Das neue NS-Doku – Zentrum in München – Der Katalog. von Dr. Eduard Werner

Wir haben bereits in drei Folgen über die ideologisch ausgerichtet Ausstellung über München als Haupstadt der NS-Bewegung ausführlich im August berichtet hier auf unserem Blog. Alle drei Berichte erschienen auch auf kath.net. Inzwischen haben die kritischen Berichte von Dr. Werner auch bischöfliche Aufmerksamkeit erregt, so dass man gespannt sein kann, ob und wie die Bischofskonferenz und besonders das Erzbistum München und Freising reagieren wird.
Zum Abschluß der Gesamtwürdigung der Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums in München über München als Haupstadt der Bewegung unterzieht der Historiker Dr. Eduard Werner auch den Katalog der Ausstellung einer kritischen Betrachtung und fasst damit die kritische Würdigung der Ausstellung zusammen.

1. Verworrene Geschichtsauffassung
Im 624 Seiten starken Katalog der Ausstellung wird die ideologische Tendenz noch deutlicher als in der Ausstellung selbst. Auf Seite 379 zeigt ein Bild das feierliche Gelöbnis der Bundeswehr auf dem Königsplatz mit Franz Joseph Strauß. Da fragt man sich: Was haben der Königsplatz und Franz Josef Strauß mit dem Nationalsozialismus zu tun? Nach der seit 1968 auch in Deutschland verankerten marxistischen Geschichtsauffassung ist die Geschichte – soweit sie nicht auf den Leninismus/Stalinismus zuläuft – als faschistoid einzuordnen. Ist damit König Ludwig I. als ein Vorläufer und Strauß mit der Bundeswehr als ein Nachfahre des Münchner Nationalsozialismus einzustufen? Wie können die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Bayern und die Stadt München für eine derart abartige Propaganda die notwendigen Gelder zur Verfügung stellen? Dr. Nerdinger erwähnt aber nicht, dass in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Deutsche Gewerkschaftsbund seine großen Maikundgebungen regelmäßig auf dem Königsplatz abgehalten hat. Müsste er nicht darin konsequenterweise auch eine unerlaubte Nutzung des Königsplatzes sehen? Im Jahre 1958 wurden dort auch die Fußball-Weltmeisterschaftsspiele durch den Bayerischen Rundfunk übertragen. Wurde damit das „Erinnern an den Nationalsozialismus“ gestört oder zumindest verdrängt? Eine wahrlich verworrene Geschichtsauffassung!
Auf Seite 369 finden sich Bilder über die Reemtsma-Ausstellung von 1987 bezüglich der Verbrechen der Wehrmacht. Aber kein Wort weist daraufhin, dass der polnische Historiker Musial nachgewiesen hat, dass Fotos dieser Ausstellung in Wahrheit Verbrechen der sowjetischen Armee in Katyn zeigen. Diese Fälschungen wurden mit voller Absicht der deutschen Armee in die Schuhe geschoben.
Auf Seite 367 zeigt der Katalog Fotos von Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“. Offenbar glaubt der Ausstellungsmacher an die literarische Fiktion Hochhuths, die er dazu noch als „kirchenkritisches Dokumentardrama“ bezeichnet. Von „Dokumentar“ ist bei dieser Fiktion nichts zu sehen. Die zahlreichen Gegenbeweise von jüdischer Seite werden natürlich nicht erwähnt. Die einschlägigen Veröffentlichungen von Pinchas Lapide, Pankratius Pfeiffer und Eugenio Zolli unterschlägt die Ausstellung.

