Wenn der Mut zu Reformen fehlt

In der Auseinandersetzung auf der Römischen Synode der Bischöfe im Oktober um Ehe und Familie geht es um den „Kern jeder Sozialordnung“ (Benedikt XVI.), in den Worten von Papst Franziskus um die „Krone der Schöpfung“. Der us-amerikanische Präsident Barak Obama hat Recht, wenn er die 5:4 Entscheidung des Obersten Gerichtes für die „Homo-Ehe“ als „historisch“ bezeichnet. Er hat aber Unrecht wenn er diese Entscheidung einen „historischen Sieg“ für die amerikanische Gesellschaft nennt. Tatsächlich ist es eine historische Niederlage für die Menschen.
Für die zweite Sitzung der Außerordenlichen Sitzung der Bischöfe in Rom gibt es ein Arbeitspapier (Instrumentum laboris). Zu diesem Papier sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz u.a. …“Man spürt im gesamten Text das Bemühen, keine Vorfestlegung zu bestimmten Themen treffen zu wollen …die Bedeutung der Barmherzigkeit wird erwartungsgemäß stark herausgestellt … gerade bei den komplexen Themenbereichen im Umgang mit Paaren in Krisen-, Trennungs- und Scheidungssituationen und der Aufmerksamkeit gegenüber Personen mit homosexueller Orientierung zeigt das Dokument in einer vorsichtigen Sprache verschiedene Blickwinkel auf. Es ist auch hier das Bemühen spürbar, die Diskussion offen zu halten …für die bevorstehende Bischofssynode bietet das „Instrumentum laboris“ eine Diskussionsgrundlage, die die Gesprächsperspektiven mit verschiedensten Formulierungen offen hält“. (Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz, 23.6.2015).
Guido Horst erklärt dazu: „Es (Instrumentum laboris) enthält keine klare Linie, sondern gibt Stimmen wieder, auch, wenn diese sich widersprechen“. (Tagespost, 25.6.15)
Was die Vertreter der deutschen Ortskirche, Erzbischof Marx, Erzbischof Koch und Bischof Bode wollen, hat Kardinal Marx nach der Frühjahrskonferenz der deutschen Bischöfe in Hildesheim deutlich gemacht, nämlich „neue Wege zu gehen“ und „mitzuhelfen, dass Türen geöffnet werden“. Die Synode müsse einen Text finden, der die Diskussion „weiter voranbringe“ und zugleich „in Grundsatzfragen eine gemeinsame Position finden“. In der Lehre bleibe man in der Gemeinschaft der Kirche, in Einzelfragen der Seelsorge „kann die Synode nicht vorschreiben, was wir in Deutschland zu tun haben“. Darum sollten die Bischöfe laut Marx nach der Synode ein eigenes Hirtenwort zu Ehe und Familie veröffentlichen. Zum geplanten postsynodalen Hirtenwort der deutschen Bischöfe nach der Römischen Synode meint Erzbischof Heiner Koch „wenn man sehen werde, was Papst Franziskus uns ans Herz legen wird, werden wir dann versuchen, das auf unsere Situation nochmal zu übersetzen‘“. (Tagespost, 20.06.15) Das Bestreben einen deutschen Sonderweg zu gehen wird hier unterstrichen. Was die Mehrheit der deutschen Bischöfe will, hat Regina Einig so charakterisiert: „Die deutschen Bischöfe richten sich auf einen langen Gesprächsprozess über Ehe und Familie mit viel Spielraum für die Ortskirche ein.“ (Tagespost, 26.2.15)
Auf dem Weg zur Römischen Bischofssynode fand am 18. Juni 2015 in Berlin eine Veranstaltung unter dem Thema „Hören! Was Familien sagen“ der „Kommission für Ehe und Familie“ der deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) statt. In den Pressemitteilungen der deutschen Bischofskonferenz (19.6.15) lesen wir darüber: „Unter den Leitthemen ‚Erwartungen von Familien an die Kirche vor Ort‘, ‚wie Familien ihren Glauben leben und bezeugen‘ und ‚Anregungen für ein Wort der deutschen Bischöfe zu Ehe und Familie für die Arbeit des ZdK‘ haben einzelne Personen ihre verschiedenen Lebenssituationen vorgestellt: Eine junge Frau, die gemeinsam mit ihrem Freund drei Kinder hat und jeden Tag Kompromisse findet, ihre Kinder in ihrem katholischen Glauben und dem Nichtglauben ihres Partners zu erziehen; ein Mann, der wiederverheiratet geschieden ist, sich oft als ‚gebrandmarkt‘ fühlt und vor Herausforderungen steht, seinen Glauben zu leben – z.B. bei der Erstkommunion der Kinder; die Frau, die über die Vor- und Nachteile einer ‚Pendelehe‘ berichtet, die sie führt, da ihr Mann aus beruflichen Gründen nur am Wochenende bei seiner Familie sein kann. Ein Mann, der viel Mut gebraucht hat, sich als junger Erwachsener zunächst vor sich selbst und dann vor seiner katholischen Familie zu ‚outen‘, weil er gelernt hat, Homosexualität sei eine Sünde und sogar eine Schande. Ein junger Mann, der seine Sicht auf die Lehre der Kirche erläutert und die Diskrepanz zwischen katholischer Lehre und gelebter Wirklichkeit aus seiner Sicht erklärt“. Alois Glück und Bischof Heiner Koch zeigten „sich tief beeindruckt von den geschilderten Lebenssituationen“.
