit der Überschrift „Ein schmieriges Kompliment – Rainer Brüderle hat ungewollt eine Debatte um Sexismus ausgelöst“, hat Karin Seibold in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 26.1.13 ein Thema aufgriffen, das „überfällig war“. Der Auslöser dieser Debatte war eine angeblich anzügliche Bemerkung des FDP-Politikers Brüderle gegenüber der Journalistin Laura Himmelreich. Karin Seibold schrieb in diesem Artikel: „Sexismus ist kein Phänomen, das sich nur unter alten, grauhaarigen Politikern und jungen, blonden Journalistinnen zeigt. Fehlender Respekt gegenüber Frauen ist in Deutschland alltäglich … der Ton, den manche Männer anschlagen, zeigt die Debatte, die nach dem Artikel der Sternreporterin Laura Himmelreich in deutschen Medien ausgebrochen ist … vielleicht ist es an der Zeit … diese schmierigen Anmachsprüche zum Thema zu machen“.
Vergessen hat Frau Seibold, dass Sexismus schon sehr lange keine Einbahnstraße mehr ist, sondern auch durchaus von Frauen gegen Männer ausgeführt wurde und wird. Das haben dann einige Kolleginnen von ihr nachgeholt.
Was ebenso wichtig wäre, ist, der Frage nachzugehen, wieso konnte es zu diesem „Sexismus“ kommen? Wird diese Frage nämlich nicht gestellt, dann handelt es sich um eine der vielen Geisterdebatten, die in unserer Gesellschaft geführt werden und die an die bekannte Katze erinnern, die um den heißen Brei herumgeht, ihn aber nicht anrührt. Anders ausgedrückt, will man die Ursache, die zu diesem „fehlenden Respekt“ gegenüber Frauen geführt hat, auch wissen und sie eventuell auch abstellen.
Wir leben in einer übersexualisierten Gesellschaft. Überall und permanent werden wir mit Sexdarstellungen konfrontiert, nicht nur am Zeitungskiosk, sondern auch im allgegenwärtigen Fernsehen zur besten Sendezeit. Jugendliche, die üblicherweise mit den neuen Medien gut umgehen können, sind in der Lage, sich jederzeit brutalsten Pornosex herunter zu laden. Ein Ergebnis der Übersexualisierung unserer Gesellschaft ist die erschreckend hohe Zahl sexsüchtiger Personen, die mit ihrem Leben nicht mehr fertig werden. In den Sexdarstellungen sind Frauen Subjekt und Objekt zugleich. Subjekt, weil sie die Männer sexuell stimulieren und provozieren, Objekt, weil sie zur Beute sexgieriger Männer werden.
In dieser Republik ist noch allgemeiner Konsens, dass Darstellungen, die den Nationalsozialismus oder den Antisemitismus verherrlichen, zu verbieten sind, Lockerung der Gesetze, die Pornographie zum allgemeinen Konsumgut gemacht oder den Jugendschutz praktisch beseitigt haben, sich bewährt haben. Es darf auch gefragt werden, ob die allgemein zugängliche Verhütungspille den Frauen wirklich die große Freiheit gebracht hat, oder ob sie dazu geführt hat, dass von ihnen erwartet wird, dass sie jederzeit für Sex parat stehen?
Wer diese Situation ändern will, wird wenig ereichen, wenn er nur mehr Respekt vor Frauen fordert. Basta! Da muss auch nachgefragt werden, ob die Lockerung der Gesetze, die Pornographie zum allgemeinen Konsumgut gemacht hat und die den Jugendschutz praktisch beseitigt haben, geändert werden müssen.
Wenn man nicht den Mut hat, diese Fragen auf den Prüfstand zu stellen und die Ursachen, die zur heute so heftig beklagten Situation geführt haben, anzusprechen und abzustellen, dann soll man mit diesen heuchlerischen Debatten aufhören.

Hubert Gindert

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