2. Verdrängung der Erinnerungspflege
Am Ende zeigt sich, dass die Thesen dieser Ausstellung ideologisch motiviert sind. Die päpstliche Nuntiatur an der Brienner Straße als „Schwarzes Haus“ zu bezeichnen, um ihr Erscheinungsbild und ihre geistige Ausrichtung auf die gleiche Stufe zu stellen wie das „Braune Haus“ und die Gestapo-Zentrale, ist pure Diffamierung. Zu diesem Zweck hat Dr. Nerdinger die Bezeichnung „Schwarzes Haus“ erst erfunden. Auch die Behauptung, dass „die Münchner“ die zwölf Jahre NS- Geschichte in sträflicher Weise verdrängt hätten, hätte der Architekt Nerdinger nicht aufstellen können, wenn er die einschlägige Literatur und Dokumentationen zur Kenntnis genommen hätte. Schon allein die Bücher des ehemaligen KZ-Häftlings Weihbischof Neuhäusler belegen eine intensive Beschäftigung der Kirche mit diesem Thema. Dass 2756 katholische Priester im doch recht nahen KZ Dachau gefangen waren, hätte in dieser Ausstellung gewürdigt werden müssen. Dass Weihbischof Neuhäusler nach dem Krieg viel Zeit und Geld aufgewendet hat, um auf dem KZ-Gelände Dachau zur bleibenden Erinnerung und zur bleibenden Mahnung ein Sühnekloster zu errichten, wird in der Ausstellung nicht einmal erwähnt. Das verdrängt der Ausstellungsmacher. Der Vorwurf der Verdrängung trifft also umgekehrt zu. Verdrängt die Ausstellungsleitung die intensive Beschäftigung der Kirche mit dem NS-Thema, nur um den Vorwurf der Verdrängung gegen die andere Seite erheben zu können? Ein solches Vorgehen beruht aber nicht auf wissenschaftlichen Kriterien, sondern auf politischer Ideologie. Das ist für das Ansehen der Träger dieser Ausstellung – Bund, Land und Stadt München – unangemessen. Der Vorwurf der schuldhaften Verdrängung der NS-Geschichte an die ganze Nachkriegsgesellschaft durchzieht die ganze Ausstellung. Dass diese Nachkriegsgesellschaft aus dem Elend der Nachkriegsjahre, aus dem Hunger und der Wohnungsnot heraus ein Wirtschaftswunder schuf, hat nichts mit Vertuschung der zwölfjährigen NS-Epoche zu tun. Nach jeder Katastrophe haben sich die Menschen wieder dem Leben zugewandt. Auf den Ruinen des dreißigjährigen Krieges ist das Barock-Zeitalter entstanden. Menschen können nicht ständig wie gelähmt in den Abgrund schauen. Glücklicherweise erwies sich in der Geschichte der menschliche Lebenswille immer stärker als Tod und Verzweiflung. Das weiß eigentlich jeder Historiker.

