München Hauptstadt der Bewegung und Hauptstadt des Widerstandes Teil II

Weitere Belege des Widerstandes in München.
Einen außerordentlichen Widerstand gegen Hitler leistete Innenminister Dr. Schweyer. Schon im März 1922 rief er alle Parteiführer im Bayerischen Landtag zusammen, um mit ihnen „das unerträgliche Bandenunwesen, das Hitler auf den Straßen Münchens organisiere“, zu erörtern.
Schweyer stellte auch Strafantrag gegen Hitler. Er wollte Hitler aus Bayern ausweisen, was am Widerstand der DNVP (Deutsch-Nationale Volkspartei) scheiterte. Nach der Machtübernahme rächte sich Hitler an seinem Gegner Schweyer. (P. Ch. Düren in: „Zeugen für Christus“ I, S. 93-97).
Im März 1933 suspendierte Kardinal Faulhaber den früheren Abt Alban Schachleiter aus Prag, weil dieser die Machtergreifung Hitlers begrüßt hatte. Schon in seinen vier Adventspredigten 1933 und in seiner Silvesterpredigt 1933 wies Kardinal Faulhaber nach, dass aus dem Alten Testament kein Antisemitismus begründet werden könne und dass das Ansehen der deutschen Wissenschaft vor der Weltöffentlichkeit Schaden nehmen müsse, wenn weiterhin versucht werde, auf diese Weise antisemitische Propaganda zu betreiben. Vielmehr werden im Alten Testament hohe sittliche Werte gelehrt. Der Zustrom der Münchner zu diesen Predigten war so groß, dass sie in eine weitere Kirche übertragen werden mussten. Kardinal Faulhaber warnte seine Zuhörer vor Beifallskundgebungen, um der Gestapo keinen Vorwand zu Verhaftungen zu geben. Die Juden in München begrüßten diese Predigten sehr, zumal sie wussten, dass Kardinal Faulhaber Münchner Juden auch materiell unterstützte. Dafür wurde er von den Nationalsozialisten öffentlich als „Judenkardinal“ beschimpft. Am 27. 01.1934 wurde durch ein Fenster in sein Arbeitszimmer geschossen. Weil er wusste, dass sich die Gestapo für seine Ablehnung des Nationalsozialismus an den einfachen Geistlichen rächen werde, mahnte er den Klerus zur Zurückhaltung bei politischen Äußerungen.
Den schärfsten journalistischen Gegner Hitlers, Fritz Gerlich mit seiner Zeitung „Der gerade Weg“, verteidigte Faulhaber. Er schrieb 1932: „Gerlich hat diese Zeitung zu einem Volksblatt erhoben, das im Sturm in die Reihen der Nationalsozialisten eingebrochen ist und zum ersten Male dem „Völkischen Beobachter“ einen überlegenen Gegner ins Feld stellte. Der hiesige Klerus ist begeistert.“ Fritz Gerlich warnte konsequent vor dem Kommunismus und vor dem Nationalsozialismus, bis er am 1. Juli 1934 im KZ Dachau erschossen wurde. Auch sein Wirken und seine Konversion sind in der Ausstellung mit einer kurzen Erwähnung nicht hinreichend eingeordnet.
Die Zahl der Widerstandsgruppen war in München besonders groß. Von der Gruppe um Carl Muth und Theodor Haecker führt eine Spur zur Widerstandsgruppe der Weißen Rose mit Kurt Huber, Willi Graf, Christoph Probst und den Geschwistern Scholl. Diese Spur verschweigt Gründungsdirektor Dr. Nerdinger. Die Gruppen um Adolf von Harnier und Josef Zott, die Gruppe um Franz Sperr, um Walter Klingenbeck, die Gruppe um Graf von Marogna-Redwitz, die Freiheitsaktion Bayern usw. erforderten eine ausführliche Würdigung, um den Umfang und die Gesamtwirkung des Münchner Widerstandes erkennen zu können. Ritter von Lama und Dr. Karl Biack wurden im Gefängnis München-Stadelheim ermordet, weil sie Radio Vatikan gehört hatten.