Man würde gerne erfahren, ob es neben den geschilderten Zeugnissen keine Ehepartner gab, die dankbar sind für die katholische Ehelehre, weil sie darin Kraft, Stütze und auch Freude finden, um ein glückliches Eheleben zu führen. In der Plenumsdiskussion der Berliner Veranstaltung wurde immerhin darauf hingewiesen: „Man dürfe auch die kinderreichen Familien nicht vergessen, die nach einem klassischen Rollenmodell leben“. Die Normalehe zwischen Mann und Frau ist demnach ein „klassisches Rollenmodell“. Das erinnert ein wenig an die austauschbaren Rollen in einem Theaterbetrieb.
Wer sind eigentlich die Familien, auf die wir hören sollen? Wahrscheinlich jene, die auf die zweite „Familienumfrage“ des Vatikans zur Synode der Bischöfe im Oktober 2015 geantwortet haben. In den Pressemitteilungen der deutschen Bischofskonferenz vom 20.4.15 wird dazu vermerkt: „Die meisten Kommentare (wurden) zu den Fragen gegeben, die den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen mit Paaren, die in einer nur zivilen Ehe oder ohne Trauschein zusammenleben und die homosexuellen Lebensgemeinschaften betreffen. Hier erwartet ein Großteil der Gläubigen eine Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre und eine größere Offenheit gegenüber der heutigen Lebenswirklichkeit“. Sind die eingegangenen Fragebögen für die Katholiken repräsentativ? Die Augsburger Allgemeine Zeitung (21.4.15) nannte beispielsweise für das Bistum Augsburg 26, für das Bistum Eichstätt 33 und für das Bistum Würzburg 28 Fragebögen.
Die ständig strapazierten Stichworte „Realitätsnähe“ oder „Lebenswirklichkeit“, die die Ehelehre der Kirche in unserer Zeit angeblich nicht mehr lebbar machen, sind weder neu noch originell. Sie spielten schon in der Gesellschaft der frühen Kirche eine große Rolle, wie die Briefe des Apostels Paulus an die Gemeinden zeigen.
Was der katholischen Kirche in Deutschland fehlt, sieht man vielleicht am besten aus der Distanz. Der renommierte us-amerikanische Papstbiograph, Theologe und Publizist George Weigl „vermisst bei den Katholiken in Deutschland eine Ernsthaftigkeit in der Ursachenforschung für das offensichtliche pastorale Versagen. Statt neue Ansätze der Glaubensverkündigung und Katechese einzuschlagen, werde immer wieder die Faktizität des Bestehenden beschworen. Schlagworte wie Lebenswirklichkeit und Realitätsnähe, würden in den Raum gestellt als ob es keinerlei Alternativen in Pastoral und Seelsorge mehr gäbe, um Herr der Krise zu werden. …Weigl konstatiert einen hohen Grad an Säkularisierung der Katholiken in Deutschland. Er prangert die Uneinsichtigkeit an, wenn statt einer qualitativen Intensivierung der Glaubensverkündigung und Pastoral weitere Zugeständnisse an den Zeitgeist erwogen werden. Vor lauter Dialogprozessen und Reflexionen zur weiteren Modernisierung habe man wohl die Realität – konkret: das Evangelium und seine Wahrheiten – aus dem Blick verloren“. (Thomas Jatzkowski, Una Voce Korrespondenz, 2. Quartal 2015, S. 282) Deshalb geht in Deutschland „die Angst vor einem Schisma“ um.
Die Bischofssynode in Rom hat Ehe und Familie zum Thema. An Ehe und Familie entscheidet sich die Zukunft der Gesellschaft und der Kirche. Sr. Lucia dos Santos, eine der drei Seherkinder von Fatima, schrieb 1980 an Kardinal Carlo Caffarra, den Erzbischof von Bologna: „Die letzte Schlacht zwischen dem Herrn und der Herrschaft Satans wird um die Ehe und die Familie geschlagen. Jeder, der sich für die Heiligkeit von Ehe und Familie einsetzt, wird in jeder Hinsicht bekämpft und abgelehnt werden, weil das die entscheidende Frage ist“. (Kath.net 24.6.15)

Hubert Gindert

Dieser Beitrag ist auch erschienen in der katholischen Monatszeitschrift “Der Fels” im Augustheft. Probehefte dieser Zeitschrift können angefordert werden unter der Telefonnummer 08191-966744 oder per E-mail: Hubert.Gindert@der-fels.de

 

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3 Antworten auf Wenn der Mut zu Reformen fehlt

  1. KH sagt:

    Es fehlt nicht nur der Mut zu Reformen. Es fehlt vor allem der Wille.

  2. Gerhard Ley sagt:

    Die Deutsche Kirche unter S.Em. Marx und Glück sollte aus der Römisch-Katholischen Kirche austreten, um Katholiken, die römisch-katholisch bleiben wollen, den Austritt aus der „deutschen“ Kirche zu ersparen

    • Michael Schneider-Flagmeyer sagt:

      Lieber Herr Ley,
      lassen Sie uns lieber dafür beten, dass beide aufhören in der Kirche Politik zu betreiben und sich ganz in die Einheit mit dem Papst und der Weltkirche begeben. 🙂

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