3. Unterschlagung historischer Fakten
Dr. Nerdinger will auch den Eindruck erwecken, als seien die Münchner überwiegend Nationalsozialisten gewesen. Dabei musste er übersehen, dass die NSDAP bei den letzten freien Wahlen im November 1932 nur 18,44 % der Stimmen errang. So steht es laut Münchner Stadtarchiv in der Untersuchung von Mathias Rösch „Die Münchner NSDAP 1925 – 1933“ auf Seite 548. Auch dieses Wahlergebnis bleibt in der Ausstellung bedauerlicherweise unerwähnt. Nach Meinrad Hagmann soll die NSDAP am 6.11.1932 jedoch auf 24,9% gekommen sein. Möglicherweise erklärt sich der Unterschied dadurch, dass Hagmann der NSDAP die Stimmen aus einer Listenverbindung mit einer anderen Partei zuschlägt. Vermutlich standen ihm bei seiner Zusammenstellung 1946 noch nicht alle Archivalien zur Verfügung.
Widerständler aus dem linken Lager hebt Dr. Nerdinger über Gebühr hervor. Kirchentreue Katholiken wurden jedoch von den Kommunisten genauso verfolgt wie von den Nationalsozialisten. Katholiken haben daher keinen Grund, das eine Extrem für besser zu halten als das andere Extrem. Die Ausstellungsleitung erwähnt auch den sehr ehrenwerten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Dr. Wilhelm Hoegner. Sie lässt ihn aber leider nicht zu Wort kommen, weil seine Äußerungen auch auf das demokratische München verweisen. In seinem Buch „Flucht vor Hitler“ erzählt Dr. Hoegner eindrucksvoll, wie in Hamburg sozialdemokratische Wahlkreise und in Berlin kommunistisch geprägte Straßen an die NSDAP verloren gingen. Führende SPD-Männer flohen im Februar und März 1933 nach München, weil sie sich dort sicher fühlten. Solche Belege werden leider nicht erwähnt.
Die Behauptung der Ausstellungsleitung, dass nicht jede Kritik am NS-System Gefahr für Leib und Leben bedeutete, verrät einen falschen Umgang mit Fakten. Wenn beispielsweise ein Polizist oder ein Richter eine Strafanzeige nicht systemgemäß grausam verfolgte, sondern heimlich unterdrückte, so darf dies nicht verharmlosend dem NS-System zugerechnet werden. Vielmehr zeigt dies umso deutlicher die Gefährlichkeit des Systems. Hierfür ein Beispiel. Der Soldat Ludwig Seegerer aus Nabburg war vor dem Kriegsgericht in Nürnberg angeklagt, weil er einmal auf den Hitlergruß „Heil Hitler“ antwortete: „Ich nicht, heil Du ihn!“ Für solche Witze gab es sonst nur Todesurteile. Der Richter Hartinger formulierte das Urteil aber absichtlich unklar und verurteilte den Angeklagten nur zur Frontbewährung und sorgte auch noch dafür, dass der Soldat sofort an die Front in der damaligen Sowjetunion verbracht wurde, wo er tatsächlich überlebte. Aus derartigen verdeckten Hilfen einen Toleranzspielraum für den NS-Staat abzuleiten, ist völlig verfehlt, denn der Richter hat aus Mitleid mit dem Soldaten ein hohes Risiko auf sich genommen. Dagegen beging der Leipziger Gerichtspräsident Werner Lueben in der Nacht vor der Verkündigung des Todesurteils gegen den Innsbrucker Bischofsvikar Dr. Carl Lampert Selbstmord, weil er dieses Unrechtsurteil nicht unterschreiben wollte. Dieser Bischofsvikar hatte den Sterbeort „Buchenwald“ in der Todesanzeige für den Märtyrerpriester Otto Neururer angegeben, was verständlicherweise verboten war.
Die vielen katholischen Widerständler konnte die Ausstellung nicht totschweigen. Deshalb legt Dr. Nerdinger in der Ausstellung und auch im Katalog Wert auf die Behauptung, dass deren Widerstand „Privatsache“ war und nicht kirchlicher Widerstand. Sogar den Widerstand von Prälat Lichtenberg in Berlin bezeichnen Thomas Brechenmacher und Harry Oelke auf Seite 506 als den Widerstand eines Einzelnen. Sollten auch diesen beiden Autoren die Zusammenarbeit Lichtenbergs mit Bischof von Preysing, mit leitenden Beamten des Innenministeriums, mit Dr. Margarete Sommer und mit Pfarrer Thrasolt wirklich unbekannt sein? Ob es Widerständler in Berlin, in Münster oder Freiburg waren, konnten sie ihren Widerstand doch nur leisten, weil sie Rückhalt im katholischen Milieu hatten. Überdies konnte und durfte sich die Kirche nicht aussichtslos in die offene Feldschlacht begeben und offiziell den offenen Widerstand erklären. Das dann unvermeidbare Blutbad wäre zu Lasten der Kirche und ihrer Gläubigen ausgegangen. Oder glauben die Ausstellungsmacher, dass Hitler so demokratisch war und Widerstand geduldet hätte? Die Bischöfe hatten die Pflicht, die Kirche aus seelsorgerlichen Gründen funktionsfähig zu erhalten, was Außenstehenden kaum zu vermitteln ist.