Wie tief der Widerstand von Pater Rupert Mayer in die Münchner Bevölkerung hineinwirkte, wird in der Ausstellung nicht dargestellt. Eine kurze Alibi-Erwähnung genügt nicht. Pater Rupert Mayer hatte den Mut, in die Veranstaltungen der NSDAP hineinzugehen und dort das Wort zu ergreifen. Wahrscheinlich wurde er nur wegen seiner hohen Popularität und seiner Kriegsverwundung aus dem 1. Weltkrieg nicht tätlich angegriffen. Später wurde er in das KZ Sachsenhausen eingesperrt, weil seine Marianische Männerkongregation in der ganzen Stadt das Rückgrat des geistigen Widerstandes bildete. Die Ablehnung des Nationalsozialismus war in München überall zu spüren. Das zeigen beispielsweise auch folgende Hinweise: Die in München bei Wahlen erheblich geringere Zustimmung der Bevölkerung zur NSDAP im Vergleich zu anderen Städten vor der Machtübernahme, der Bericht der Auslands-SPD aus Prag von 1937 und die populäre Nutzung des „Drückeberger Gassls“, um den verhassten Hitlergruß nicht ableisten zu müssen.
Die stille Ablehnung des Nationalsozialismus bei den meisten Münchnern wird weithin nicht als passiver Widerstand anerkannt. Aber hätte denn die Kirche zu einem aussichtslosen Aufstand mit Blutbad aufrufen sollen? Der jüdische Erfinder der Logotherapie, Professor Viktor Emil Frankl, sagte bei einer Gedenkfeier am 27.04.1985 in Türkheim: „Heroismus darf man nur von einem verlangen und das ist man selbst!“ Hätten die Menschen damals, die täglich die Rechtlosigkeit erlebten und die Hitlers Mordnacht vom 30. Juni 1934 noch deutlich in Erinnerung hatten, ihr Leben aussichtslos opfern sollen? Diese Frage wird in der Ausstellung nicht diskutiert. Aber diese Frage hätte in dieser Ausstellung nicht ausgeklammert werden dürfen. Schließlich konnte man in der Hitlerdiktatur nicht so gefahrlos protestieren wie heute in unserer freiheitlichen Demokratie. Das belegen die Gestapo-Berichte und die Gefängnisse sowie die allgemeine Angst vor den KZs. Die Ausstellung zitiert einige Aussagen von Schriftstellern, um glaubhaft zu machen, dass München wirklich das Zentrum des NS gewesen sei. Doch auch der zitierte Lion Feuchtwanger schrieb 1936 in Paris: „Tröstlich ist Eines. Immer wieder finden sich in den hier zusammengestellten Berichten kleine Geschehnisse verzeichnet, die beweisen, dass weite Teile der Bevölkerung nicht einverstanden sind mit dem, was sich in Deutschland ereignet. (…) Das deutsche Volk ist nicht identisch mit den Leuten, die heute vorgeben es zu vertreten. Es wehrt sich …“ Ein weiterer Bericht der Auslands-SPD aus Prag im August 1937 zeigt, dass der Titel „Hauptstadt der Bewegung“ den Münchnern nur übergestülpt worden war. Unter der Überschrift „Deutsche Städtebilder“ veröffentlichte die damals in Prag residierende Auslands-SPD aufschlussreiche Beobachtungen. Der Bericht über München lautet: „Trotz aller Bemühungen, trotz der vielen repräsentativen Veranstaltungen, trotz der Sonderstellung, die München als Kunststadt genießt, kann man sagen: München ist keine nationalsozialistische Stadt und sie ist es nie gewesen. Der Nationalsozialismus hat seine Anziehungskraft eingebüßt. Der Münchner erträgt ihn wie eine unabänderliche Schickung des Himmels und sucht auf seine Art, sich herauszuwinden, wo er nur kann, ohne dabei mit den Gesetzen in Konflikt zu geraten. (…) Reisende aus Berlin z.B. haben schon oft festgestellt, dass man in München viel freier leben könne, weil schon die ganze Atmosphäre anders sei.“ Auch dieser Beleg für die ganz andere Seite der Münchner scheint den Ausstellungsmachern so unangenehm zu sein, dass sie ihn unterschlagen.
Bei Wahlen hat die NSDAP in München nie die Mehrheit der Stimmen erreicht. Bei den letzten freien Wahlen 1932 war der Stimmen-Anteil der NSDAP in München erheblich geringer als in allen vergleichbaren Städten Deutschlands.
Wer heute noch München als Hauptstadt der Bewegung vorstellt und gleichzeitig den Widerstand der Münchner verschweigt, um nicht zu sagen, unterschlägt, verbreitet – vielleicht unbewusst – heute noch die schändliche Parole Hitlers.