4. Parteiliche Auswahl der Fakten
Dass die ersten drei Präsidenten der Nachkriegslandtage Dr. Horlacher, Studiendirektor Stang und Dr. Hundhammer KZ-Gefangene in Dachau waren, erwähnt die Ausstellung nicht, wohl deshalb nicht, weil sie alle drei der CSU angehörten. Der vierte Landtagspräsident Dr. Hans Ehard war 1923 der Staatsanwalt, der Hitler nach dem Putschversuch anklagte. Auch das ist keiner Erwähnung wert, weil er der „falschen“ Partei angehörte. Der stellvertretende Ministerpräsident Dr. Josef Müller, im Volk Ochsensepp genannt, vermittelte im Auftrag von Wilhelm Canaris den ersten Kontakt der deutschen Militär-Opposition mit der britischen Regierung. Dabei geschah die entscheidende Hilfe durch Papst Pius XII. – dem früheren Hausherrn der Münchner Nuntiatur in der Briennerstraße. Das ist dem Ausstellungsleiter ebenfalls keiner Erwähnung wert, weil Dr. Josef Müller auch der „falschen“ Partei angehörte.

Den Gipfel der Einseitigkeiten erreicht der Ausstellungsleiter erst im Ausstellungskatalog. In der Ausstellung selbst ist diese Passage nicht aufgefallen. Im Hauptkatalog lässt er schreiben: „Die Evangelische Kirche hat mit ihrer „Stuttgarter Erklärung“ 1945 ihr Fehlverhalten in der NS-Zeit eingestanden und sie hat sich dafür entschuldigt.“ Dann wird der Eindruck erweckt, dass bei der katholischen Kirche dieses Eingeständnis noch ausstehe.
Solle sich denn das Opfer noch dafür entschuldigen, dass europaweit nur viertausend Priester ermordet wurden und nicht alle, dass nur die meisten Klöster aufgehoben wurden und nicht alle und dafür, dass die Kirchenzeitungen 1933 nicht sofort verboten wurden, sondern erst nacheinander? Das Opfer zum Angeklagten zu machen, ist bitterer Hohn für das Opfer. Überdies scheint die Ausstellungsleitung die „Stuttgarter Erklärung“ selbst nicht gelesen zu haben. Sonst wäre ihr aufgefallen, dass dort die Shoa gar nicht erwähnt wird. Weiter hätte ihr auch auffallen müssen, dass die Verfasser diese Stuttgarter Schulderklärung fast ausschließlich Angehörige der Bekennenden Kirche waren, die für das Fehlverhalten der Evangelischen Kirche während des Dritten Reiches wahrlich nicht verantwortlich waren.
Wenn man diese Ungeheuerlichkeiten sieht, fragt man sich doch, warum Dr. Nerdinger als führendes Mitglied des Aufsichtsgremiums auf Entlassung seiner Vorgängerin drängte und sich dann an ihre Stelle setzte. Die Vorgängerin war nämlich gelernte Historikerin und wollte Geschichte sine ira et studio unvoreingenommen darstellen. Wollte Dr. Nerdinger gerade eine objektive Darstellung verhindern?
Die Frage, wie für so viel Geld eine derartige Geschichtsklitterung zustande kommen konnte, erklärte die Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats Prof. Merith Niehuss in einem Interview freimütig so. „München sollte als Täterstadt im Vordergrund stehen.“ Der Hörer staunt und versteht schließlich: Eine objektive Darstellung war also gar nicht beabsichtigt.

Eduard Werner

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Eine Antwort auf Das neue NS-Doku – Zentrum in München – Der Katalog. von Dr. Eduard Werner

  1. Helena sagt:

    Zu Franz Josef Strauss: Die nach 1968 Geschichtsklitterung ist wirklich unsäglich und wenn das so in das NS – Doku Zentrum übernommen wurde völlig daneben. Ich habe unlängst auf youtube ein Interview geschaut : Günter Gaus im Gespräch mit Franz Josef Strauß (1964) Hier kann ich nur empfehlen sich das mal anzuhören, auch was Franz Josef Strauss als Zeitzeuge selbst damals sagte.

    https://www.youtube.com/watch?v=jpfA-d_YeGc

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