Die Ausstellung zeigt auch ein anscheinend druckfrisches Wahlplakat von 1933, als Hitler bereits an der Macht war. Dort steht zu lesen: „Katholiken wählen Hitler“. Im anschließenden Text wird aufgeführt, dass die Forderungen der Kirche im Konkordat erfüllt seien. Wer allerdings eine gute Brille hat, kann lesen, dass unten ganz klein gedruckt steht: „NSDAP Gau München-Oberbayern“. Das war also gar keine Aufforderung der Kirche an die Gläubigen, wie man im ersten Moment glauben könnte, sondern eine Wahlwerbung der Nationalsozialisten. Die Stadt hat den Widerstand der Münchner immer gern verschwiegen. Wo ist zum Beispiel ein Denkmal für die bedeutenden Widerständler gegen Hitler? Das sind u.a. Fritz Michael Gerlich, Innenminister Dr. Schweyer und Theodor Haecker. Fehlanzeige, denn sie waren profilierte Katholiken. Die weithin unbekannte Gerlichstraße in einem äußeren Stadtviertel kann nicht die gebotene Erinnerung an Fritz Gerlich sein. Den Freundeskreis Carl Muth/Theodor Haecker/Willi Graf/Hans und Sophie Scholl/Alexander Schmorell lassen die Ausstellungsmacher leider beiseite, obschon dieser Kreis in der Gegnerschaft zu Hitler eine prägende Rolle in München spielte. Auch die katholischen Mitglieder der „Weißen Rosen“ dürfen dem Vergessen entrissen werden.
Ein Text der Ausstellung lautet: „Die Kirchen haben den Widerstand nicht unterstützt.“ Ein ebenfalls ungeheuerlicher Satz! Schon allein methodisch können die beiden Kirchen nicht über den gleichen Kamm geschoren werden. Das Wählerverhalten und die Opferzahlen der Protestanten und Katholiken waren ebenfalls verschieden. Die katholische Kirche hat den Widerstand nicht nur unterstützt, sie war selbst Widerstand. Weiß der Gründungsdirektor mit seinem Team nicht, dass zuallererst auf die Gefahren des Nationalsozialismus niemand anders als die katholische Kirche aufmerksam gemacht hat?
Widerstand war auch die Judenrettung der katholischen Kirche unter Lebensgefahr. Nicht nur in Rom, wo Papst Pius XII. Hunderttausende von Juden rettete, in Klöstern versteckte und in Uniformen päpstlicher Gendarmerie stecken ließ, gab es kirchliche Dienste zur Judenrettung. Auch in Deutschland unterhielt die Kirche als Caritasstellen getarnte Hilfsstellen für verfolgte Juden in Hamburg, Berlin und Freiburg.
Widerstand ging auch von der Kirche aus bei der so genannten Euthanasie. Das war ein NS-Programm zur Vernichtung der körperlich oder geistig behinderten Menschen. Bischof von Galen erstattete Strafanzeige gegen die beteiligten Beamten. Darauf schrieb Goebbels in sein Tagebuch: „Diesen Bischof greifen wir uns nach dem Krieg.“ Seine Predigten gegen dieses Vernichtungsprogramm wurden heimlich abgeschrieben und weiterverbreitet. Aus diesem Grund wurden u.a.drei Lübecker Priester und ein Speyerer Priester ermordet.
Völlig zu Unrecht behauptet ein Text in der Ausstellung: „Widerstand war nicht immer mit Gefahr für Leib und Leben verbunden.“ Dieser Satz ist ein Hohn auf die vielen Gefangenen in den Gefängnissen und KZs, auf die Menschen, die in ihrer aussichtslosen Lage Selbstmord begingen. Der Leipziger Gerichtspräsident Werner Lueben beging in der Nacht vor der Verkündigung des Todesurteils gegen den Innsbrucker Bischofsvikar Selbstmord, weil er dieses Unrechts-Urteil nicht unterschreiben wollte. Wie viele Selbstmorde in aussichtsloser Lage hat es damals auch beim Militär gegeben? Sie hatten eben keinen „freien Handlungsspielraum“!
Ein Beispiel für die Unterschlagung des passiven Widerstandes der Münchner ist die Darstellung des obligatorischen Hitlergrußes an der Feldherrnhalle, an der Stelle, wo 1923 beim Hitlerputsch 16 seiner Anhänger erschossen wurden. Dass die Münchner in so großer Zahl dieser lästigen Pflicht dadurch entgingen, dass sie einen Umweg durch die Viscardigasse machten, so dass diese Gasse im Volksmund den Namen „Drückebergergassl“ erhielt, wird natürlich verschwiegen. Ich glaube, es war 2005, als die ÖDP im Münchner Stadtrat den Antrag stellte, die Viscardigasse in Drückeberger Gassl umzubenennen, um dem passiven Widerstand der Münchner Bevölkerung ein Denkmal zu setzen. Dieser Antrag wurde damals wegen angeblich formaler Mängel gar nicht zur Abstimmung im Stadtratsplenum zugelassen. Warum wohl? Muss der Widerstand der Münchner Bevölkerung verdrängt werden?
Zuzugeben ist, dass Kardinal Faulhaber sagte, die Hitler-Regierung sei die gottgesetzte Obrigkeit, weil legal an die Macht gekommen. Aber daraus kann man nicht ableiten, dass er die Hitler-Regierung für gut gehalten hätte. Damit wollte er nur zum Ausdruck bringen, dass Hitler unter Zulassung Gottes an die Macht gekommen ist, denn „jede Obrigkeit sei nach Paulus von Gott.“ Auch die römischen Kaiser, welche die frühen Christen ebenfalls grausam verfolgten, galten ja als „von Gott gesetzte Obrigkeit“. Dass Faulhaber die Hitler-Regierung scharf ablehnte, beweisen seine Adventspredigten und seine Silvesterpredigt von 1933. Diese Predigten werden in der Ausstellung jedoch totgeschwiegen. Diese Predigten waren eine Entlarvung der NS-Ideologie, sie waren geistiger Widerstand auf hohem Niveau!

Eduard Werner

In der Fortsetzung Teil III: Haben die Münchner die NS-Zeit verdrängt?

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